Der Vorspann mit der Nullnachricht: Scheininformationen (2) — Zeitungssprache 021

Noch einmal: Die ersten Sätze sollten die Leser nicht verprellen; sie hören dann vielleicht auf, bevor sie zur Information gelangen. Von Übel sind Fachbegriffe, vor allem die ungebräuchlichen. Das sind nur Scheininformationen. Oft geht es ohne sie.

Beispiel
Zwar laufen die Finanzierungsvereinbarungen zur Elektrifizierung der Südbahn zwischen dem Land Baden-Württemberg und dem Bund. Laut Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) wird das Land aber nicht jede Kostensteigerung bei der Modernisierung der Bahnlinie zwischen Ulm und Lindau zur Hälfte mittragen.

Erster Satz: Das ist im Nominalstil geschrieben mit „Finanzierungsvereinbarungen“, „Elektrifizierung“, „Südbahn“, „Land“, „Baden-Württemberg“ und „Bund“. Inhalt des Satzes: keiner. Das zeigt uns schon das „zwar“ am Satzanfang. Es macht klar, dass die Nachricht noch kommt.

Die Botschaft: Hier steht ein Text für Eingeweihte.

Die Botschaft: Hier steht ein Text für Eingeweihte.

Der Satz ist völlig überflüssig. Das einzige, was zur Nachricht gehört, ist „Elektrifizierung der Südbahn“. Unglücklicherweise kommt dahinter „zwischen dem Land Baden-Württemberg und …“. Das habe ich beim ersten Lesen als Ortsangabe (Südbahn von BW nach …) aufgefasst.

Zweiter Satz: wieder Nominalstil. Elf Substantive in einem 24 Wörter langen Satz. Dazu ein Fehler: Eine Strecke (hier Ulm–Lindau) bezeichnet man nicht als „Linie“.

Immerhin enthält der zweite Satz eine Nachricht: Das Land Baden-Württemberg will nicht jede Kostensteigerung mittragen. Wir ignorieren das Wort „Modernisierung“, weil das mehreres bedeuten kann, obwohl nur die Elektrifizierung gemeint ist, und fassen die Nachrichtenteile des ersten und des zweiten Satzes zusammen: Das Land Baden-Württemberg will nicht die Hälfte jeder Kostensteigerung mittragen, die wegen der Elektrifizierung der Bahnstrecke Ulm–Lindau entsteht. 

Die Nachricht ist also relativ einfach zu formulieren, wenngleich sie einen schwierigen Kern hat: „Hälfte jeder Kostensteigerung“. Weglassen können wir bis an diese Stelle „Finanzierungsvereinbarungen“ „Elektrifizierung“, einmal „Land“, „Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne)“ „Bund“, „zwar“, „aber“, „Südbahn“ und „Modernisierung“. Aus dem nächsten Satz sollte hervorgehen, was mit „zur Hälfte“ gemeint ist und wer die Quelle der Nachricht ist.

Zusammenfassung
Immer wieder erliegen Journalisten der Verlockung, ein Hintergrund-Intro zu schreiben. Weshalb das nicht taugt, dazu siehe unter anderem den Blogbeitrag 014.  In einem Intro ungebräuchliche Wörter wie „Finanzierungsvereinbarungen“ und „Elektrifizierung“ zu verwenden, signalisiert, dass der Text etwas für Eingeweihte ist.

Ich würde das Wort „Südbahn“ aus dem ersten Satz rauslassen, weil man selbst im Ulmer Raum Bahnfahrer oder -interessierter sein muss, um zu wissen, was das ist. Es ist keine Bezeichnung für eine Bahn, sondern für eine Bahnstrecke. Die Bahnstrecke „Ulm–Lindau“ ist deswegen eine klare Bezeichnung.

Es hilft immer, den ersten Satz mit der Frage: „Was ist die Botschaft?“ zu testen. Die Botschaft ist das Neue. Wenn man das Neue hinschreibt, geht’s oft genug ohne Fachbegriffe.

© Egbert Manns

Posted in Vorspann, Zeitungssprache | Tagged , , , , , , , , , | Leave a comment

Der Vorspann mit der Nullnachricht: Scheininformationen (01) — Zeitungssprache 020

Häufig täuschen Wörter am Textanfang eine Information nur vor. Sie sind unzweifelhaft sachlich richtig – bloß sagen sie nicht, was Sache ist. Seien Sie vorsichtig, wenn ein Text mit „im Streit um“ beginnt!

Beispiel
Die Deutsche Post hat im jahrelangen Rechtsstreit um staatliche Subventionen erneut einen juristischen Erfolg errungen. Das EU-Gericht erster Instanz entschied am Freitag in Luxemburg, dass die EU-Kommission 2007 ihr Beihilfeprüfverfahren gegen die Post nicht ausweiten durfte (Rechtssache T-421/07 RENV).

Wiederholen Sie bitte. Schreiben Sie auswendig auf, was die Nachricht ist! Das können Sie? Herzlichen Glückwunsch, bewerben Sie sich in einer Wirtschaftsredaktion, in der Agenturtexte redigiert werden. Kriegen Sie die Nachricht nicht auswendig hin? Willkommen im Club!

Bloß: Was ist die Nachricht?

Anmerkungen

Ein Signal, dass die Nachricht in diesem Satz wahrscheinlich nicht kommt: "Im Streit um"

Ein Signal, dass die Nachricht in diesem Satz wahrscheinlich nicht kommt: “Im Streit um”

Der erste Satz ist schon formal misslungen: Jedes dritte Wort (fünf insgesamt) ein Substantiv („Rechtsstreit“, „Subventionen“, „Erfolg“) drei davon mit einem Adjektiv angereichert („jahrelangen“, „staatlichen“, „juristischen“). Ersteres macht das Verstehen schwierig, letzteres längt den Satz, dessen entscheidendes Wort „Erfolg“ erst das vierzehnte ist.

Auch inhaltlich ist der Satz misslungen. Denn mehrere Wörter sind nur Scheininformationen: „Rechtsstreit“, „staatlich“, „Subventionen“, „erneut“, „juristischer Erfolg“. Das Wort „staatlich“ vor „Subventionen“ ist überflüssig, weil Zeitungen immer den Staat meinen, wenn sie von Subventionen schreiben, und keine private Instanz. Aus „Rechtsstreit“ und „juristischer Erfolg“ geht nicht hervor, dass es sich um ein Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof handelt, insofern führt das Wort „staatlich“ auch noch in die Irre, weil es meistens den Nationalstaat meint. Das Wort „erneut“ ist ungenau; es besagt nicht, wie oft die Post in dieser Angelegenheit schon erfolgreich war.

Der erste Satz ist also verkorkst. Er ist auch überflüssig, denn die Nachricht steht im Wesentlichen im zweiten Satz. Der ist dummerweise genauso verkorkst, ebenso voller Scheininformationen. „EU-Gericht“ reicht, „erster Instanz“ ist überflüssig. „EU-Gericht entschied … in Luxemburg“ hört sich an, als könnte es auch woanders entscheiden, was nicht der Fall ist. Richtig wäre „Europäischer Gerichtshof in Luxemburg entschied …“, denn erstens heißt das Gericht so und zweitens hat es dort seinen Sitz. „In Luxemburg“ zu streichen würde den Satz kürzer machen.

„Beihilfeprüfverfahren … nicht ausweiten“ ist nichts, womit der normale Leser etwas anfangen kann. Das ist das, was ich eingangs erwähnt habe: Der Begriff ist sachlich richtig, aber was sagt er uns? Ohnehin ging es in dem Rechtsstreit nicht mehr um Beihilfe – das Verfahren hieß bloß so. Es ging um Subventionen.

Richtig lautet die Nachricht: Die EU-Kommission durfte 2007 nicht prüfen, ob die Deutsche Post verbotenerweise Subventionen erhalten hat. Das hat das der Europäische Gerichtshof entschieden.

Zwingend müsste der Text als Nächstes die Frage beantworten, weshalb die EU-Kommission nicht prüfen durfte. Erst in dieser Antwort spielt das Wort „Beihilfeprüfverfahren“ eine Rolle.

Zusammenfassung
Es hilft nichts, Redakteure müssen sich die Frage stellen, was die Botschaft des Textes ist. Hilfreich ist es, sich Satz für Satz zu vergewissern, was denn wohl dessen Nachricht ist. Zwei Tipps: Erstens: Ein erster Satz, der mit „im Streit um“ anfängt, enthält meistens keine konkrete Nachricht. Suchen Sie im zweiten Satz danach. Zweitens: Eine Nachricht steht häufig hinter „dass“. Sie lässt sich dann selbstständig formulieren.

© Egbert Manns

Posted in Uncategorized, Vorspann, Zeitungssprache | Tagged , , , , , , , , , , | Leave a comment

Sätze (4): Hin zur Verständlichkeit. Ein Beispiel — Zeitungssprache 203 Nachtrag

Geht das? Sätze so zu bauen, dass sie aus Sinnelementen von maximal sechs Wörtern (zwölf Silben) bestehen? Nun, Schiller hat es uns vorgemacht, siehe Blogbeitrag 203, und wir versuchen das.

Der zu redigierende Absatz. Er stammt von dpa, hier verwendet wird die von ntv im 4. Satz gekürzte Fassung. --> http://www.n-tv.de/panorama/Autofahrer-aergern-sich-ueber-Artgenossen-article14844166.html

Der zu redigierende Absatz. Er stammt von dpa, hier verwendet wird die von ntv im 4. Satz gekürzte Fassung. –> http://www.n-tv.de/panorama/Autofahrer-aergern-sich-ueber-Artgenossen-article14844166.html

Ich habe als Beispiel einen Absatz aus einem Agenturtext gewählt und versucht, ihn entsprechend der Drei-Sekunden-Regel zu redigieren. Zu jedem Satz eine kurze Analyse und ein Vorschlag (besser: ein Gegenvorschlag).

Text 203-01

Quelle: siehe oben.

1. Satz. Analyse:  9 Wörter. Das Subjekt des Satzes ist „das Ärgernis“, das Prädikat ist „sind“. Es geht aber doch gar nicht darum, eine Aussage über das Ärgernis zu treffen, sondern über Autofahrer, nämlich was sie ärgert. Das Prädikat müsste also „ärgern“ sein. Weil das Prädikat zum Substantiv, gar zum Subjekt gemacht wird, wird der Satz lang. Vorschlag: „Autofahrer ärgern sich meistens über andere Autofahrer.“

Quelle: siehe oben.

Quelle: siehe oben.

2. Satz. Analyse: 30 Wörter, 1 Klammer, 1 Relativsatz, ein per Gedankenstrich abgetrennter Hauptsatz. Das Subjekt des Satzes ist „die Hälfte der Autofahrer“, das Prädikat „regen sich auf“ (grammatisch falsch, weil „Hälfte“ ein Singularwort ist, es müsste „regt sich auf“ heißen). Die sinngebende Aussage „Die Hälfte der Autofahrer regt sich auf“ erstreckt sich über 19 Wörter.

Die Länge entsteht aus zwei Gründen.
Erstens ersetzt der Autor das Wort „Autofahrer“ durch „Menschen, die selbst motorisiert unterwegs sind“. Ich finde das peinlich; der einzige Zweck der verquasten Formulierung ist ja, das Wort „Autofahrer“ zu vermeiden, das im Satz davor zweimal vorkommt. Aber ob peinlich oder nicht, die „motorisierten Menschen“ sind kein treffendes Synonym für „Autofahrer“. Sie könnten auch Motorrad- oder Mopedfahrer sein. Es geht aber nur um Autofahrer, wie die Quelle des Artikels zeigt.

Zweitens doppelt der Autor die Mengenangabe, indem er hinter „Knapp die Hälfte“ in Klammern „47 Prozent“ schreibt. Gehört „Prozent“ zu den Stolperwörtern, von denen im Blogbeitrag 202 die Rede war? Oder weshalb muss man den Lesern ausdrücklich erläutern, dass 47 Prozent „knapp die Hälfte“ bedeutet? Und wenn „Prozent“ ein zu schwieriges Wort für die Leser ist, wieso steht 20 Wörter später unerklärt das Wort „repräsentativ“?

Wieso ist der zweite Hauptsatz in dem Satz eigentlich von einem Gedankenstrich vom ersten Hauptsatz getrennt? Das ist sinnlos, dafür sind Gedankenstriche nicht da. Die sinngebende Aussage des zweiten Hauptsatzes besteht aus 10 Wörtern.

Fraglich ist, ob es an dieser Stelle richtig und wichtig ist, das Wort „repräsentativ“ zu erwähnen. Wenn wir über eine Studie Aussagen treffen, dann sollten wir das bündeln. Für die, die es interessiert, können wir am Schluss des Textes darauf hinweisen, dass die Studie repräsentativ war, wie viele Leute gefragt wurden, wer der Auftraggeber war und so weiter. Jedenfalls bündeln wir solche Aussagen und verstreuen sie nicht über den Text.
Fraglich ist auch, dass „geht hervor“ die richtige Wortwahl ist. „Geht hervor“ klingt immer nach einer Ableitung, etwa „Wir schließen daraus …“ Gemeint ist aber doch, dass etwas die Aussage/das Ergebnis einer Studie ist.

Erster Vorschlag: Wir lassen die Klammer weg, ebenso den Relativsatz. Im Klartext schreiben wir: „47 Prozent der Autofahrer regen sich über andere Autofahrer auf.“ Damit ist die Sinnverbindung zusammengerückt. „Autofahrer“ und „sich aufregen“ stehen auf 10 anstatt auf 19 Wörtern.
Zweiter Vorschlag: Wir beenden den ersten Hauptsatz mit einem Punkt. Den zweiten Hauptsatz schreiben wir so: „Das ergibt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov.“ (7 Wörter).
Dritter Vorschlag: Wir sehen jetzt, da wir die Aussagen um Sinnlosigkeiten entschlackt haben, dass der einleitende 1. Satz überflüssig ist. Der gesamte Absatz könnte bisher lauten: „47 Prozent der Autofahrer regen sich über andere Autofahrer auf. Das ergibt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov.“

Text 203-03

Quelle: siehe oben.

3. Satz. Analyse: 16 Wörter, 2 Subjekte, 1 Einschub; Gegenstände und die dazu gehörenden Mengenangaben werden zweifach auseinandergerissen.  Die Subjekte sind „Verkehrsführung“ und „Radfahrer“, das Prädikat ist „liegen dahinter“. Das Prädikat gibt eine Erläuterung der Art, wie sie „knapp die Hälfte“ im Satz davor gegeben hat. Auch in diesem Satz ist die Erläuterung sinnlos, weil Leser durchaus wissen, dass 19 und 16 weniger sind als 47. Die sinngebende Aussage „Verkehrsführung und Radfahrer liegen dahinter“ ist ohnehin sinnlos, weil in dem Satz doch bloß mitgeteilt werden soll, wie viele Autofahrer sich über die Verkehrsführung und wie viele sich über Radfahrer ärgern.

Eine Herausforderung stellt dar, das Wort „Verkehrsführung“ zu erläutern. Das ist in der Tat ein Stolperwort, das erklärt gehört. Schilder und Ampeln zu erwähnen ist sicherlich gut. Bloß nicht als Einschub in Gedankenstrichen, weil das die Aussage „Autofahrer ärgern sich über die Verkehrsführung“ auseinanderreißt und längt.

Eine Untugend ist es, Gegenstände und die dazu gehörenden Mengenangaben auseinanderzureißen. Dann kommt man um das lange Wort „beziehungsweise“ kaum herum. Nicht die Gegenstände gehören zusammen, sondern ein Gegenstand und seine Mengenangabe. Dann der nächste. Anders wäre es, wenn zu den Gegenständen dieselbe Mengenangabe gehörte. Das ist hier aber nicht der Fall.

Vorschlag: „19 Prozent der Autofahrer ärgern sich über die Verkehrsführung (Schilder, Ampeln und ähnliches), 16 Prozent über Radfahrer, 2 Prozent über Fußgänger.“ Sie sehen fünferlei:
Erstens habe ich den letzten Satz des Originals mit 4 Wörtern hinzugefügt. Im Original (Quelle: ntv) hat er 10 Wörter, davon 8 für den Sinnzusammenhang.
Zweitens liest sich der gesamte Absatz jetzt als das, was er ist: eine Aufzählung mit Quellenangabe. Der Autor hatte aus der Aufzählung schlecht verständliche Literatur gemacht. Das ist leider üblich wie übel und wird das Thema eines späteren Blogbeitrags zum Thema „Aufzählung“ sein.
Drittens schreibe ich Mengenangaben in Metern, Gramm und Prozent in Ziffern. Ich benutze auch dann Ziffern, wenn andere Angaben dahinter stehen und mehrere Zahlen vorkommen, die verglichen werden sollen, zum Beispiel die Zahlenangaben vor „Wörter“.
Viertens habe ich nichts gegen eine Klammer am Satzende. In diesem Fall steht sie am Ende des Sinnzusammenhangs.
Fünftens habe ich (siehe unten) zwei Sätze mit „XX Prozent der Autofahrer …“ begonnen, weil Sätze leichter verstanden werden, wenn die Reihenfolge von Subjekten, Prädikat und Objekt beibehalten wird als wenn sie geändert worden wäre.

Mein Vorschlag in Gänze:
47 Prozent der Autofahrer regen sich über andere Autofahrer auf. Das ergibt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov. 19 Prozent der Autofahrer ärgern sich über die Verkehrsführung (Schilder, Ampeln und ähnliches), 16 Prozent über Radfahrer, 2 Prozent über Fußgänger.

@ Egbert Manns

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Sätze (3): Verständliche Sätze in welcher Länge? — Zeitungssprache 203

Sätze verleihen den Wörtern den Sinn, den der Autor vermitteln möchte. Das gelingt natürlich nur, wenn die Leser den Satz auch kapieren. Ein Mittel, das dazu beitragen kann, ist die Satzlänge — oder besser die Satzkürze.

Satzlängen. Angaben aus der Tabelle, die zum Beispiel von Marco Prestel veröffentlicht worden ist --> http://www.marcoprestel.de/text14.html

Satzlängen. Angaben aus der Tabelle, die zum Beispiel von Marco Prestel veröffentlicht worden ist –> http://www.marcoprestel.de/text14.html

In gedruckter Literatur und im Internet taucht seit Jahren immer wieder eine Tabelle auf, die Empfehlungen von dpa und Sprachforschern enthält, ferner ein paar Hinweise auf Satzlängen in der Literatur. Die ursprüngliche Quelle habe ich nicht entdeckt und ich habe die Angaben auch nicht verifiziert. Ich gebe die Tabelle hier wieder, habe sie aber in der Form verändert, damit sie auf die Seite passt.

Angemessene Länge
Wie lange ein Satz sein soll, damit er bestmöglich zu verstehen ist, hängt von so vielen Faktoren ab, dass sich vielleicht gar keine exakte Regel finden lässt. Ganz allgemein kann man sagen: So kurz wie möglich und so lang wie nötig. Und dem Ereignis angemessen. Eine Beerdigung werden wir aber mit längeren, gediegeneren Sätzen schildern als ein Rennen von Miniatursportwagen über eine Gartenpiste.

Die Empfehlung, in kurzen Sätzen zu schreiben, ist passé. Das Staccato nervt: „Der Gemeindehaushalt schließt mit einem Minus ab. Er enthält drei Millionen Euro. Das hat Bürgermeister Heiner Hansen mitgeteilt. Der Gemeinderat zeigte sich verärgert. Seine Kritik, quer durch alle Fraktionen: Die Verwaltung habe das Rathaus zu teuer sanieren lassen.“ (Satzlängen in Wörtern: 7, 5, 6, 5, 6, 9)

Das Gleiche in zwei langen Sätzen ist anstrengender zu erfassen, zumal am Ende des zweiten Satzes eine Bedeutungsunschärfe * interpretiert werden muss: „Der Gemeindehaushalt schließt dieses Jahr Bürgermeister Heiner Hansen zufolge mit einem Fehlbetrag in Höhe von rund drei Millionen Euro ab. Der Gemeinderat zeigte sich quer durch alle Fraktionen verärgert und kritisierte die Verwaltung wegen einer zu teuren Sanierung des Rathauses.“ (20, 20).

Was also tun?

Besser kürzere Sätze
Wir halten einfach einmal fest: Für die Verständlichkeit sind kürzere Sätze besser. Denn die Leser haben die Kraft, solche Sätze bis zum Ende zu lesen. Am langen Satz aber können sie scheitern. Nämlich dann, wenn sie mit dem Verstehen vor dem Ende schlapp machen oder wenn sie ihn bis zum Ende schaffen, aber dann den Anfang vergessen haben.

Was aber ist ein kurzer Satz? Mit anderen Worten: Wann ist ein Satz zuende? Am Punkt? Keinesfalls. Ich zitiere einen Satz aus Schillers „Bürgschaft“, den Wolf Schneider in „Deutsch!“ zitiert, um zu zeigen, was einen verständlichen Satz ausmacht: „Da treibt ihn die Angst, da fasst er sich Mut und wirft sich hinein in die brausende Flut und teilt mit gewaltigen Armen den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.“ Das sind 30 Wörter und wenn man den Punkt als Satzende definiert, ist das ein langer Satz.

In Wirklichkeit besteht der Satz aus mehreren kurzen Sätzen. „Da treibt ihn die Angst“ (5 Wörter), „da fasst er sich Mut“ (5), „und wirft sich hinein in die brausende Flut“ (8), „und teilt mit gewaltigen Armen den Strom“ (7), „und ein Gott hat Erbarmen“ (5). Dieser 30-Wörter-Satz besteht aus fünf kurzen Sätzen und das macht ihn leicht verständlich. Der oben zitierte 20-Wörter-Satz „Der Gemeindehaushalt schließt …“ ist lang, weil er drei Einschübe enthält — „dieses Jahr“, „Bürgermeister Heiner Hansen zufolge“ und „in Höhe von rund drei Millionen Euro“. Wenn wir die Einschübe wegnehmen, bleibt übrig: „Der Gemeindehaushalt schließt mit einem Fehlbetrag ab.“

Ein Satz ist also nicht unbedingt mit dem Punkt zu Ende. Zwischen zwei Punkten können durchaus mehrere Sätze stehen. Ein Satz ist vielmehr dann zuende, wenn er einen Sinn ergeben hat. Einschübe zögern die Sinnfindung 😉 hinaus; vor allem sie sind es, die den Satz verlängern.

Für eine verständliche Satzlänge fordert Wolf Schneider: „An die 3 Sekunden denken.“ ** Er beruft sich auf den Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel, demzufolge das menschliche Bewusstsein Informationen nur bis etwa drei Sekunden als Ganzes erfasst. Daraus folgert Schneider: „Habe ich alles, was im Satz zusammengehört, so dicht aneinandergeschoben, dass meine Leser den Abstand dazwischen in maximal drei Sekunden überbrücken können?“

In Text umgesetzt bedeutet das: „Der Durchschnittsbürger bewältigt in drei Sekunden sechs Wörter oder zwölf Silben.“ Auf dieser Strecke muss die Information, muss der Sinn mitgeteilt werden. Diese Strecke kann Schneider zufolge ein Hauptsatz sein, die Kombination von Artikel und Substantiv ohne vorangestelltes Attribut, Subjekt und Prädikat, die beiden Hälften eines mehrteiligen Verbs.

Fazit
Hier finden Sie also keine Aufforderung dazu, nach spätestens sechs Wörtern einen Punkt zu machen. Sondern die Aufforderung, Informationen im Satz zu bündeln und nicht so zu dehnen, dass der Leser den Überblick verliert. Der durchschnittliche Leser, wohlgemerkt. Nicht der überdurchschnittlich gebildete und intelligente. Wir Redakteure schreiben für alle, aber natürlich vor allem für diejenigen, die nicht schon alles wissen, sondern etwas erfahren wollen.

Geht das? Sätze so zu bauen, dass sie aus Sinnelementen von maximal sechs Wörtern (zwölf Silben) bestehen? Nun, Schiller hat es uns vorgemacht und wir versuchen das. Ich habe als Beispiel einen Absatz aus einem Agenturtext gewählt und versucht, ihn entsprechend der Drei-Sekunden-Regel zu redigieren. Das geschieht im nächsten Blogbeitrag, Zeitungssprache 203 Nachtrag.

@ Egbert Manns

* Die Bedeutungsunschärfe liegt in „… wegen einer zu teuren Sanierung des Rathauses“. Aus dem Satz geht nicht hervor, ob das Rathaus wirklich zu teuer saniert worden ist oder ob das die Kritiker bloß behaupten. Lange Sätze enthalten solche Unschärfen häufiger.
**  Quelle für alles Folgende, das von Schneider stammt: Wolf Schneider, Deutsch! – Das Handbuch für attraktive Texte, Reinbeck bei Hamburg 2007, S. 57 bis 61. Zur Verständlichkeit von Sätzen nach dem Hirnforscher Ernst Pöppel siehe auch das Blog von Marco Prestel.

Posted in Sätze, Zeitungssprache | Tagged , , , , , , , , , , , , | Leave a comment

Sätze (2): Sätze aus bekannten Wörtern — Zeitungssprache 202

Die meisten Redakteure haben studiert. Die meisten Leser haben nicht studiert. Das ist eine reizvolle Kombination, die zwangsläufig zur Frage führt: Verstehen die Leser die Redakteure? Und andersherum: Können die Redakteure sich den Lesern verständlich machen? Ein einfacher Rat: Sätze aus möglichst bekannten Wörtern bilden und Fachbegriff und Jargon vermeiden. Und wenn das gleich mit dem ersten Satz geschieht, steigt die Chance, dass die Leser weiterlesen.

Anmerkungen
Mit der Forderung, einfach zu schreiben, sind die meisten Redakteure  von Volontärsbeinen an konfrontiert worden. Aber was heißt „einfach“? Ganz einfach, es heißt, auf schwierige Dinge zu verzichten — auf Wörter, die nicht einfach zu verstehen sind, auf Satzbauten, die man nur mit Nachdenken entschlüsseln kann, auf Gedanken, die spezielles Wissen voraussetzen, auf nachrichtenfreie Satzanfänge, auf schiefe Bilder. Unter „schwierig“ fällt auch Jargon.

In diesem Blogbeitrag geht es darum, dass Sätze nicht einfach zu verstehen sind, weil in ihnen Wörter vorkommen, die einem Jargon, einer Fachsprache oder einfach der Einfallslosigkeit oder Redigierunwilligkeit des Autors entspringen. Dummerweise ist „einfach zu verstehen“ etwas, was von Mensch zu Mensch anders ist. Was der eine kennt, kennt der andere ungefähr und wieder ein anderer gar nicht. Von den vielen Zugezogenen, die nicht mit Deutsch aufgewachsen sind, müssen wir hier nicht reden.

Ein Liste unverständlicher Wörter gibt es nicht. Was also sind Wörter, die nicht einfach zu verstehen sind, und wer gibt den Maßstab vor?

Ich ermuntere Volontäre und Redakteure zunächst, sich selbst zum Maßstab zu machen. Wenn sie über ein Wort stolpern, das ihnen nicht völlig klar ist: Weglassen, umformulieren. Denn analog zu einem Ausspruch Friedrichs des Großen gilt: Wir sind die ersten Leser unserer Leser. Das heißt: Was wir nicht verstehen, werden wir unseren Lesern nicht zumuten. Also formulieren wir es so, dass wir es leicht(er) verstehen.

Beispiele
1. Stolperwörter

Für nicht einfach zu verstehende Wörter gibt es, wie gesagt, keine Positivliste. Ich empfehle: Lesen Sie eine Ausgabe Ihrer Zeitung einmal komplett durch, von der Politik bis zum Sport. Streichen Sie die Wörter an, die sie verdächtigen, nicht allgemein verständlich zu sein.

Stolperwörter.

Stolperwörter.

Ich habe das mit den ersten acht Seiten einer Ausgabe meiner Zeitung gemacht und bin über mehrere Dutzend Wörter und Begriffe (Wortkombinationen) gestolpert, über deren Sinn ich beim Redigieren wenigstens einmal nachdenken würde.

Ein paar Beispiele: „Weichzeichner“ kennt nur jemand, der Bilder am Computer bearbeitet. „Run auf“ setzt Englisch-Kenntnis voraus. „Prinzipiell“ ließe sich eindeutschen. „Kompetenzen integrativ vermitteln“ ist desinformativer Stuss, „Smart“ ist Journo-Jargon und heißt auf Deutsch laut Wikipedia „schnell“, „gewitzt“ oder „schlau“ und auf Schwäbisch „kniz“. Und so weiter bis zu „Lover“, für das man „Liebhaber“ schreiben könnte, dann kapieren es alle.

2. Wie ein Stolperwort einen Satz kaputt macht

Debatte um Quoten …

Debatte um Quoten …

Wir nehmen das Wort „Quote“ als Beispiel. Folgenden ersten Satz einer Meldung habe ich gelesen: „In der Debatte um hohe Sitzenbleiber-Quoten vor allem an Realschulen im Südwesten hat Kultusminister Andreas Stoch (SPD) an die Eltern appelliert, die Empfehlung der Lehrer vor dem Übertritt an weiterführende Schulen ernster zu nehmen.“

„Debatte“ — hm, ist vielleicht geläufig. „Sitzenbleiber-Quoten“ — hm, was ist das? Eine Quote ist der Anteil von etwas. Anstatt „hohe Sitzenbleiber-Quoten“ könnte man also „hoher Sitzenbleiber-Anteil“ schreiben. Klingt holprig. Wie wäre es mit „viele Sitzenbleiber“? Das klingt popelig und ungenau, denn was bedeutet „viele“? Andererseits klingt „hohe Sitzenbleiber-Quote“ bloß sachlicher, ist aber nicht genauer, denn was bedeutet „hohe“?

Und dann diese Wörterkombination „Debatte um Quoten“ — das ist ein Rausschmeißer, der Satz ist kaputt. Den Artikel liest nur, wer das Wort „Realschulen“ bemerkt hat und entweder Realschüler, Realschulschülereltern, Realschullehrer oder bildungspolitisch interessiert/engagiert ist.

Ach, hätte der Autor die Meldung doch mit einer Information begonnen. Damit hätten alle, die einen Blick darauf werfen, gewusst, was Sache ist. Zum Beispiel hätte er auf die Frage: „Was ist los?“, so antworten können: „Eltern sollen die Empfehlung der Lehrer ernst nehmen, auf welche weiterführende Schule ihr Kind wechseln sollte.“ Dahinter noch einen Satz à la „Das fordert/verlangt/wünscht Kultusminister Andreas Stoch.“ Im dritten Satz die  Begründung für den Appell: In der 5. Realschulklasse seien im Jahr 2014 etwa 44 von 1000 Kindern sitzengeblieben; im Jahr 2011 waren es nur 8 von 1000 Kindern. Oder so ähnlich. Wer braucht Quoten, wenn die Zahlen so klar sind!

3. Kaputte Sätze

Sätze, die wegen Stolperwörtern kaputt sind, lassen sich zuhauf finden.
— „Die Verbraucherzentralen warnen vor einem sorglosen Umgang mit persönlichen Daten bei digitalen Gesundheitsangeboten.“
— „Die Sorge vor einem politischen Linksruck in Griechenland bei den Neuwahlen Ende Januar treibt auch Ökonomen um“
— „Deutschlands Großunternehmen sind trotz der Konjunkturflaute im Euroraum und weltweiter Krisen auf Erfolgskurs“
— „Die erfolgsverwöhnten Minis streben nach der Titelverteidigung, der Rekordchampion gibt den Herausforderer, und ein deutscher Co-Pilot will endlich ganz vorne landen.“

Ach, Sie haben das kapiert? Dann wiederholen Sie ohne hinzugucken, was Sie gerade gelesen haben. Sollte Ihnen das nicht gelingen, suchen Sie doch mal nach den Stolperwörtern.

Vielleicht gelingt es Ihnen dann, die Sätze leichter verständlich zu formulieren. Für die oben genannten Beispiel könnte das so aussehen:
— „Viele Gesundheitsangebote im Internet melden den Versicherungen, wie es um Ihre Gesundheit steht.“

Die Links zum Text, der zeigt, dass das Gegenteil dessen gemeint ist, was der Satz auszusagen scheint.

Die Links zum Text, der zeigt, dass das Gegenteil dessen gemeint ist, was der Satz aussagt.

— „Wenn Griechenland im Januar eine linke Regierung bekommt, droht Europa keine neue Finanzkrise.“ (Das liest sich anders als das, was oben steht, aber wenn man den Artikel weiter liest, merkt man, dass der Satz „Die Sorge vor einem politischen Linksruck …“ als Anfang der real existierenden Meldung Unfug war; jedenfalls steht im weiteren Text das Gegenteil. Der Autor hat sich im Übrigen geirrt …)
— „Deutschlands Großunternehmen haben in den ersten neun Monaten dieses Jahres 9 Prozent mehr Gewinn gemacht als in den ersten neun Monaten 2013.“
— „Die Rallye Dakar beginnt morgen. Sie führt vom 4. bis 17. Januar über 9111 Kilometer durch Argentinien, Bolivien und Chile.“

Jetzt wiederholen Sie mal, was Sie gerade gelesen haben …

Fazit
Es bedeutet Arbeit, Sätze mit bekannten Wörtern zu formulieren. Gerade dann, wenn man als Textvorlage Sätze hat, die um die Information herumstolpern. Diese Arbeit müssen wir Redakteure jedoch leisten. Nur wenn wir uns die Mühe machen, Sätze so zu schreiben, dass die Leser gleich ein Bild von der Information vor sich sehen, hat der Beruf eine Existenzberechtigung.

Texte einfach zu übernehmen anstatt zu redigieren, dafür braucht eine Zeitung keine Redakteure, das können Ungelernte. Für die Printmedien wäre Letzteres das sichere Aus Wieso sollten Leute für eine Information Geld bezahlen, die sie im Internet kostenlos bekommen? Redigieren, wovon das Wort „Redakteur“ kommt, bedeutet immer, Texte kritisch zu prüfen. Das oben genannte Griechenland-Beispiel zeigt auch: Schon die einfache sprachliche Prüfung, das einfache Bemühen, einen Sachverhalt einfacher zu schreiben, bringt es mit sich, dass Unfug bemerkt und eliminiert werden kann.

@ Egbert Manns

Posted in Sätze, Textdesign | Tagged , , , , , , , , , , , | Leave a comment

Sätze (1): Sätze ergeben Sinn — Zeitungssprache 201

Der Informationsgehalt von Wörtern wird häufig erst im Satz klar. Denn Wörter können mehrdeutig sein. Sie tragen Informationen, die wir entschlüsseln (sic!) müssen. Wir setzen Wörter absichtsvoll zusammen, weil die Zusammensetzung die Information freisetzt, die wir dem Leser anbieten. Diese Zusammensetzung ist der Satz; der Satz ist der Schlüssel zu den Wörtern.

Beispiel:
Ein Brauner Zwerg hat mehr Masse als Jupiter.

Der Satz enthält Wörter, die mehrere Bedeutungen haben können. Zum Beispiel
„Braun“ — Assoziationen: Farbe, Synonym für Nazi, Rasierapparat.
„Zwerg“ – Assoziationen: Sagengestalt, Gartenzwerg, kleiner Mensch.
„Jupiter“ — Assoziationen: Oberste römische Gottheit, größter Planet unseres Sonnensystems, Küchenmaschinenhersteller.
„Masse“ — Assoziationen: Viel von etwas, Menschenauflauf, Physik.

Anmerkungen:
Das Thema des Beispielssatzes haben Sie erkannt, es ist die Astronomie. Vermutlich hat die Formulierung „hat mehr Masse als Jupiter“ das klargemacht. Hätte der Satz gelautet: „Ein brauner Zwerg hat Jupiter geärgert“, wäre nicht die Astronomie, sondern die  griechische Mythologie als Thema zu vermuten gewesen. „Masse haben“ (alternativ: „ärgern“) ist in diesem Beispiel die entscheidende Information, die die Wörter zu entschlüsseln hilft.

Das Thema „Astronomie“ ist also klar. Aber ist auch klar, welchen Sinn der Satz „Ein Brauner Zwerg hat mehr Masse als Jupiter“ hat? Wer Astronomiekenntnisse hat, weiß, was ein Brauner Zwerg ist (als Fachbegriff mit großem B geschrieben). Wer diese Kenntnis nicht hat, kann sich dem Sinn des Satzes nur annähern: Es gibt etwas, das mehr Masse als der Planet Jupiter hat, und das wird „Brauner Zwerg“ genannt.

Wir sehen: Ein Satz verleiht den Informationen, die seine Wörter beinhalten, die Information, die zum beabsichtigten Sinn führt. Den Sinn zu erkennen setzt Vorkenntnis voraus, erstens eine vom Thema, zweitens eine von den Wörtern.

Mit Vorkenntnis umzugehen ist die größte Schwierigkeit des Journalismus. Ein Beispiel aus meiner Heimat: Der Satz „Die Hauptstraße wird geteert“ müsste klar sein, denn sowohl die Hauptstraße als auch Teer gehören zum Alltagswissen. Aber diese Nachricht kommt ja nicht alleine. Sie kann – im Folgenden ein konstruierter Fall – in Varianten auftreten:
Der Illertisser Gemeinderat hat beschlossen, die Hauptstraße neu zu teeren.
Der Kreistag Neu-Ulm hat beschlossen, die Hauptstraße neu zu teeren.
Der Bezirkstag von Schwaben hat beschlossen, die Hauptstraße neu zu teeren.

Dass es die Stadt Illertissen gibt und wie sie aussieht, gehört für die Einwohner zum Alltagswissen. Etwas weniger Leuten, aber den meisten (hoffe ich) ist auch ungefähr klar, was der Gemeinderat ist. Ungefähr, das heißt, es ist als Gremium bekannt. Was er im Einzelnen tut und tun darf, ist sicherlich weniger bekannt.* Noch weniger bekannt ist der Kreistag, erst recht nicht sind es seine Befugnisse.** Und vom Bezirk Schwaben wissen viele nicht einmal, dass es ihn gibt, wie ich als Lokalredakteur bemerkt habe.

Sie sehen, ich hantiere mit Wörtern wie „müsste“, „hoffe ich“ und „sicherlich“. Woher sollen wir Journalisten wissen, was die Leser wissen? Und wenn wir Untersuchungen gelesen haben, ist nichts greifbarer. Gilt deren Ergebnis im konkreten Fall oder verhält es sich wie mit Wettervorhersagen, die das große Ganze im Durchschnitt richtig treffen, bloß dass es trotz gleicher Vorhersage an einem Ort regnet und am anderen nicht?

Fazit:
Welche Vorkenntnis gerade von den Dingen, über die Zeitungen dauernd berichten, kann ein Journalist voraussetzen? Die Frage lässt sich nicht beantworten. Sie deshalb zu ignorieren gilt aber nicht. Denn die Frage weist immerhin auf einige Anforderungen hin, die zu beachten den Kreis der verstehenden Leser erweitern könnte:
1. Sätze sollten aus möglichst bekannten Wörtern gebildet werden.
2. Sätze sollten aus sich heraus verständlich sein.
3. Sätze sollten den Leser nicht am Anfang verprellen; er hört dann vielleicht auf, bevor er zur eigentlichen Information gelangt. In diesem Sinne ist der oben angeführte Satz die zweitbeste Lösung: „Der Illertisser Gemeinderat hat beschlossen, die Hauptstraße neu zu teeren.“ Informativer wäre die folgende Informationsfolge: „Die Hauptstraße wird neu geteert. Das hat der Bezirkstag von Schwaben beschlossen.“ Was zu der Anforderung führt:
4. Am einfachsten zu verstehen ist die Satzreihenfolge Subjekt, Prädikat, Objekt (SPO). Deshalb sind SPO-Sätze für Nachrichten erste Wahl.

@ Egbert Manns

* Unkenntnis hält vom Engagement ab, siehe dazu auch die Ergebnisse der Schulabgängerumfrage „Youcheck“ 2014.

** Eine Umfrage in Ravensburg hat laut der Schwäbischen Zeitung ergeben, dass jeder Zweite nicht weiß, was ein Kreistag ist.

Posted in Sätze, Textdesign | Tagged , , , , , , , , , , , , , , , | Leave a comment

Absätze (4): Geschichte in der Geschichte – Zeitungssprache 104

Ein neuer Absatz signalisiert: Hier kann etwas Neues kommen. „Fange ein neues Thema, eine neue Schlussfolgerung, einen Wechsel der Quelle mit einem neuen Absatz an“, empfiehlt deshalb beispielsweise die Schreibzentrale der Texas-A&M-Universität den Studenten. Solch eine Verheißung des Neuen sollte der Verfasser möglichst auch erfüllen. Das geht mit einer neuen Nachricht, einem anderen Aspekt einer Nachricht, einer anderen Quelle — eben mit etwas Anderem als im vorangegangenen Absatz. So kann ein Absatz zu einer Kurzgeschichte in der Geschichte werden oder wenigstens zum Beginn einer Kurzgeschichte.

Anmerkungen:
Manchmal findet man keinen Anhaltspunkt, einen inhaltlich sinnvollen Absatz zu in eine Passage machen. Manchmal muss eine Nachricht stringent über 30, 40 Zeilen erzählt werden, Aufzählungen und Beschreibungen zum Beispiel, und der Verfasser findet keine Möglichkeit, daraus zwei, drei Kurzgeschichten zu machen. Dann wird der Absatz eben reingemacht, ohne dass es etwas Anderes kommt. Er dient zwar nicht der inhaltlichen Struktur, aber der Leserlichkeit des Artikels.

Allerdings: Den Absatz bitte so beenden, dass der nächste Satz nicht den letzten des vorangegangenen Absatzes fortführt! Eine Zäsur lässt sich immer schreiben. Wenn ich mit Volontären oder Studenten über Absätze spreche, kommt immer wieder die Frage, was ich von solchen täuschenden Übergängen (siehe auch Nr. 1 und 5 unten im Beispiel) halte. Solche Übergänge fallen also auf. Ich halte sie für falsch, für handwerkliche Fehler.

Wenn wir Absätze als Kurzgeschichten begreifen, dann folgt daraus: Neue Nachrichten und Aspektwechsel schreiben wir nachrichtlich. Wir können aus dem Imperfekt herausgehen und das Neue mittels dem Perfekt als neue Nachricht kennzeichnen (wie das geht: siehe die Blogbeiträge 001 bis 019). Das kann aus drei Gründen sinnvoll sein.
– In der Gattung Nachricht ist ein nachrichtlicher Einstieg in einen neuen Aspekt schon von der Systematik her sinnvoll.
– Nach einer erzählenden Imperfektpassage plötzlich wieder ein Perfekt zu lesen, signalisiert dem Leser schon sprachlich, dass hier etwas Neues kommt.
– Längere Nachrichtentexte im Imperfekt leinern so vor sich hin. Das Perfekt hingegen, eingesetzt für neue Informationen oder Aspekte, spricht den Leser immer wieder an.

Text in gleichlange Absätze unterteilt, aber nicht nach inhaltlichen und sprachlichen Gesichtspunkten. Quelle: dpa

Text einfach in gleichlange Absätze unterteilt, aber nicht nach inhaltlichen und sprachlichen Gesichtspunkten gegliedert. Quelle: dpa-Text in den Online-Ausgaben von Welt, FAZ, Focus, Augsburger Allgemeine, SHZ und anderen.

Beispiel:
Rechts steht ein Beispiel für Artikel, deren Absätze gerichtet werden müssten, damit sie sprachlich näher am Leser, entleiert und besser erzählt sind. Einer sprachlichen Kritik enthalte ich mich hier. Es geht nur um das, was mit Absätzen zu tun hat. Der Text einschließlich der Absatzsetzungen stammt von der Nachrichten-agentur dpa und ist in zahlreichen Online-Zeitungen unredigiert erschienen.

Zu 1.: Negativ, das geht gar nicht. Der erste Absatz nach dem Vorspann beginnt einfach mit einem Bezug auf den Satz davor, wie uns in diesem Fall das „Dabei …“ verrät. Richtig wäre, den Text im ersten Absatz nach dem Vorspann selbstständig anfangen zu lassen. Zum Beispiel so: „Die Basler Kantonspolizei prüft, ob der Mann sich wirklich selbst erschossen oder nicht doch ein Polizist den tödlichen Schuss abgegeben hat.“

Zu 2.: Negativ, weil nicht klar ist, was hier erzählt wird. Angetäuscht wird Biografie
(„…, der in der Schweiz wohnte …“), weitererzählt wird Ereignis („… war aus der Haftanstalt in eine ärztliche Notfallstation gebracht worden.“) Vorschlag: Biografie weglassen und irgendwo hinten etwas ausführlicher bringen. Der Mann, der in der Schweiz arbeitete und aus der Haftanstalt verlegt wurde, das sind keine Informationen, die etwas miteinander zu tun haben.

Zu 3.: Negativ, die Geschichte leiert. Hier kann man, weil jetzt ein neuer Aspekt des Geschehens (Verfolgung, Handgemenge, Schuss) kommt, mit dem Perfekt einsteigen. Zum Beispiel. „Ein Polizist ist dem Mann nachgelaufen.“ Dann ins Imperfekt wechseln: „Auf dem Platz „Totentanz“ nahe dem Rheinufer …“

Zu 4.: In Ordnung. Hier beginnt ein neuer Aspekt, deshalb fängt hier auch ein neuer Absatz an.

Zu 5.: Negativ. Der erste Satz gehört inhaltlich zum vorangegangenen Absatz. Der Absatz müsste mit dem nächsten Satz beginnen; dieser Satz sollte nicht geleiert, sondern erzählt werden. Dafür ist, weil ein neuer Aspekt beginnt, der Wechsel ins Perfekt sinnvoll: „Weshalb der Deutsche in U-Haft gesessen hat, …“ In diesem Absatz könnten alle biographischen Angaben sinnvoll untergebracht werden.

Der Beispieltext enthält nach dem Vorspann fünf gleichlange Absätze (10 bis 11 Zeilen). Die Gleichlängigkeit wirkt ein bisschen langweilig, aber spätestens mit dem Redigieren, der sprachlichen und inhaltlichen Verbesserung des Manuskripts, dürften die Absätze unterschiedlich lang werden. Die letzte Zeile neben Nr. 2 ist sehr leer, die letzte Zeile neben Nr. 3 sehr voll. Beide sind am Limit; nach meinem Verständnis sind Nr. 2 tolerabel und Nr. 3 zu voll, sie lässt zu wenig Weißraum, siehe Blogbeitrag Nr. 101.

Die biographischen Angaben müssten gebündelt werden. Am besten im letzten Absatz, weil sie mit dem Ereignis nichts zu tun haben.

Wegen der sinnfreien Returns an den Stellen Nr. 1 und Nr. 5 könnte man den Eindruck haben, der Autor habe den Text einfach in sechs gleichlange Absätze (ein Vorspann, fünf Absätze Brottexte) gegliedert, egal, ob sich der erste Satz des nächsten auf den letzten des vorangegangenen Absatzes bezieht. Per Abzählreim mit dem Zentimetermaß? Das ist handwerklich gesehen keine Meisterleistung.

Zusammenfassung:
Absätze dürfen nicht mit dem Salzstreuer über den Text verteilt werden, auch nicht mit dem Zentimetermaß. Sie strukturieren den Text optisch und inhaltlich und jeweils an der angemessenen Stelle, sie markieren kleine Geschichten in der Geschichte. Mit einem Text muss man sich eben Mühe geben. Andernfalls kann man Laien die Zeitung machen lassen.

© Egbert Manns

 

Posted in Absätze, Textdesign, Zeitungssprache | Tagged , , , , , , , , | Leave a comment