Leserbriefe

„Ihr seid ausgesprochene Feiglinge, um nicht zu sagen Schisshasen“, schrieb ein Leser im Sommer 2013 an die Lokalredaktion der Südwest Presse in Ulm. Der Grund des Unmuts: Wir hatten seinen Leserbrief nicht veröffentlicht. Genauer: Wir hatten ihn veröffentlicht, aber er hatte ihn nicht gesehen.

Der Herr hat von mir ziemlich kommentarlos einen Ausdruck der betreffenden Seite geschickt bekommen. Das ist gut zwei Wochen her, bis jetzt hat er sich nicht entschuldigt. Wozu auch; Begriffe wie „Feiglinge” benutzen Kommentatoren durchaus auch („Schisshasen” natürlich nicht gerade …), dafür muss man sich ja nicht entschuldigen. Bloß dass der Herr und ich per „Du” sind, war mir neu.

Na gut. Erfreulicherweise kommen solche Briefe nicht jeden Tag an. Was natürlich zur einen Hälfte daran liegt, dass wir eben knapp die Hälfte aller Leserbriefe in der Tageszeitung veröffentlichen können. Zur anderen Hälfte liegt es daran, dass man sich ja denken kann, weshalb ein Leserbrief nicht veröffentlicht wird: Es war halt kein Platz da. Die Abdruckquote in der Südwest Presse in Ulm beträgt rund 50 Prozent, eher etwas weniger.

Manchmal wollen wir einen Brief natürlich gar nicht in der Zeitung veröffentlichen. Man glaubt es kaum, aber es gibt Leute, die rotzen einfach was aufs Papier oder in die Email – unvollständige Sätze, ein Tippfehler nach dem anderen, Fäkalsprache, Beleidigungen und Gemeinheiten, Stichwörter. Hallo! Dafür ist das Papier dann zu schade, das Abo zu teuer und manches geht aus rechtlicher Sicht gar nicht.

Vor 14 Jahren, Ende 1999, habe ich mit der Produktion von Leserbriefen in der Südwest Presse angefangen. Vor fünf Jahren war damit erstmal Schluss, seit einem guten Jahr bin ich wieder im Geschäft. Eigentlich kein schlechter Job, jeder Redakteur sollte das mal ein, zwei Jahre hauptamtlich machen. Denn
– erstens lernt man Leser kennen (und manche lernt man wirklich kennen und die einen auch) und erfährt in vielen Gesprächen, was wir richtig, falsch oder gar nicht machen,
– zweitens bekommt man einen Einblick in das, was die Leser bewegt (Leserbriefe sind diesbezüglich für die gedruckte Zeitung, was die Klickzahlen für die Online-Zeitung sind, natürlich im kleinsten Maßstab),
– drittens lernt man, die eigene gelegentlich auftretende Verzweiflung in den Griff zu bekommen und trotz häufigen Mitleids die eigenen Prinzipien zu wahren.

Verzweiflung? Prinzipien? Mitleid? Ja, es ist zum Sich-die-Haare-raufen, wenn jeder vierte oder fünfte Brief einfach deshalb nicht veröffentlicht wird, weil die Absenderangabe unvollständig ist. Und weil wir die Zeit nicht haben, das zu recherchieren. Jede Woche steht ein- oder zweimal in der Zeitung, dass wir Namen, Anschrift und Telefonnummer brauchen. Man glaubt nicht, wie häufig die Telefonnummer fehlt. Und dann kommt irgendwann der Anruf von der Art: „Ist was mit meinem Brief, dass Sie ihn nicht veröffentlichen?” – Die Anspruchshaltung, dass ein Leserbrief veröffentlicht werden muss, ist durchaus verbreitet. Der Platz dafür leider nicht.

Wozu wir die Angaben benutzen, welche Leserbriefe veröffentlicht werden und welche nicht, weshalb es manchmal zu lange dauert, bis ein Brief veröffentlicht wird, und weshalb die Redaktion sich stets das Recht vorbehält, Leserbriefe zu kürzen, dazu habe ich im September/Oktober 2013 eine sechsteilige Serie auf swp.de veröffentlicht. Zur Lektüre und Kommentierung empfohlen.

Die Leserbrief-Serie in swp.de:

Nachtrag am 26. Dezember 2013:
Verglichen mit Lesern der “Nürnberger Nachrichten/nordbayern.de” sind Südwest-Presse-Leser überaus freundlich 😉
Mit denen des “Nordbayerischen Kuriers” ebenfalls.
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