Sätze (9): Der verspätete Relativsatz (2) — Zeitungssprache 208

Kurze Sätze zu schreiben ist einfach. Es gelingt oft schon, wenn man Einschübe vermeidet. Relativsätze sind solche Einschübe. Sie einfach hinten dranzuhängen, um den Hauptsatz vom Subjekt bis zum Objekt oder Verb kurz zu halten, ist in Ordnung, wenn es richtig gemacht wird. Die Faustregeln dafür habe ich im Blogbeitrag 207 erwähnt.

Häufig passt das Relativpronomen nicht zum Nomen, auf das es sich beziehen müsste. Andererseits muss man in manchen Sätzen erst forschen, auf welches Nomen sich das Relativpronomen bezieht, auch wenn es grammatikalisch richtig eingesetzt wird.

Beispiele:
1. „Außerdem beschreiben Planetenforscher in „Science“ die überraschende Entdeckung von ausgedehnten Polarlichtern auf dem Mars, die von der Nasa bereits früher im Jahr bekanntgegeben worden war.“ dpa Die Welt

2. „Bei einem Sonnensturm schleudert die Sonne elektrisch geladenes Gas ins All, das starke Magnetfelder mit sich trägt.“ dpa  Die Zeit 

Anmerkungen:
Zu 1. Das Relativpronomen „die“ bezieht sich weder auf das letzte Substantiv vor ihm, „Mars“, noch auf das vorletzte, „Polarlichtern“, sondern auf das vorvorletzte, auf „Entdeckung“. Ein Missverständnis kann eigentlich nicht aufkommen, denn „Mars“ steht maskulin im Singular und„Polarlichter“ feminin im Plural. Das „die“ kann sich nur auf ein feminines Wort im Singular beziehen, wie uns das „war“ aus dem Prädikat  des Nebensatzes verrät, und dieses feminine Wort im Singular ist „Entdeckung“.

Wie gesagt: Eigentlich kann kein Missverständnis aufkommen. Aber können Sie den Satz jetzt noch aus dem Kopf wiedergeben? Falls nicht, geben Sie der Kombination von Länge und Satzstellung die Schuld. Zahlen offenbaren die Schuld: Der Satz enthält 25 Wörter. Erst das letzte davon, das „war“, stellt klar: Das 15. Wort, das Relativpronomen „die“, bezieht sich auf das 8. Wort „Entdeckung“. Der Satz kann also erst vom letzten Wort her verstanden werden.

Ich muss aus dem hohlen Bauch argumentieren, wenn ich den Satz interpretiere, weil ich den Science-Artikel nicht kenne. Das heißt: Nach meiner Erfahrung ist der Satz deshalb misslungen, weil der Autor zwei Informationen in einen Satz fassen wollte (kam es ihm zu primitiv vor, zwei Hauptsätze hintereinander zu schreiben?). Die erste Information ist: Forscher schreiben über Polarlichter. Die zweite ist: Deren Entdeckung hat die Nasa schon vor einiger Zeit bekanntgegeben.

Sie sehen: Ich vermute, dass die Planetenforscher über die Polarlichter schreiben, nicht über deren Entdeckung. Dass in dem Satz etwas über die Entdeckung steht, war nicht nötig. Der Autor hat die Entdeckung hineingezwängt, damit er die Bemerkung „von der Nasa schon früher im Jahr bekanntgeben“ im Hauptsatz verankern kann. Er hat in der Schule aufgepasst und verinnerlicht: Haupt- und Nebensatz sind eleganter als zwei Hauptsätze.

Ich behalte die Wortwahl der Einfachheit halber bei und formuliere die Passage, wie sie lauten müsste. Das funktioniert in zwei Hauptsätzen: Außerdem beschreiben Planetenforscher in „Science“ die ausgedehnten Polarlichter auf dem Mars. Deren Entdeckung hat die Nasa bereits früher im Jahr bekanntgegeben.“

Jetzt sieht man auch deutlich, dass beide Informationen voneinander unabhängig sind. Und man sieht auch, dass der Relativsatz des Beispielsatzes gar keine Relation darstellt. Es gab keine Entdeckung, die eine Eigenschaft gehabt hätte, die sie von einer anderen Entdeckung unterscheidet. Der Relativsatz ersetzt im Originalsatz einfach eine Aneinanderreihung von Informationen, die viel deutlicher gewesen wäre.

Daneben gezielt: Die Relativpronomen treffen ihre Nomen nicht.

Mal eine Sünde wider die Verständlichkeit, mal eine wider die Grammatik: angehängte Relativsätze.

Zu 2. Die Astronomie ist ein Feld, in dem viele Leute Laien sind. Dass mit dem Wort „All“ das Weltall gemeint ist, ist meines Erachtens klar. Aber kann man von einem Laien verlangen, dass er/sie weiß, wer „starke Magnetfelder mit sich trägt“? Laut dem Text ist es das All.

Durch Nachdenken kommt möglicherweise auch der Laie zum Schluss, dass das leere (!) Weltall keine Magnetfelder trägt und der Relativsatz sich vermutlich auf das Gas bezieht. Aber sollen wir die Leser überlegen lassen, was wir meinen?

Überdies ist der Relativsatz dieses Satzes relationslos. Es geht gar nicht darum, Gase voneinander zu unterscheiden: Gas, das Magnetfelder trägt von Gas, das keine Magnetfelder trägt. Auch in diesem Fall sind Informationen in Relation zueinander gesetzt worden, obwohl sie selbstständige Nachrichten sind. Richtig wäre, sie als solche zu formulieren: „Bei einem Sonnensturm schleudert die Sonne elektrisch geladenes Gas von sich. Es trägt starke Magnetfelder mit sich.“ 

Nebenbei: Ich habe „von sich“ statt „ins All“ (wohin sonst?) geschrieben. Damit wäre schon der Originalsatz grammatisch richtig geworden. Denn das Relativpronomen „das“ hätte sich nur auf das Gas beziehen können.

Fazit:
Sätze sollen Informationen deutlich liefern. Es trägt zur Verständlichkeit bei, wenn diese Nachrichten nicht mit Nebennachrichten vermischt werden. Wenn doch, dürfen diese Nebennachrichten nicht in Form eines Einschubs in den Satz gebracht werden und ihn lang und länger machen, denn dann ist die Verständlichkeit weg. Den Hauptsatz zu Ende zu bringen und die Nebennachricht als Nebensatz dranzuhängen, ist ein gutes Ziel. Es wird häufig nicht erreicht, wenn der angehängte Nebensatz ein Relativsatz ist.

Die Nebennachricht als Relativsatz an den Hauptsatz zu hängen, ist unter zwei Bedingungen in Ordnung: Das Relativpronomen muss das letzte in Geschlecht und Numerus dazu passende Nomen treffen. Und das Nomen muss mit Hilfe des Relativsatzes in Beziehung zu etwas gesetzt werden. Ist beides nicht der Fall, gehört die Nebennachricht als selbstständige Nachricht formuliert. Wer sich die oben genannten Beispiele laut vorliest, bemerkt ihre Atemlosigkeit. Sprechen würde man die Sätze so nicht. Also schreiben Sie sie auch nicht so.

Die relationslosen Relativsätze kommen häufig vor. Deshalb werden sie uns im nächsten Blogbeitrag noch einmal beschäftigen.

@ Egbert Manns

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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