Sätze (8): Der verspätete Relativsatz (1) — Zeitungssprache 207

Kurze Sätze zu schreiben, gilt als eine Art Credo (für Nichtlateiner: Glaubensbekenntnis) unter Redakteuren, siehe den Blogbeitrag 203. Wie es mit Glaubensbekenntnissen so ist: Viele halten sich nicht dran. Und wenn doch, dann erzeugen sie manchmal Unfug. So ein Unfug ist der verspätete Relativsatz. Er ist in Mode gekommen wie Arschgeweih, während Gesprächen zu whatsappen (oder whatszuappen?), Entlassung als „Freistellung“ zu bezeichnen und Ähnliches.

Beispiele:
1. „Von Start weg trat ein kämpferischer VfB um den neuen Kapitän Christian Gentner auf, der zum ersten Mal in dieser Saison in Führung ging“. (SWP)
2. 
„Zuvor hatte Reeva Steenkamp ihre Familie unterstützt, die als Model gut verdient hatte.“ (Die Welt)
3. „Das berichtet ein Forscherteam im Fachjournal ,Science Advances’, das die Bissraten im zentralamerikanischen Costa Rica unter die Lupe genommen hat.“ (Die Zeit)

Anmerkungen:
„Ein Relativsatz sollte möglichst unmittelbar nach dem Bezugswort stehen“, heißt es in canoo.net. Zwischen dem Bezugswort und dem Relativpronomen können dummerweise weitere Substantive stehen. Beispiel A: „Der Vater der Frau, der schon mehrfach im Gefängnis gesessen hat …“ Der Satz ist klar, weil das Relativpronomen „der“ sich nur auf den Vater beziehen kann. Ebenso klar ist Beispiel B: „Der Vater des Mannes, der schon mehrfach im Gefängnis gesessen hat …“, Das Relativpronomen “der” bezieht sich nicht auf den Vater, sondern auf „des Mannes“.

An den eingangs angeführten drei Beispielen 1 bis 3 sehen wir, dass es leider nicht jedem klar ist, wie das Relativpronomen eingesetzt werden darf. Obwohl es eigentlich ganz einfach ist. Entweder muss das Bezugswort das einzige sein, auf das das Relativpronomen von Geschlecht und/oder Numerus* her passt. Oder – im Falle mehrerer Substantive gleichen Geschlechts oder Numerus – das Relativpronomen bezieht sich auf das Substantiv, das am nächsten an ihm steht. Diese letztere Erfordernis ist in den drei Beispielen nicht richtig angewandt worden.

Typische Beispiele für den fälschlich angehängten Relativsatz.

Typische Beispiele für den fälschlich angehängten Relativsatz.

Zu 1.: „Von Start weg trat ein kämpferischer VfB um den neuen Kapitän Christian Gentner auf, der zum ersten Mal in dieser Saison in Führung ging.“ Gängiger Erzählstil, grammatisch misslungen. Zum erstenmal in Führung gegangen ist natürlich nicht Christian Gentner, sondern der VfB. Weil sich das Relativpronomen „der“ auf das am nächsten bei ihm stehende Substantiv gleichen Geschlechts bezieht, gehört es zum (der) Christian Gentner, der ebenso wie (der) VfB und (der) Start ein Maskulin ist.

Der Relativsatz ist an dieser Stelle ohnehin deplatziert. Wenn wir den Gentner weglassen, lautet der Satz: „Von Start weg trat ein kämpferischer VfB auf, der zum ersten Mal in dieser Saison in Führung ging“. Damit wird dem VfB die Eigenschaft unterstellt – und dafür sind Relativsätze ja in erster Linie da –, erstmals in dieser Saison in Führung zu gehen. Das ist aber keine Eigenschaft des VfB, sondern war ein einzelnes Ereignis, die neue Information, um die es geht. Die Regel: Hauptsachen in Hauptsätzen schreiben!

Richtig wäre deshalb gewesen, das als Nachricht zu schildern: „… und ging erstmals in dieser Saison in Führung“. Wenn Nachrichten aneinandergereiht werden, sind Aufzählungen ein angemessenes Mittel und erste Wahl. Relativsätze dienen dazu, Eigenschaften hervorzuheben, nicht als Mittel, einfache Aufzählungen zu vermeiden.

Zu 2. „Zuvor hatte Reeva Steenkamp ihre Familie unterstützt, die als Model gut verdient hatte.“ Nun mag man einwenden, die Familie habe an Reeva sicherlich gut verdient, und der Verfasser des Satzes liege mit seiner Information möglicherweise richtig. Aber das war im Text nicht gemeint. Auch in diesem Fall geht der Satz in die Hose, weil das Relativpronomen sich grammatisch auf (die) Familie bezieht, denn die steht näher an ihm als (die) Reeva Steenkamp. Richtig ist jedoch, dass Reeva als Model gearbeitet hat und nicht die Familie.

Zu 3.: „Das berichtet ein Forscherteam im Fachjournal ,Science Advances’, das die Bissraten im zentralamerikanischen Costa Rica unter die Lupe genommen hat.“ Fachjournale nehmen (hoffentlich) die Manuskripte unter die Lupe, die ihnen zugeschickt werden. Dass die Journale Bissraten unter die Lupe nehmen, ist unüblich. Leider steht das hier aber, weil das Relativpronomen „das“ sich grammatisch auf (das) Fachjournal bezieht, denn das steht näher an ihm als (das) Forscherteam. In Wirklichkeit hat sich aber das Forscherteam mit den Bissraten beschäftigt.

Fazit:
Alle drei Schreiber erfüllen die Anforderung, einen Satz möglichst kurz zu halten. Sie vermeiden Schachteln. Leider packen sie, um das zu erreichen, wichtige Nachrichtenelemente in Relativsätze und hängen die einfach hinten an den Satz dran, obwohl dort ein Wort steht, das den Relativsatze fälschlicherweise auf sich zieht.

Im Deutschen stehen das Wort oder der Begriff, die dem Satz einen Sinn geben, häufig am Ende des Satzes. Wenn ein Satz lang ist und erst zum Schluss aufgelöst wird, ist er weniger leicht verständlich, als wenn die Auflösung früher kommt. Unter Journalisten zirkuliert deshalb die Auffassung, man müsse Sätze frühestmöglich zum Ende bringen. Das ist zur Masche geworden, die sich liest, wie wenn ich den ersten Satz dieses Absatzes so formuliert hätte: „Im Deutschen stehen das Wort oder der Begriff meistens ganz am Ende des Satzes, die dem Satz einen Sinn geben.“

Mit Verlaub, das ist Käse. Das ist ein Holpersatz. So spricht kein normaler Mensch. Da wird Verständlichkeit gegen Flüssigkeit ausgespielt – und auf der Strecke bleibt beides. Oder haben Sie den Holpersatz besser verstanden als den ursprünglichen Satz?

Aus einem Grund, der ich in der frühen schulischen Aufsatzerziehung vermute, scheuen Journalisten vor der einfachen, klaren Aufzählung zurück, mit der man die Aussagen klar bringen könnte, die in solchen Sätzen stecken. Das sehen wir am Reeva-Steenkamp-Beispiel sehr deutlich. „Zuvor hatte Reeva Steenkamp ihre Familie unterstützt, die als Model gut verdient hatte“, das ist die verquaste Variante eines Satzes, der Informationen einfach aufzählen könnte: „Reeva Steenkamp hatte als Model gearbeitet, gut verdient und ihre Familie unterstützt.“

Auch der VfB-Satz brächte die Nachricht in Form einer Aufzählung klar rüber: „Von Start weg trat der VfB um den neuen Kapitän Christian Gentner kämpferisch auf und ging in Führung – zum ersten Mal in dieser Saison.“
Ich habe erstens das „kämpferisch“ von Adjektiv zum Adverb gemacht, also den Inhalt von „ein kämpferischer VfB trat auf“ zu „der VfB trat kämpferisch auf“ modifiziert – und damit den Sachverhalt vermutlich so be- und geschrieben wie er gemeint war.

Der Satz ließ sich mit „und ging in Führung“ verlängern. Dass das „zum ersten Mal in dieser Saison“ war, scheint wichtig zu sein. Deshalb habe ich zweitens diese Information ausgegliedert und mit einem Gedankenstrich vom Hauptsatz abgesetzt. Nun müsste nur noch das „um den neuen Kapitän Christian Gentner“ raus, dann wäre der Satz akzeptabel auch von der Länge her, der gegliedert wurde und geschrumpft ist von 24 auf 18 Wörter.

Entschuldigung! Ich wollte natürlich schreiben: „Dann wäre der Satz gegliedert, von 24 auf 18 Wörter geschrumpft und auch von der Länge her akzeptabel.“

@ Egbert Manns

*Numerus = Einzahl (Singular) oder Mehrzahl (Plural)

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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