Sätze (7): SPO in Aufzählungen, primitiv oder angemessen — Zeitungssprache 206

Am einfachsten zu verstehen ist die Satzstellung Subjekt, Prädikat, Objekt (SPO). Deshalb sind SPO-Sätze für Nachrichten erste Wahl, auch wenn die deutsche Sprache es erlaubt und häufig auch verlangt, Sätze anders zu bilden. SPO ist übersichtlicher – auch für den Autor. Oder ist es primitiv, vor allem in SPO zu schreiben?

In jedem Fall ist SPO angemessen, wenn wir eine Aufzählung schreiben. Sie beginnt sowieso meistens mit SPO, und es gibt keinen Grund, bis zum Ende der Aufzählung davon abzuweichen. Von der Satzstellung in Aufzählungen handelt dieser Blogbeitrag, und zwar speziell von der Aufzählung derer, die in Hauptversammlungen gewählt werden.

Es mag sein, dass ein Redakteur das SPO langweilig findet, weil er am Tag ein Dutzend Aufzählungen schreibt. Aber es geht nicht darum, dass der Redakteur sich nicht langweilt, sondern darum, dass der Leser, der eine Aufzählung liest, ein Stück klarer Literatur erhält anstelle verquaster Desinformation.

Beispiele:
1. „Udo Koerdt arbeitet als Stellvertreter weiter, Kassierer bleibt Siegfried Ehling, Reinhard Hoffmann fungiert weiter als Schriftführer. Albert Weber (Wiederwahl) und Arnold Bittner sind Beisitzer.“ (der Westen)

2. „Das Amt des Vorsitzenden wird zukünftig Martin Lienhard übernehmen, der bislang schon als stellvertretender Vorsitzender tätig war. … Drei Stellvertreter werden Martin Lienhard zukünftig bei seiner Arbeit unterstützen: Gewählt wurden Marcus Greiner, Andreas Willmann und Thomas Kopp. Das Amt der Schatzmeisterin hat weiterhin Irmtraud Wesle inne und als Schriftführer fungiert Marcus Greiner. Franz Gruler, der bislang stellvertretender Vorsitzender war, wird zukünftig als Beisitzer tätig sein.“ (Badische Zeitung)

3. „Neben den Vorwürfen der Körperverletzung im Amt und des unerlaubten Waffenbesitzes ermittelt die Staatsanwaltschaft nun auch wegen des Verdachts des Besitzes von Kinderpornografie.“ (SpOn)

Anmerkungen:

Solche verquasten Aufzählungen gehören zum Standard der Vereinsberichterstattung in Zeitungen. Für mich sind sie ein Hinweis darauf, dass die Redaktion auch mit Schülern arbeiten könnte anstelle bezahlter Redakteure.

Wortwahl und Satzstellung werden in Grundschulaufsatzmanier variiert. „Lexikalische Varianz“ (Wolf Schneider) und grammatikalische Varianz gehen eine Verbindung ein, die in einer handwerklich korrekt formulierten Zeitungsmeldung nicht vorkommen.  Nur für das erste Beispiel hier ein paar Anmerkungen zur lexikalischen Varianz. Das Thema wird in späteren Blogbeiträgen unter dem Titel „Synonymitis“ vertieft.

Beispiel 1.

Beispiel 1.

Zu 1. Die lexikalische Varianz macht aus dem einzigen Ereignis, der Wahl, eine Fülle von Tätigkeiten. Alle fünf Männer werden nämlich gewählt; dem Text zufolge jedoch üben sie viererlei aus: Koerdt arbeitet weiter, Ehling bleibt, Hoffmann fungiert und Weber und Bittner sind. Bloß gewählt worden ist keiner.
Die grammatikalische Varianz ist gemäßigt. Es gibt die Reihenfolgen SPO, OPS, SPO, SPO. Andere Satzstellungen als SPO müssen begründet werden. Wiederholung: Andere Satzstellungen als SPO müssen begründet werden. Es gibt oft genug einen dramaturgischen Grund, das Objekt nach vorne zu ziehen oder gar das Prädikat. Hier nicht! Der zweite Satz hätte deshalb in SPO geschrieben werden müssen. Hier die Satzstellungen zu wechseln ist sinnlos, täuscht Dramaturgie nur vor und hält deshalb beim Lesen vielleicht sogar auf.
Gegenvorschlag: „Udo Koerdt wurde zum Stellvertreter gewählt, Siegfried Ehling zum Kassierer, Reinhard Hoffmann zum Schriftführer und Albert Weber und Arnold Bittner zu Beisitzern.“  Das ist klar.

Beispiel 2.

Beispiel 2.

Zu 2. Die grammatikalische Varianz der Sätze*, in denen die Gewählten genannt werden, ist ausgeprägt. OPS, SPO, PS, OPS, OPS, SPO. Vier Wechsel dreier Satzstellungen. Die paar Informationen verbrauchen 64 Wörter.
Gegenvorschläge: „Martin Lienhard wurde zum Vorsitzenden gewählt, Marcus Greiner, Andreas Willmann und Thomas Kopp zu seinen Stellvertretern, Irmtraud Wesle zur Schatzmeisterin, Marcus Greiner zum Schriftführer und Franz Gruler zum Beisitzer.“  Ein Prädikat, danach immer SO. 29 Wörter.
Oder „Zum Vorsitzenden wurde Martin Lienhard gewählt, zu seinen Stellvertretern Marcus Greiner, Andreas Willmann und Thomas Kopp, zur Schatzmeisterin Irmtraud Wesle, zum Schriftführer Marcus Greiner und zum Beisitzer Franz Gruler.“  Ein Prädikat, danach immer OS. 29 Wörter. Der zweite Vorschlag ist zwar nicht SPO, aber er wechselt jedenfalls die Satzstellungen nicht.

Beispiel 3.

Beispiel 3.

Zu 3. SPO sei übersichtlicher, auch für den Autor, habe ich in der Einleitung dieses Beitrags geschrieben. An diesem Satz sehen wir das deutlich. Er hat die Form OSPO. Es gibt ein Objekt (Vorwürfe) vor dem Prädikat (ermittelt wegen), dem Subjekt (Staatsanwaltschaft) und einem weiteren Objekt (Verdacht). 
Was herauskommt, ist die Aussage: die Vorwürfe und die Staatsanwaltschaft ermitteln. Das ist zwar Unfug, aber das ist das, was da steht: Neben den Vorwürfen ermittelt die Staatsanwaltschaft. Die Vorwürfe, inhaltlich ein Objekt, sind zum Co-Subjekt des Satzes mutiert.
Was ist passiert? Der Autor ist in zwei Fallen gelaufen. Erstens die Falle, dass die Objekte (in diesem Falle eines) vor dem Subjekt stehen. Die Gefahr, dass der Satz dann grammatisch in die Hose geht, ist groß. Zweitens in die Falle, mit dem Wort „Neben“ anzufangen. Wer damit den Satz beginnt, muss höllisch aufpassen, dass der Satz richtig weitergeht. Meistens produziert das „Neben“ am Satzanfang Schrott.

Sätze, die in die Hose gehen, weil sie mit "Neben" anfangen.

Sätze, die in die Hose gehen, weil sie mit “Neben” anfangen.

Ein paar geschrottete „Neben“-Sätze:
Neben dem unerlaubten Handel muss sich auch der 54-Jährige verantworten.“ Die Grammatik macht den Inhalt zum Kuriosum.
 Eine einfache Aufzählung in SPO hätte das vermieden.
Neben Privathäusern hatten sie es … abgesehen.“ Oha, der Satz ist sinnlos. Mit SPO wäre das nicht passiert.
Neben Klemke wird Wohlleben … vertreten.“ Also werden Klemke und Wohlleben vertreten. Kann aber nicht sein, denn Klemke ist  einer der beiden Rechtsanwälte, die Wohlleben vertreten. Mit SPO wäre der Unfug vermieden worden.
Neben den Ermittlungen sitzt sie am Bett des Säuglings.“ Den Satz kann man nur retten, indem man ihn verbalisiert und SPO anwendet.
Neben dem Hamburg?“ Gemeint ist wohl „Neben dem Engagement in Hamburg“ oder „Neben Hamburg“. Wie auch immer: „Neben Hamburg kickte Jaro für Bayern München“ eröffnet die Frage: In welchem Ort „neben Hamburg“? Bremen? Ratzeburg? Ludwigslust? Auch diesen Satz hätte SPO gerettet.

Fazit:

Wer Nachrichten schreibt, kann mit SPO sicher sein, vernünftige Sätze abzuliefern. Aufzählungen in SPO sind nicht unbedingt kürzer als mit anderen Satzstellungen. Weil aber Aufzählungen, in denen Satzstellungen gewechselt werden, auch den Schamott lexikalischer Varianz mit sich schleppen, sind sie es in der Praxis meistens doch.

Ist es primitiv, vor allem in SPO zu schreiben? Schade, dass das Wort „primitiv“ einen negativen Anklang hat. Denn was ist gegen einfaches Schreiben zu sagen?

„Das ist doch langweilig“ ist kein Argument, die Satzstellung zu wechseln. Wer wechselt, reagiert damit auf die Dramatik/Dynamik des Geschehens. In einer Anhäufung gleichartiger Fakten (wie Wahlen) besteht aber keine Dramatik, also wird die Satzstellung nicht gewechselt.

Höchste Gefahr besteht, wenn Sätze mit bestimmten Wörtern eingeleitet werden, zu denen auch „Neben“ gehört. Wenn es nicht räumlich gemeint ist, enden solche nach meiner Erfahrung fast immer im Nirwana der Grammatik oder im großen Reich des Unfugs. Gleiches gilt für Sätze, in denen es zwei Objekte gibt, von denen eines vor dem Prädikat steht. Gerade in solchen Fällen wäre SPO die sicherere und, was uns allen am Herzen liegt, auch die leichter verständliche Variante.

© Egbert Manns

* Weil alle Sätze (inhaltlich fälschlicherweise!) im Futur geschrieben sind, schlängelt sich das Prädikat ums Objekt herum, ich habe jeweils das erste zum Prädikat gehörende Wort benutzt, um seine Position im Satz zu bestimmen.

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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