Sätze (5): Nicht vom Weiterlesen abhalten (1) — Zeitungssprache 204

Sätze sollten die Leser nicht verprellen; die hören dann vielleicht mit Lesen auf, bevor sie zur Information gelangen. Das ist so selbstverständlich, wie es häufig missachtet wird.

Sätze zum Weiterlesen sind meistens die, die nicht zu viele Informationen enthalten. Anders ausgedrückt: Je mehr Informationen ein Autor in einem Satz unterbringen will, desto schwieriger wird der Satz zu verstehen.

Beispiel
Die Berichtssaison der Unternehmen und gestiegene Ölpreise haben am Mittwoch bei den Anlegern am US-Aktienmarkt für gute Stimmung gesorgt.

Gemeint war: Die amerikanischen Aktien haben an Wert gewonnen. Das hatte vor allem zwei Gründe: Der Chiphersteller Intel hatte für das erste Quartal des Jahres bessere Geschäftszahlen vorgelegt als erwartet und die Ölpreise waren gestiegen.

Anmerkungen
Die Wirtschaftsredaktionen würden selbstverständlich den Agentursatz nehmen. Der klingt, wie Wirtschaft klingen muss: nach blauem Anzug, Krawatte, lederner Aktentasche, großem Schreibtisch. Jargon für Profis.

Was ich als Alternative geschrieben habe, klingt vielleicht nach Jeans und Leinenbeutel. Aber ist „sorgt für gute Stimmung unter den Anlegern“ wirklich eine Nachricht?

Sprachlich ist der Satz zweifach misslungen: Erstens ist der Inhalt nicht eindeutig, wenn man den Jargon nicht schon gewohnt ist. „Gute Stimmung“: Haben die Anleger  sich mit Sekt zugeschüttet und getanzt?  Oder sie haben Aktien gekauft und damit die Kurse erhöht? Ich habe auf Kurserhöhung getippt. Kann es sein, dass das nicht gemeint war?

Zweitens ist „sorgt für“ ein unüberlegt verwendetes Klischee. Ist die gute Stimmung krank, so dass man für sie sorgen müsste? Wenn die Stimmung gut ist, muss man doch nicht für sie sorgen? Und wie sorgt eine Berichtssaison?

Die Frage ist: Was wollen wir als Redakteure? Die Leser informieren? Das gelingt mit dem erwähnten Agenturtext nicht. Dass eine „Berichtssaison“ für gute Stimmung sorgt, verlangt vom Leser einiges an Wissen:

Für Jargonversteher geschrieben: Anfang einer Wirtschaftsnachricht der dpa

Für Jargonversteher geschrieben: Anfang einer Wirtschaftsnachricht der dpa

– Erstens, was eine Berichtssaison ist.
– Zweitens, dass die Formulierung „Die Berichtssaison … sorgt“ in dem Zusammenhang Stuss ist. Denn a) gibt es mehrere Berichtssaisone, hier ist die für das erste Quartal des Jahres gemeint. Und b) hat die Berichtssaison gerade erst begonnen, deshalb müsste es sinngemäß heißen: „Die ersten Geschäftsberichte über das erste Quartal des Jahres …“ Dass das gemeint ist, geht aus dem weiteren Agenturtext hervor. Womit wir c) bemerken: Es ist gar nicht die Berichtssaison, die die Stimmung hebt, sondern es sind Geschäftsberichte.
– Drittens, dass Berichte gut sein müssen, damit eine Berichtssaison für „gute Stimmung sorgen“ kann.
– Viertens: „der Unternehmen“? Die Formulierung ist eine Frechheit angesichts der paar Unternehmen, die der Agenturbericht nennt.
– Fünftens (noch einmal): „Sorgen für“ wird von Journalisten zur inhaltsleeren Stereotype degradiert, weil sowohl für Kriege als auch für Stimmungen gesorgt wird. Mehr dazu in einem späteren Blogbeitrag.

Zusammenfassung
Was ich als Alternative geschrieben habe, basiert auf dem weiteren Text der Agenturmeldung. Ich fand es nicht so schwer, im Text die Informationen zu finden, die mit „Berichtssaison“ gemeint sind.

Beim Weiterlesen habe ich entdeckt, dass es ja gar nicht nur der Intel-Bericht und die Ölpreise sind, die die Kurse steigen ließen. Vielmehr sind es die Erwartung, dass die Zentralbank die Zinsen nicht erhöht, die „aufgehellte Stimmung“ am Immobilienmarkt und die guten Berichte der Delta Air Lines. Der Satz der Agentur ist also nicht nur außerhalb des Kreises der Jargonversteher unverständlich, sondern auch falsch.

Ach, und streichen Sie „sorgen für“ aus Ihrem Wortschatz, wenn Sie damit sowieso keine Fürsorge meinen.

© Egbert Manns

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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