Der Vorspann mit der Nullnachricht: Scheininformationen (2) — Zeitungssprache 021

Noch einmal: Die ersten Sätze sollten die Leser nicht verprellen; sie hören dann vielleicht auf, bevor sie zur Information gelangen. Von Übel sind Fachbegriffe, vor allem die ungebräuchlichen. Das sind nur Scheininformationen. Oft geht es ohne sie.

Beispiel
Zwar laufen die Finanzierungsvereinbarungen zur Elektrifizierung der Südbahn zwischen dem Land Baden-Württemberg und dem Bund. Laut Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) wird das Land aber nicht jede Kostensteigerung bei der Modernisierung der Bahnlinie zwischen Ulm und Lindau zur Hälfte mittragen.

Erster Satz: Das ist im Nominalstil geschrieben mit „Finanzierungsvereinbarungen“, „Elektrifizierung“, „Südbahn“, „Land“, „Baden-Württemberg“ und „Bund“. Inhalt des Satzes: keiner. Das zeigt uns schon das „zwar“ am Satzanfang. Es macht klar, dass die Nachricht noch kommt.

Die Botschaft: Hier steht ein Text für Eingeweihte.

Die Botschaft: Hier steht ein Text für Eingeweihte.

Der Satz ist völlig überflüssig. Das einzige, was zur Nachricht gehört, ist „Elektrifizierung der Südbahn“. Unglücklicherweise kommt dahinter „zwischen dem Land Baden-Württemberg und …“. Das habe ich beim ersten Lesen als Ortsangabe (Südbahn von BW nach …) aufgefasst.

Zweiter Satz: wieder Nominalstil. Elf Substantive in einem 24 Wörter langen Satz. Dazu ein Fehler: Eine Strecke (hier Ulm–Lindau) bezeichnet man nicht als „Linie“.

Immerhin enthält der zweite Satz eine Nachricht: Das Land Baden-Württemberg will nicht jede Kostensteigerung mittragen. Wir ignorieren das Wort „Modernisierung“, weil das mehreres bedeuten kann, obwohl nur die Elektrifizierung gemeint ist, und fassen die Nachrichtenteile des ersten und des zweiten Satzes zusammen: Das Land Baden-Württemberg will nicht die Hälfte jeder Kostensteigerung mittragen, die wegen der Elektrifizierung der Bahnstrecke Ulm–Lindau entsteht. 

Die Nachricht ist also relativ einfach zu formulieren, wenngleich sie einen schwierigen Kern hat: „Hälfte jeder Kostensteigerung“. Weglassen können wir bis an diese Stelle „Finanzierungsvereinbarungen“ „Elektrifizierung“, einmal „Land“, „Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne)“ „Bund“, „zwar“, „aber“, „Südbahn“ und „Modernisierung“. Aus dem nächsten Satz sollte hervorgehen, was mit „zur Hälfte“ gemeint ist und wer die Quelle der Nachricht ist.

Zusammenfassung
Immer wieder erliegen Journalisten der Verlockung, ein Hintergrund-Intro zu schreiben. Weshalb das nicht taugt, dazu siehe unter anderem den Blogbeitrag 014.  In einem Intro ungebräuchliche Wörter wie „Finanzierungsvereinbarungen“ und „Elektrifizierung“ zu verwenden, signalisiert, dass der Text etwas für Eingeweihte ist.

Ich würde das Wort „Südbahn“ aus dem ersten Satz rauslassen, weil man selbst im Ulmer Raum Bahnfahrer oder -interessierter sein muss, um zu wissen, was das ist. Es ist keine Bezeichnung für eine Bahn, sondern für eine Bahnstrecke. Die Bahnstrecke „Ulm–Lindau“ ist deswegen eine klare Bezeichnung.

Es hilft immer, den ersten Satz mit der Frage: „Was ist die Botschaft?“ zu testen. Die Botschaft ist das Neue. Wenn man das Neue hinschreibt, geht’s oft genug ohne Fachbegriffe.

© Egbert Manns

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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