Der Vorspann mit der Nullnachricht: Scheininformationen (01) — Zeitungssprache 020

Häufig täuschen Wörter am Textanfang eine Information nur vor. Sie sind unzweifelhaft sachlich richtig – bloß sagen sie nicht, was Sache ist. Seien Sie vorsichtig, wenn ein Text mit „im Streit um“ beginnt!

Beispiel
Die Deutsche Post hat im jahrelangen Rechtsstreit um staatliche Subventionen erneut einen juristischen Erfolg errungen. Das EU-Gericht erster Instanz entschied am Freitag in Luxemburg, dass die EU-Kommission 2007 ihr Beihilfeprüfverfahren gegen die Post nicht ausweiten durfte (Rechtssache T-421/07 RENV).

Wiederholen Sie bitte. Schreiben Sie auswendig auf, was die Nachricht ist! Das können Sie? Herzlichen Glückwunsch, bewerben Sie sich in einer Wirtschaftsredaktion, in der Agenturtexte redigiert werden. Kriegen Sie die Nachricht nicht auswendig hin? Willkommen im Club!

Bloß: Was ist die Nachricht?

Anmerkungen

Ein Signal, dass die Nachricht in diesem Satz wahrscheinlich nicht kommt: "Im Streit um"

Ein Signal, dass die Nachricht in diesem Satz wahrscheinlich nicht kommt: “Im Streit um”

Der erste Satz ist schon formal misslungen: Jedes dritte Wort (fünf insgesamt) ein Substantiv („Rechtsstreit“, „Subventionen“, „Erfolg“) drei davon mit einem Adjektiv angereichert („jahrelangen“, „staatlichen“, „juristischen“). Ersteres macht das Verstehen schwierig, letzteres längt den Satz, dessen entscheidendes Wort „Erfolg“ erst das vierzehnte ist.

Auch inhaltlich ist der Satz misslungen. Denn mehrere Wörter sind nur Scheininformationen: „Rechtsstreit“, „staatlich“, „Subventionen“, „erneut“, „juristischer Erfolg“. Das Wort „staatlich“ vor „Subventionen“ ist überflüssig, weil Zeitungen immer den Staat meinen, wenn sie von Subventionen schreiben, und keine private Instanz. Aus „Rechtsstreit“ und „juristischer Erfolg“ geht nicht hervor, dass es sich um ein Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof handelt, insofern führt das Wort „staatlich“ auch noch in die Irre, weil es meistens den Nationalstaat meint. Das Wort „erneut“ ist ungenau; es besagt nicht, wie oft die Post in dieser Angelegenheit schon erfolgreich war.

Der erste Satz ist also verkorkst. Er ist auch überflüssig, denn die Nachricht steht im Wesentlichen im zweiten Satz. Der ist dummerweise genauso verkorkst, ebenso voller Scheininformationen. „EU-Gericht“ reicht, „erster Instanz“ ist überflüssig. „EU-Gericht entschied … in Luxemburg“ hört sich an, als könnte es auch woanders entscheiden, was nicht der Fall ist. Richtig wäre „Europäischer Gerichtshof in Luxemburg entschied …“, denn erstens heißt das Gericht so und zweitens hat es dort seinen Sitz. „In Luxemburg“ zu streichen würde den Satz kürzer machen.

„Beihilfeprüfverfahren … nicht ausweiten“ ist nichts, womit der normale Leser etwas anfangen kann. Das ist das, was ich eingangs erwähnt habe: Der Begriff ist sachlich richtig, aber was sagt er uns? Ohnehin ging es in dem Rechtsstreit nicht mehr um Beihilfe – das Verfahren hieß bloß so. Es ging um Subventionen.

Richtig lautet die Nachricht: Die EU-Kommission durfte 2007 nicht prüfen, ob die Deutsche Post verbotenerweise Subventionen erhalten hat. Das hat das der Europäische Gerichtshof entschieden.

Zwingend müsste der Text als Nächstes die Frage beantworten, weshalb die EU-Kommission nicht prüfen durfte. Erst in dieser Antwort spielt das Wort „Beihilfeprüfverfahren“ eine Rolle.

Zusammenfassung
Es hilft nichts, Redakteure müssen sich die Frage stellen, was die Botschaft des Textes ist. Hilfreich ist es, sich Satz für Satz zu vergewissern, was denn wohl dessen Nachricht ist. Zwei Tipps: Erstens: Ein erster Satz, der mit „im Streit um“ anfängt, enthält meistens keine konkrete Nachricht. Suchen Sie im zweiten Satz danach. Zweitens: Eine Nachricht steht häufig hinter „dass“. Sie lässt sich dann selbstständig formulieren.

© Egbert Manns

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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