Sätze (3): Verständliche Sätze in welcher Länge? — Zeitungssprache 203

Sätze verleihen den Wörtern den Sinn, den der Autor vermitteln möchte. Das gelingt natürlich nur, wenn die Leser den Satz auch kapieren. Ein Mittel, das dazu beitragen kann, ist die Satzlänge — oder besser die Satzkürze.

Satzlängen. Angaben aus der Tabelle, die zum Beispiel von Marco Prestel veröffentlicht worden ist --> http://www.marcoprestel.de/text14.html

Satzlängen. Angaben aus der Tabelle, die zum Beispiel von Marco Prestel veröffentlicht worden ist –> http://www.marcoprestel.de/text14.html

In gedruckter Literatur und im Internet taucht seit Jahren immer wieder eine Tabelle auf, die Empfehlungen von dpa und Sprachforschern enthält, ferner ein paar Hinweise auf Satzlängen in der Literatur. Die ursprüngliche Quelle habe ich nicht entdeckt und ich habe die Angaben auch nicht verifiziert. Ich gebe die Tabelle hier wieder, habe sie aber in der Form verändert, damit sie auf die Seite passt.

Angemessene Länge
Wie lange ein Satz sein soll, damit er bestmöglich zu verstehen ist, hängt von so vielen Faktoren ab, dass sich vielleicht gar keine exakte Regel finden lässt. Ganz allgemein kann man sagen: So kurz wie möglich und so lang wie nötig. Und dem Ereignis angemessen. Eine Beerdigung werden wir aber mit längeren, gediegeneren Sätzen schildern als ein Rennen von Miniatursportwagen über eine Gartenpiste.

Die Empfehlung, in kurzen Sätzen zu schreiben, ist passé. Das Staccato nervt: „Der Gemeindehaushalt schließt mit einem Minus ab. Er enthält drei Millionen Euro. Das hat Bürgermeister Heiner Hansen mitgeteilt. Der Gemeinderat zeigte sich verärgert. Seine Kritik, quer durch alle Fraktionen: Die Verwaltung habe das Rathaus zu teuer sanieren lassen.“ (Satzlängen in Wörtern: 7, 5, 6, 5, 6, 9)

Das Gleiche in zwei langen Sätzen ist anstrengender zu erfassen, zumal am Ende des zweiten Satzes eine Bedeutungsunschärfe * interpretiert werden muss: „Der Gemeindehaushalt schließt dieses Jahr Bürgermeister Heiner Hansen zufolge mit einem Fehlbetrag in Höhe von rund drei Millionen Euro ab. Der Gemeinderat zeigte sich quer durch alle Fraktionen verärgert und kritisierte die Verwaltung wegen einer zu teuren Sanierung des Rathauses.“ (20, 20).

Was also tun?

Besser kürzere Sätze
Wir halten einfach einmal fest: Für die Verständlichkeit sind kürzere Sätze besser. Denn die Leser haben die Kraft, solche Sätze bis zum Ende zu lesen. Am langen Satz aber können sie scheitern. Nämlich dann, wenn sie mit dem Verstehen vor dem Ende schlapp machen oder wenn sie ihn bis zum Ende schaffen, aber dann den Anfang vergessen haben.

Was aber ist ein kurzer Satz? Mit anderen Worten: Wann ist ein Satz zuende? Am Punkt? Keinesfalls. Ich zitiere einen Satz aus Schillers „Bürgschaft“, den Wolf Schneider in „Deutsch!“ zitiert, um zu zeigen, was einen verständlichen Satz ausmacht: „Da treibt ihn die Angst, da fasst er sich Mut und wirft sich hinein in die brausende Flut und teilt mit gewaltigen Armen den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.“ Das sind 30 Wörter und wenn man den Punkt als Satzende definiert, ist das ein langer Satz.

In Wirklichkeit besteht der Satz aus mehreren kurzen Sätzen. „Da treibt ihn die Angst“ (5 Wörter), „da fasst er sich Mut“ (5), „und wirft sich hinein in die brausende Flut“ (8), „und teilt mit gewaltigen Armen den Strom“ (7), „und ein Gott hat Erbarmen“ (5). Dieser 30-Wörter-Satz besteht aus fünf kurzen Sätzen und das macht ihn leicht verständlich. Der oben zitierte 20-Wörter-Satz „Der Gemeindehaushalt schließt …“ ist lang, weil er drei Einschübe enthält — „dieses Jahr“, „Bürgermeister Heiner Hansen zufolge“ und „in Höhe von rund drei Millionen Euro“. Wenn wir die Einschübe wegnehmen, bleibt übrig: „Der Gemeindehaushalt schließt mit einem Fehlbetrag ab.“

Ein Satz ist also nicht unbedingt mit dem Punkt zu Ende. Zwischen zwei Punkten können durchaus mehrere Sätze stehen. Ein Satz ist vielmehr dann zuende, wenn er einen Sinn ergeben hat. Einschübe zögern die Sinnfindung 😉 hinaus; vor allem sie sind es, die den Satz verlängern.

Für eine verständliche Satzlänge fordert Wolf Schneider: „An die 3 Sekunden denken.“ ** Er beruft sich auf den Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel, demzufolge das menschliche Bewusstsein Informationen nur bis etwa drei Sekunden als Ganzes erfasst. Daraus folgert Schneider: „Habe ich alles, was im Satz zusammengehört, so dicht aneinandergeschoben, dass meine Leser den Abstand dazwischen in maximal drei Sekunden überbrücken können?“

In Text umgesetzt bedeutet das: „Der Durchschnittsbürger bewältigt in drei Sekunden sechs Wörter oder zwölf Silben.“ Auf dieser Strecke muss die Information, muss der Sinn mitgeteilt werden. Diese Strecke kann Schneider zufolge ein Hauptsatz sein, die Kombination von Artikel und Substantiv ohne vorangestelltes Attribut, Subjekt und Prädikat, die beiden Hälften eines mehrteiligen Verbs.

Fazit
Hier finden Sie also keine Aufforderung dazu, nach spätestens sechs Wörtern einen Punkt zu machen. Sondern die Aufforderung, Informationen im Satz zu bündeln und nicht so zu dehnen, dass der Leser den Überblick verliert. Der durchschnittliche Leser, wohlgemerkt. Nicht der überdurchschnittlich gebildete und intelligente. Wir Redakteure schreiben für alle, aber natürlich vor allem für diejenigen, die nicht schon alles wissen, sondern etwas erfahren wollen.

Geht das? Sätze so zu bauen, dass sie aus Sinnelementen von maximal sechs Wörtern (zwölf Silben) bestehen? Nun, Schiller hat es uns vorgemacht und wir versuchen das. Ich habe als Beispiel einen Absatz aus einem Agenturtext gewählt und versucht, ihn entsprechend der Drei-Sekunden-Regel zu redigieren. Das geschieht im nächsten Blogbeitrag, Zeitungssprache 203 Nachtrag.

@ Egbert Manns

* Die Bedeutungsunschärfe liegt in „… wegen einer zu teuren Sanierung des Rathauses“. Aus dem Satz geht nicht hervor, ob das Rathaus wirklich zu teuer saniert worden ist oder ob das die Kritiker bloß behaupten. Lange Sätze enthalten solche Unschärfen häufiger.
**  Quelle für alles Folgende, das von Schneider stammt: Wolf Schneider, Deutsch! – Das Handbuch für attraktive Texte, Reinbeck bei Hamburg 2007, S. 57 bis 61. Zur Verständlichkeit von Sätzen nach dem Hirnforscher Ernst Pöppel siehe auch das Blog von Marco Prestel.

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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