Sätze (4): Hin zur Verständlichkeit. Ein Beispiel — Zeitungssprache 203 Nachtrag

Geht das? Sätze so zu bauen, dass sie aus Sinnelementen von maximal sechs Wörtern (zwölf Silben) bestehen? Nun, Schiller hat es uns vorgemacht, siehe Blogbeitrag 203, und wir versuchen das.

Der zu redigierende Absatz. Er stammt von dpa, hier verwendet wird die von ntv im 4. Satz gekürzte Fassung. --> http://www.n-tv.de/panorama/Autofahrer-aergern-sich-ueber-Artgenossen-article14844166.html

Der zu redigierende Absatz. Er stammt von dpa, hier verwendet wird die von ntv im 4. Satz gekürzte Fassung. –> http://www.n-tv.de/panorama/Autofahrer-aergern-sich-ueber-Artgenossen-article14844166.html

Ich habe als Beispiel einen Absatz aus einem Agenturtext gewählt und versucht, ihn entsprechend der Drei-Sekunden-Regel zu redigieren. Zu jedem Satz eine kurze Analyse und ein Vorschlag (besser: ein Gegenvorschlag).

Text 203-01

Quelle: siehe oben.

1. Satz. Analyse:  9 Wörter. Das Subjekt des Satzes ist „das Ärgernis“, das Prädikat ist „sind“. Es geht aber doch gar nicht darum, eine Aussage über das Ärgernis zu treffen, sondern über Autofahrer, nämlich was sie ärgert. Das Prädikat müsste also „ärgern“ sein. Weil das Prädikat zum Substantiv, gar zum Subjekt gemacht wird, wird der Satz lang. Vorschlag: „Autofahrer ärgern sich meistens über andere Autofahrer.“

Quelle: siehe oben.

Quelle: siehe oben.

2. Satz. Analyse: 30 Wörter, 1 Klammer, 1 Relativsatz, ein per Gedankenstrich abgetrennter Hauptsatz. Das Subjekt des Satzes ist „die Hälfte der Autofahrer“, das Prädikat „regen sich auf“ (grammatisch falsch, weil „Hälfte“ ein Singularwort ist, es müsste „regt sich auf“ heißen). Die sinngebende Aussage „Die Hälfte der Autofahrer regt sich auf“ erstreckt sich über 19 Wörter.

Die Länge entsteht aus zwei Gründen.
Erstens ersetzt der Autor das Wort „Autofahrer“ durch „Menschen, die selbst motorisiert unterwegs sind“. Ich finde das peinlich; der einzige Zweck der verquasten Formulierung ist ja, das Wort „Autofahrer“ zu vermeiden, das im Satz davor zweimal vorkommt. Aber ob peinlich oder nicht, die „motorisierten Menschen“ sind kein treffendes Synonym für „Autofahrer“. Sie könnten auch Motorrad- oder Mopedfahrer sein. Es geht aber nur um Autofahrer, wie die Quelle des Artikels zeigt.

Zweitens doppelt der Autor die Mengenangabe, indem er hinter „Knapp die Hälfte“ in Klammern „47 Prozent“ schreibt. Gehört „Prozent“ zu den Stolperwörtern, von denen im Blogbeitrag 202 die Rede war? Oder weshalb muss man den Lesern ausdrücklich erläutern, dass 47 Prozent „knapp die Hälfte“ bedeutet? Und wenn „Prozent“ ein zu schwieriges Wort für die Leser ist, wieso steht 20 Wörter später unerklärt das Wort „repräsentativ“?

Wieso ist der zweite Hauptsatz in dem Satz eigentlich von einem Gedankenstrich vom ersten Hauptsatz getrennt? Das ist sinnlos, dafür sind Gedankenstriche nicht da. Die sinngebende Aussage des zweiten Hauptsatzes besteht aus 10 Wörtern.

Fraglich ist, ob es an dieser Stelle richtig und wichtig ist, das Wort „repräsentativ“ zu erwähnen. Wenn wir über eine Studie Aussagen treffen, dann sollten wir das bündeln. Für die, die es interessiert, können wir am Schluss des Textes darauf hinweisen, dass die Studie repräsentativ war, wie viele Leute gefragt wurden, wer der Auftraggeber war und so weiter. Jedenfalls bündeln wir solche Aussagen und verstreuen sie nicht über den Text.
Fraglich ist auch, dass „geht hervor“ die richtige Wortwahl ist. „Geht hervor“ klingt immer nach einer Ableitung, etwa „Wir schließen daraus …“ Gemeint ist aber doch, dass etwas die Aussage/das Ergebnis einer Studie ist.

Erster Vorschlag: Wir lassen die Klammer weg, ebenso den Relativsatz. Im Klartext schreiben wir: „47 Prozent der Autofahrer regen sich über andere Autofahrer auf.“ Damit ist die Sinnverbindung zusammengerückt. „Autofahrer“ und „sich aufregen“ stehen auf 10 anstatt auf 19 Wörtern.
Zweiter Vorschlag: Wir beenden den ersten Hauptsatz mit einem Punkt. Den zweiten Hauptsatz schreiben wir so: „Das ergibt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov.“ (7 Wörter).
Dritter Vorschlag: Wir sehen jetzt, da wir die Aussagen um Sinnlosigkeiten entschlackt haben, dass der einleitende 1. Satz überflüssig ist. Der gesamte Absatz könnte bisher lauten: „47 Prozent der Autofahrer regen sich über andere Autofahrer auf. Das ergibt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov.“

Text 203-03

Quelle: siehe oben.

3. Satz. Analyse: 16 Wörter, 2 Subjekte, 1 Einschub; Gegenstände und die dazu gehörenden Mengenangaben werden zweifach auseinandergerissen.  Die Subjekte sind „Verkehrsführung“ und „Radfahrer“, das Prädikat ist „liegen dahinter“. Das Prädikat gibt eine Erläuterung der Art, wie sie „knapp die Hälfte“ im Satz davor gegeben hat. Auch in diesem Satz ist die Erläuterung sinnlos, weil Leser durchaus wissen, dass 19 und 16 weniger sind als 47. Die sinngebende Aussage „Verkehrsführung und Radfahrer liegen dahinter“ ist ohnehin sinnlos, weil in dem Satz doch bloß mitgeteilt werden soll, wie viele Autofahrer sich über die Verkehrsführung und wie viele sich über Radfahrer ärgern.

Eine Herausforderung stellt dar, das Wort „Verkehrsführung“ zu erläutern. Das ist in der Tat ein Stolperwort, das erklärt gehört. Schilder und Ampeln zu erwähnen ist sicherlich gut. Bloß nicht als Einschub in Gedankenstrichen, weil das die Aussage „Autofahrer ärgern sich über die Verkehrsführung“ auseinanderreißt und längt.

Eine Untugend ist es, Gegenstände und die dazu gehörenden Mengenangaben auseinanderzureißen. Dann kommt man um das lange Wort „beziehungsweise“ kaum herum. Nicht die Gegenstände gehören zusammen, sondern ein Gegenstand und seine Mengenangabe. Dann der nächste. Anders wäre es, wenn zu den Gegenständen dieselbe Mengenangabe gehörte. Das ist hier aber nicht der Fall.

Vorschlag: „19 Prozent der Autofahrer ärgern sich über die Verkehrsführung (Schilder, Ampeln und ähnliches), 16 Prozent über Radfahrer, 2 Prozent über Fußgänger.“ Sie sehen fünferlei:
Erstens habe ich den letzten Satz des Originals mit 4 Wörtern hinzugefügt. Im Original (Quelle: ntv) hat er 10 Wörter, davon 8 für den Sinnzusammenhang.
Zweitens liest sich der gesamte Absatz jetzt als das, was er ist: eine Aufzählung mit Quellenangabe. Der Autor hatte aus der Aufzählung schlecht verständliche Literatur gemacht. Das ist leider üblich wie übel und wird das Thema eines späteren Blogbeitrags zum Thema „Aufzählung“ sein.
Drittens schreibe ich Mengenangaben in Metern, Gramm und Prozent in Ziffern. Ich benutze auch dann Ziffern, wenn andere Angaben dahinter stehen und mehrere Zahlen vorkommen, die verglichen werden sollen, zum Beispiel die Zahlenangaben vor „Wörter“.
Viertens habe ich nichts gegen eine Klammer am Satzende. In diesem Fall steht sie am Ende des Sinnzusammenhangs.
Fünftens habe ich (siehe unten) zwei Sätze mit „XX Prozent der Autofahrer …“ begonnen, weil Sätze leichter verstanden werden, wenn die Reihenfolge von Subjekten, Prädikat und Objekt beibehalten wird als wenn sie geändert worden wäre.

Mein Vorschlag in Gänze:
47 Prozent der Autofahrer regen sich über andere Autofahrer auf. Das ergibt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov. 19 Prozent der Autofahrer ärgern sich über die Verkehrsführung (Schilder, Ampeln und ähnliches), 16 Prozent über Radfahrer, 2 Prozent über Fußgänger.

@ Egbert Manns

Advertisements

About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
This entry was posted in Uncategorized. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s