Sätze (2): Sätze aus bekannten Wörtern — Zeitungssprache 202

Die meisten Redakteure haben studiert. Die meisten Leser haben nicht studiert. Das ist eine reizvolle Kombination, die zwangsläufig zur Frage führt: Verstehen die Leser die Redakteure? Und andersherum: Können die Redakteure sich den Lesern verständlich machen? Ein einfacher Rat: Sätze aus möglichst bekannten Wörtern bilden und Fachbegriff und Jargon vermeiden. Und wenn das gleich mit dem ersten Satz geschieht, steigt die Chance, dass die Leser weiterlesen.

Anmerkungen
Mit der Forderung, einfach zu schreiben, sind die meisten Redakteure  von Volontärsbeinen an konfrontiert worden. Aber was heißt „einfach“? Ganz einfach, es heißt, auf schwierige Dinge zu verzichten — auf Wörter, die nicht einfach zu verstehen sind, auf Satzbauten, die man nur mit Nachdenken entschlüsseln kann, auf Gedanken, die spezielles Wissen voraussetzen, auf nachrichtenfreie Satzanfänge, auf schiefe Bilder. Unter „schwierig“ fällt auch Jargon.

In diesem Blogbeitrag geht es darum, dass Sätze nicht einfach zu verstehen sind, weil in ihnen Wörter vorkommen, die einem Jargon, einer Fachsprache oder einfach der Einfallslosigkeit oder Redigierunwilligkeit des Autors entspringen. Dummerweise ist „einfach zu verstehen“ etwas, was von Mensch zu Mensch anders ist. Was der eine kennt, kennt der andere ungefähr und wieder ein anderer gar nicht. Von den vielen Zugezogenen, die nicht mit Deutsch aufgewachsen sind, müssen wir hier nicht reden.

Ein Liste unverständlicher Wörter gibt es nicht. Was also sind Wörter, die nicht einfach zu verstehen sind, und wer gibt den Maßstab vor?

Ich ermuntere Volontäre und Redakteure zunächst, sich selbst zum Maßstab zu machen. Wenn sie über ein Wort stolpern, das ihnen nicht völlig klar ist: Weglassen, umformulieren. Denn analog zu einem Ausspruch Friedrichs des Großen gilt: Wir sind die ersten Leser unserer Leser. Das heißt: Was wir nicht verstehen, werden wir unseren Lesern nicht zumuten. Also formulieren wir es so, dass wir es leicht(er) verstehen.

Beispiele
1. Stolperwörter

Für nicht einfach zu verstehende Wörter gibt es, wie gesagt, keine Positivliste. Ich empfehle: Lesen Sie eine Ausgabe Ihrer Zeitung einmal komplett durch, von der Politik bis zum Sport. Streichen Sie die Wörter an, die sie verdächtigen, nicht allgemein verständlich zu sein.

Stolperwörter.

Stolperwörter.

Ich habe das mit den ersten acht Seiten einer Ausgabe meiner Zeitung gemacht und bin über mehrere Dutzend Wörter und Begriffe (Wortkombinationen) gestolpert, über deren Sinn ich beim Redigieren wenigstens einmal nachdenken würde.

Ein paar Beispiele: „Weichzeichner“ kennt nur jemand, der Bilder am Computer bearbeitet. „Run auf“ setzt Englisch-Kenntnis voraus. „Prinzipiell“ ließe sich eindeutschen. „Kompetenzen integrativ vermitteln“ ist desinformativer Stuss, „Smart“ ist Journo-Jargon und heißt auf Deutsch laut Wikipedia „schnell“, „gewitzt“ oder „schlau“ und auf Schwäbisch „kniz“. Und so weiter bis zu „Lover“, für das man „Liebhaber“ schreiben könnte, dann kapieren es alle.

2. Wie ein Stolperwort einen Satz kaputt macht

Debatte um Quoten …

Debatte um Quoten …

Wir nehmen das Wort „Quote“ als Beispiel. Folgenden ersten Satz einer Meldung habe ich gelesen: „In der Debatte um hohe Sitzenbleiber-Quoten vor allem an Realschulen im Südwesten hat Kultusminister Andreas Stoch (SPD) an die Eltern appelliert, die Empfehlung der Lehrer vor dem Übertritt an weiterführende Schulen ernster zu nehmen.“

„Debatte“ — hm, ist vielleicht geläufig. „Sitzenbleiber-Quoten“ — hm, was ist das? Eine Quote ist der Anteil von etwas. Anstatt „hohe Sitzenbleiber-Quoten“ könnte man also „hoher Sitzenbleiber-Anteil“ schreiben. Klingt holprig. Wie wäre es mit „viele Sitzenbleiber“? Das klingt popelig und ungenau, denn was bedeutet „viele“? Andererseits klingt „hohe Sitzenbleiber-Quote“ bloß sachlicher, ist aber nicht genauer, denn was bedeutet „hohe“?

Und dann diese Wörterkombination „Debatte um Quoten“ — das ist ein Rausschmeißer, der Satz ist kaputt. Den Artikel liest nur, wer das Wort „Realschulen“ bemerkt hat und entweder Realschüler, Realschulschülereltern, Realschullehrer oder bildungspolitisch interessiert/engagiert ist.

Ach, hätte der Autor die Meldung doch mit einer Information begonnen. Damit hätten alle, die einen Blick darauf werfen, gewusst, was Sache ist. Zum Beispiel hätte er auf die Frage: „Was ist los?“, so antworten können: „Eltern sollen die Empfehlung der Lehrer ernst nehmen, auf welche weiterführende Schule ihr Kind wechseln sollte.“ Dahinter noch einen Satz à la „Das fordert/verlangt/wünscht Kultusminister Andreas Stoch.“ Im dritten Satz die  Begründung für den Appell: In der 5. Realschulklasse seien im Jahr 2014 etwa 44 von 1000 Kindern sitzengeblieben; im Jahr 2011 waren es nur 8 von 1000 Kindern. Oder so ähnlich. Wer braucht Quoten, wenn die Zahlen so klar sind!

3. Kaputte Sätze

Sätze, die wegen Stolperwörtern kaputt sind, lassen sich zuhauf finden.
— „Die Verbraucherzentralen warnen vor einem sorglosen Umgang mit persönlichen Daten bei digitalen Gesundheitsangeboten.“
— „Die Sorge vor einem politischen Linksruck in Griechenland bei den Neuwahlen Ende Januar treibt auch Ökonomen um“
— „Deutschlands Großunternehmen sind trotz der Konjunkturflaute im Euroraum und weltweiter Krisen auf Erfolgskurs“
— „Die erfolgsverwöhnten Minis streben nach der Titelverteidigung, der Rekordchampion gibt den Herausforderer, und ein deutscher Co-Pilot will endlich ganz vorne landen.“

Ach, Sie haben das kapiert? Dann wiederholen Sie ohne hinzugucken, was Sie gerade gelesen haben. Sollte Ihnen das nicht gelingen, suchen Sie doch mal nach den Stolperwörtern.

Vielleicht gelingt es Ihnen dann, die Sätze leichter verständlich zu formulieren. Für die oben genannten Beispiel könnte das so aussehen:
— „Viele Gesundheitsangebote im Internet melden den Versicherungen, wie es um Ihre Gesundheit steht.“

Die Links zum Text, der zeigt, dass das Gegenteil dessen gemeint ist, was der Satz auszusagen scheint.

Die Links zum Text, der zeigt, dass das Gegenteil dessen gemeint ist, was der Satz aussagt.

— „Wenn Griechenland im Januar eine linke Regierung bekommt, droht Europa keine neue Finanzkrise.“ (Das liest sich anders als das, was oben steht, aber wenn man den Artikel weiter liest, merkt man, dass der Satz „Die Sorge vor einem politischen Linksruck …“ als Anfang der real existierenden Meldung Unfug war; jedenfalls steht im weiteren Text das Gegenteil. Der Autor hat sich im Übrigen geirrt …)
— „Deutschlands Großunternehmen haben in den ersten neun Monaten dieses Jahres 9 Prozent mehr Gewinn gemacht als in den ersten neun Monaten 2013.“
— „Die Rallye Dakar beginnt morgen. Sie führt vom 4. bis 17. Januar über 9111 Kilometer durch Argentinien, Bolivien und Chile.“

Jetzt wiederholen Sie mal, was Sie gerade gelesen haben …

Fazit
Es bedeutet Arbeit, Sätze mit bekannten Wörtern zu formulieren. Gerade dann, wenn man als Textvorlage Sätze hat, die um die Information herumstolpern. Diese Arbeit müssen wir Redakteure jedoch leisten. Nur wenn wir uns die Mühe machen, Sätze so zu schreiben, dass die Leser gleich ein Bild von der Information vor sich sehen, hat der Beruf eine Existenzberechtigung.

Texte einfach zu übernehmen anstatt zu redigieren, dafür braucht eine Zeitung keine Redakteure, das können Ungelernte. Für die Printmedien wäre Letzteres das sichere Aus Wieso sollten Leute für eine Information Geld bezahlen, die sie im Internet kostenlos bekommen? Redigieren, wovon das Wort „Redakteur“ kommt, bedeutet immer, Texte kritisch zu prüfen. Das oben genannte Griechenland-Beispiel zeigt auch: Schon die einfache sprachliche Prüfung, das einfache Bemühen, einen Sachverhalt einfacher zu schreiben, bringt es mit sich, dass Unfug bemerkt und eliminiert werden kann.

@ Egbert Manns

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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