Sätze (1): Sätze ergeben Sinn — Zeitungssprache 201

Der Informationsgehalt von Wörtern wird häufig erst im Satz klar. Denn Wörter können mehrdeutig sein. Sie tragen Informationen, die wir entschlüsseln (sic!) müssen. Wir setzen Wörter absichtsvoll zusammen, weil die Zusammensetzung die Information freisetzt, die wir dem Leser anbieten. Diese Zusammensetzung ist der Satz; der Satz ist der Schlüssel zu den Wörtern.

Beispiel:
Ein Brauner Zwerg hat mehr Masse als Jupiter.

Der Satz enthält Wörter, die mehrere Bedeutungen haben können. Zum Beispiel
„Braun“ — Assoziationen: Farbe, Synonym für Nazi, Rasierapparat.
„Zwerg“ – Assoziationen: Sagengestalt, Gartenzwerg, kleiner Mensch.
„Jupiter“ — Assoziationen: Oberste römische Gottheit, größter Planet unseres Sonnensystems, Küchenmaschinenhersteller.
„Masse“ — Assoziationen: Viel von etwas, Menschenauflauf, Physik.

Anmerkungen:
Das Thema des Beispielssatzes haben Sie erkannt, es ist die Astronomie. Vermutlich hat die Formulierung „hat mehr Masse als Jupiter“ das klargemacht. Hätte der Satz gelautet: „Ein brauner Zwerg hat Jupiter geärgert“, wäre nicht die Astronomie, sondern die  griechische Mythologie als Thema zu vermuten gewesen. „Masse haben“ (alternativ: „ärgern“) ist in diesem Beispiel die entscheidende Information, die die Wörter zu entschlüsseln hilft.

Das Thema „Astronomie“ ist also klar. Aber ist auch klar, welchen Sinn der Satz „Ein Brauner Zwerg hat mehr Masse als Jupiter“ hat? Wer Astronomiekenntnisse hat, weiß, was ein Brauner Zwerg ist (als Fachbegriff mit großem B geschrieben). Wer diese Kenntnis nicht hat, kann sich dem Sinn des Satzes nur annähern: Es gibt etwas, das mehr Masse als der Planet Jupiter hat, und das wird „Brauner Zwerg“ genannt.

Wir sehen: Ein Satz verleiht den Informationen, die seine Wörter beinhalten, die Information, die zum beabsichtigten Sinn führt. Den Sinn zu erkennen setzt Vorkenntnis voraus, erstens eine vom Thema, zweitens eine von den Wörtern.

Mit Vorkenntnis umzugehen ist die größte Schwierigkeit des Journalismus. Ein Beispiel aus meiner Heimat: Der Satz „Die Hauptstraße wird geteert“ müsste klar sein, denn sowohl die Hauptstraße als auch Teer gehören zum Alltagswissen. Aber diese Nachricht kommt ja nicht alleine. Sie kann – im Folgenden ein konstruierter Fall – in Varianten auftreten:
Der Illertisser Gemeinderat hat beschlossen, die Hauptstraße neu zu teeren.
Der Kreistag Neu-Ulm hat beschlossen, die Hauptstraße neu zu teeren.
Der Bezirkstag von Schwaben hat beschlossen, die Hauptstraße neu zu teeren.

Dass es die Stadt Illertissen gibt und wie sie aussieht, gehört für die Einwohner zum Alltagswissen. Etwas weniger Leuten, aber den meisten (hoffe ich) ist auch ungefähr klar, was der Gemeinderat ist. Ungefähr, das heißt, es ist als Gremium bekannt. Was er im Einzelnen tut und tun darf, ist sicherlich weniger bekannt.* Noch weniger bekannt ist der Kreistag, erst recht nicht sind es seine Befugnisse.** Und vom Bezirk Schwaben wissen viele nicht einmal, dass es ihn gibt, wie ich als Lokalredakteur bemerkt habe.

Sie sehen, ich hantiere mit Wörtern wie „müsste“, „hoffe ich“ und „sicherlich“. Woher sollen wir Journalisten wissen, was die Leser wissen? Und wenn wir Untersuchungen gelesen haben, ist nichts greifbarer. Gilt deren Ergebnis im konkreten Fall oder verhält es sich wie mit Wettervorhersagen, die das große Ganze im Durchschnitt richtig treffen, bloß dass es trotz gleicher Vorhersage an einem Ort regnet und am anderen nicht?

Fazit:
Welche Vorkenntnis gerade von den Dingen, über die Zeitungen dauernd berichten, kann ein Journalist voraussetzen? Die Frage lässt sich nicht beantworten. Sie deshalb zu ignorieren gilt aber nicht. Denn die Frage weist immerhin auf einige Anforderungen hin, die zu beachten den Kreis der verstehenden Leser erweitern könnte:
1. Sätze sollten aus möglichst bekannten Wörtern gebildet werden.
2. Sätze sollten aus sich heraus verständlich sein.
3. Sätze sollten den Leser nicht am Anfang verprellen; er hört dann vielleicht auf, bevor er zur eigentlichen Information gelangt. In diesem Sinne ist der oben angeführte Satz die zweitbeste Lösung: „Der Illertisser Gemeinderat hat beschlossen, die Hauptstraße neu zu teeren.“ Informativer wäre die folgende Informationsfolge: „Die Hauptstraße wird neu geteert. Das hat der Bezirkstag von Schwaben beschlossen.“ Was zu der Anforderung führt:
4. Am einfachsten zu verstehen ist die Satzreihenfolge Subjekt, Prädikat, Objekt (SPO). Deshalb sind SPO-Sätze für Nachrichten erste Wahl.

@ Egbert Manns

* Unkenntnis hält vom Engagement ab, siehe dazu auch die Ergebnisse der Schulabgängerumfrage „Youcheck“ 2014.

** Eine Umfrage in Ravensburg hat laut der Schwäbischen Zeitung ergeben, dass jeder Zweite nicht weiß, was ein Kreistag ist.

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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