Absätze (4): Geschichte in der Geschichte – Zeitungssprache 104

Ein neuer Absatz signalisiert: Hier kann etwas Neues kommen. „Fange ein neues Thema, eine neue Schlussfolgerung, einen Wechsel der Quelle mit einem neuen Absatz an“, empfiehlt deshalb beispielsweise die Schreibzentrale der Texas-A&M-Universität den Studenten. Solch eine Verheißung des Neuen sollte der Verfasser möglichst auch erfüllen. Das geht mit einer neuen Nachricht, einem anderen Aspekt einer Nachricht, einer anderen Quelle — eben mit etwas Anderem als im vorangegangenen Absatz. So kann ein Absatz zu einer Kurzgeschichte in der Geschichte werden oder wenigstens zum Beginn einer Kurzgeschichte.

Anmerkungen:
Manchmal findet man keinen Anhaltspunkt, einen inhaltlich sinnvollen Absatz zu in eine Passage machen. Manchmal muss eine Nachricht stringent über 30, 40 Zeilen erzählt werden, Aufzählungen und Beschreibungen zum Beispiel, und der Verfasser findet keine Möglichkeit, daraus zwei, drei Kurzgeschichten zu machen. Dann wird der Absatz eben reingemacht, ohne dass es etwas Anderes kommt. Er dient zwar nicht der inhaltlichen Struktur, aber der Leserlichkeit des Artikels.

Allerdings: Den Absatz bitte so beenden, dass der nächste Satz nicht den letzten des vorangegangenen Absatzes fortführt! Eine Zäsur lässt sich immer schreiben. Wenn ich mit Volontären oder Studenten über Absätze spreche, kommt immer wieder die Frage, was ich von solchen täuschenden Übergängen (siehe auch Nr. 1 und 5 unten im Beispiel) halte. Solche Übergänge fallen also auf. Ich halte sie für falsch, für handwerkliche Fehler.

Wenn wir Absätze als Kurzgeschichten begreifen, dann folgt daraus: Neue Nachrichten und Aspektwechsel schreiben wir nachrichtlich. Wir können aus dem Imperfekt herausgehen und das Neue mittels dem Perfekt als neue Nachricht kennzeichnen (wie das geht: siehe die Blogbeiträge 001 bis 019). Das kann aus drei Gründen sinnvoll sein.
– In der Gattung Nachricht ist ein nachrichtlicher Einstieg in einen neuen Aspekt schon von der Systematik her sinnvoll.
– Nach einer erzählenden Imperfektpassage plötzlich wieder ein Perfekt zu lesen, signalisiert dem Leser schon sprachlich, dass hier etwas Neues kommt.
– Längere Nachrichtentexte im Imperfekt leinern so vor sich hin. Das Perfekt hingegen, eingesetzt für neue Informationen oder Aspekte, spricht den Leser immer wieder an.

Text in gleichlange Absätze unterteilt, aber nicht nach inhaltlichen und sprachlichen Gesichtspunkten. Quelle: dpa

Text einfach in gleichlange Absätze unterteilt, aber nicht nach inhaltlichen und sprachlichen Gesichtspunkten gegliedert. Quelle: dpa-Text in den Online-Ausgaben von Welt, FAZ, Focus, Augsburger Allgemeine, SHZ und anderen.

Beispiel:
Rechts steht ein Beispiel für Artikel, deren Absätze gerichtet werden müssten, damit sie sprachlich näher am Leser, entleiert und besser erzählt sind. Einer sprachlichen Kritik enthalte ich mich hier. Es geht nur um das, was mit Absätzen zu tun hat. Der Text einschließlich der Absatzsetzungen stammt von der Nachrichten-agentur dpa und ist in zahlreichen Online-Zeitungen unredigiert erschienen.

Zu 1.: Negativ, das geht gar nicht. Der erste Absatz nach dem Vorspann beginnt einfach mit einem Bezug auf den Satz davor, wie uns in diesem Fall das „Dabei …“ verrät. Richtig wäre, den Text im ersten Absatz nach dem Vorspann selbstständig anfangen zu lassen. Zum Beispiel so: „Die Basler Kantonspolizei prüft, ob der Mann sich wirklich selbst erschossen oder nicht doch ein Polizist den tödlichen Schuss abgegeben hat.“

Zu 2.: Negativ, weil nicht klar ist, was hier erzählt wird. Angetäuscht wird Biografie
(„…, der in der Schweiz wohnte …“), weitererzählt wird Ereignis („… war aus der Haftanstalt in eine ärztliche Notfallstation gebracht worden.“) Vorschlag: Biografie weglassen und irgendwo hinten etwas ausführlicher bringen. Der Mann, der in der Schweiz arbeitete und aus der Haftanstalt verlegt wurde, das sind keine Informationen, die etwas miteinander zu tun haben.

Zu 3.: Negativ, die Geschichte leiert. Hier kann man, weil jetzt ein neuer Aspekt des Geschehens (Verfolgung, Handgemenge, Schuss) kommt, mit dem Perfekt einsteigen. Zum Beispiel. „Ein Polizist ist dem Mann nachgelaufen.“ Dann ins Imperfekt wechseln: „Auf dem Platz „Totentanz“ nahe dem Rheinufer …“

Zu 4.: In Ordnung. Hier beginnt ein neuer Aspekt, deshalb fängt hier auch ein neuer Absatz an.

Zu 5.: Negativ. Der erste Satz gehört inhaltlich zum vorangegangenen Absatz. Der Absatz müsste mit dem nächsten Satz beginnen; dieser Satz sollte nicht geleiert, sondern erzählt werden. Dafür ist, weil ein neuer Aspekt beginnt, der Wechsel ins Perfekt sinnvoll: „Weshalb der Deutsche in U-Haft gesessen hat, …“ In diesem Absatz könnten alle biographischen Angaben sinnvoll untergebracht werden.

Der Beispieltext enthält nach dem Vorspann fünf gleichlange Absätze (10 bis 11 Zeilen). Die Gleichlängigkeit wirkt ein bisschen langweilig, aber spätestens mit dem Redigieren, der sprachlichen und inhaltlichen Verbesserung des Manuskripts, dürften die Absätze unterschiedlich lang werden. Die letzte Zeile neben Nr. 2 ist sehr leer, die letzte Zeile neben Nr. 3 sehr voll. Beide sind am Limit; nach meinem Verständnis sind Nr. 2 tolerabel und Nr. 3 zu voll, sie lässt zu wenig Weißraum, siehe Blogbeitrag Nr. 101.

Die biographischen Angaben müssten gebündelt werden. Am besten im letzten Absatz, weil sie mit dem Ereignis nichts zu tun haben.

Wegen der sinnfreien Returns an den Stellen Nr. 1 und Nr. 5 könnte man den Eindruck haben, der Autor habe den Text einfach in sechs gleichlange Absätze (ein Vorspann, fünf Absätze Brottexte) gegliedert, egal, ob sich der erste Satz des nächsten auf den letzten des vorangegangenen Absatzes bezieht. Per Abzählreim mit dem Zentimetermaß? Das ist handwerklich gesehen keine Meisterleistung.

Zusammenfassung:
Absätze dürfen nicht mit dem Salzstreuer über den Text verteilt werden, auch nicht mit dem Zentimetermaß. Sie strukturieren den Text optisch und inhaltlich und jeweils an der angemessenen Stelle, sie markieren kleine Geschichten in der Geschichte. Mit einem Text muss man sich eben Mühe geben. Andernfalls kann man Laien die Zeitung machen lassen.

© Egbert Manns

 

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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