Absätze (2): Kurz oder lang – Zeitungssprache 102

Überlängen: Links ein Absatz mit 25 Zeilen, rechts einer mit 44 Zeilen. Textmontage: Egbert Manns

Überlängen: Links ein Absatz mit 25 Zeilen, rechts einer mit 44 Zeilen. Textmontage: Egbert Manns

„Obwohl klar ist, dass ein 25-Zeilen Absatz viel zu lang sein dürfte.“ Was mir der Zeitungsdesigner Norbert Küpper kürzlich noch mitteilte, wird so oft ignoriert. An dem Tag, an dem ich begonnen habe, diesen Blogbeitrag zu schreiben, waren in meiner eigenen Zeitung reichlich Absätze, deren Verfassern oder Redigierern das „viel zu lang“ nicht klar war. In rascher Durchsicht habe ich 18 Absätze mit 25 und mehr Zeilen gezählt: 25, 25, 25, 26, 27, 27, 28, 28 29, 30 32, 32, 35, 38, 40, 41, 41, 44 Zeilen.

18 Absätze, das macht einen einzigen viel zu langen Absatz pro Textseite. Das ist doch unerheblich und fällt nicht ins Gewicht, könnte man einwenden.

Nein. Erstens: Was dazu grundsätzlich zu sagen ist, habe ich im vorangegangenen Blogbeitrag geschrieben. Zweitens: Die Ausgabe hat jede Menge Absätze in der Längenordnung knapp unter 25 Zeilen enthalten. Die waren vielleicht nicht „viel zu lang“, aber jedenfalls zu lang. Drittens (und das wird einen eigenen Blogbeitrag ergeben) waren viele Absatzenden auf Kompress geschrieben. Das heißt, dahinter hätte kein i mehr gepasst. Auf diese Weise befolgen manche Redakteure die Mahnung, Absätze zu machen, und unterlaufen sie gleichzeitig; ihre Absätze sind kaum zu sehen und deshalb unter dem Gesichtspunkt der Leserlichkeit des Textes sinnlos.

Wie lang soll ein Absatz in einer Zeitung denn sein? Das ist eine Frage, auf die ich keine eindeutige Antwort gefunden habe, jedenfalls keine in Zeilen- oder Zentimeterzahlen, die auf Forschung beruhte. Erforscht wurde und wird die Leserlichkeit eines Textes in Abhängigkeit von Schriftgröße und Anschlägen pro Zeile, „zur Länge des Absatzes selbst gibt es keine Aussage“ (Küpper). Zudem: Zeitungen haben unterschiedliche Spaltenbreiten, kann da überhaupt eine Zeilenregel gelten?

Läuft es also darauf, dass wir die Frage nach der Absatzlänge mit dem Hinweis beantworten können/müssen, das müsse man im Gefühl haben? Vermutlich. Aber es gibt ein Gefühl und ein qualifiziertes Gefühl. Letzteres orientiert sich an einigen Anhaltspunkten, die kommunizierbar sind.

Anmerkungen:
Es gibt durchaus einige Leute, die sich mit Absatzlängen beschäftigen. Bemerkenswert: Sie geben Empfehlungen durchweg für Texte im Internet ab. Das bedeutet nicht, dass diese Empfehlungen für Zeitungstexte ungeeignet wären. Es zeigt vielmehr, dass dieser Aspekt, Leserfreundlichkeit herzustellen, im neuen Medium Internet (neu nicht im Merkelschen (Un)sinne, sondern im Vergleich mit der Zeitung) eine höhere Aufmerksamkeit genießt als im Medium Zeitung.

Einige Empfehlungen zur Absatzlänge:
— Eine „Absatzlänge von 30 bis 50 Wörtern“ empfiehlt Inga Kannengießer/Björn Prickartz, Web-Ergonomie @ Barrierefreiheit im Internet, Ferber-Verlag 2006.
— „Schreibe kurze Sätze und Texte. (Maximal 20 Wörter pro Satz, 6 Sätze pro Absatz — ob das direkt aufs Deutsche übertragbar ist, sei dahingestellt).“ Das schreibt der Usability-Berater Jens Jakobsen in „Text im Web – Einfluss auf Usability & Kaufbereitschaft“. Er bezieht sich auf „Koyani, S.J., Bailey, R.W., Nall, J.R. (2003). Research-Based Web Design & Usability Guidlines. National Cancer Institute.
— „Absätze sind eigenständige Informationseinheiten. Sie sollten weder zu groß noch zu klein gewählt werden, wobei eine typische Absatzlänge etwa 5 bis 15 Zeilen umfaßt“, heißt es in Dietrich Bohles „Begleitbuch zur Vorlesung Multimedia-Systeme, Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, Fachbereich Informatik“. Bohles beruft sich auf Jürgen Gulbins und Christine Kaufmann. Mut zur Typographie. Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, 1992.
– „Absätze sollten kurz sein“, schreiben Wolf Schneider und Paul-Josef Raue in „Das neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus“, „damit nicht der Eindruck einer kaum zu bewältigenden Textmange entsteht. Der Designer Rolf Rehe empfiehlt pro Absatz acht bis zwölf Zeilen.“ 

Übersichtlich: ein Absatz mit je nach Breite zehn oder elf Zeilen Länge.

Übersichtlich: ein Absatz mit je nach Breite zehn oder elf Zeilen Länge. Foto: Egbert Manns

Zusammenfassung:
Jetzt haben wir ein paar Zahlen zur Absatzlänge:
– 5 bis 15 Zeilen.
– maximal 40 Wörter,
– maximal 6 Sätze.
– 30 bis 50 Wörter.

Die Beispielsabsätze rechts (Breite: oben 38 Anschläge, unten 33 Anschläge mit gleichem Text) orientieren sich an den Empfehlungen: Zehn Zeilen (oben) und elf Zeilen (unten). Drei Sätze, davon einer mit einem mit einem Komma abgetrennten Nebensatz. 44 Wörter. Beide Absätze haben verträgliche Längen, sind übersichtlich. In beide passt sinnvoll viel Inhalt.

Ich empfehle deshalb solche Absatzlängen um die zehn, elf Zeilen. Weil sich Inhalte nicht immer auf die gleiche Absatzlänge pressen lassen, dürfen es ruhig mal zwei, drei, vier, fünf Zeilen mehr oder weniger sein; je breiter die Absätze, desto seltener sollten es mehr Zeilen sein. Möglicherweise gilt für Absatzlängen, was für Sätze gilt: Nicht immer die gleichen Satzlängen, sondern variieren. Aber, wie eingangs gesagt: Ein 25-Zeilen-Absatz dürfte viel zu lang sein.

@ Egbert Manns

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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