Absätze (1): Texte lesbar machen – Zeitungssprache 101

Absätze gehören zu den wichtigsten und einfachsten Mitteln, einen Artikel gut lesbar zu machen. Einen Text mittels Absätzen zu strukturieren, ist deshalb ein Service am Leser. Einen absatzarmen oder gar -losen Text zu drucken, zeigt Desinteresse daran, dass Leser einen Text konsumieren (können) oder nicht.

Anmerkungen:
Absätze haben eine optische und eine inhaltliche Funktion. Beide sind gleich wichtig. Sie gegeneinander auszuspielen (zum Beispiel mit Formeln wie „Form geht vor Inhalt“ und „Inhalt geht vor Form“) wäre deshalb falsch.

Optisch: Alle paar Zeilen gibt es am Absatzende einen Weißraum. Er bildet einen Kontrast zu den mit schwarzer Schrift belegten Zeilen darüber und darunter. Hier findet das Auge einen Halt. Viele Zeitungen lassen ihre Absatzanfänge einrücken, meistens mit einem buchstabenfreien Quadrat (Geviert) links vom ersten Wort. Das ist ein zusätzlicher, kleiner Schwarz-Weiß-Kontrast.

Egal, was im Text steht: Mit Absätzen (links) hat das Auge Halt und findet es mehr Einstiege in den Text als ohne. Foto: Egbert Manns

Egal, was im Text steht: Mit Absätzen (links) hat das Auge Halt und findet es mehr Einstiege in den Text als ohne. Foto: Egbert Manns

Ein Absatzende bedeutet die kleinstmögliche Form aktiven Weißraums , die eine Redaktion im vorgegebenen Design ihrer Zeitung schaffen kann. Aktiver Weißraum „dient der Nutzerführung und leitet das Auge von einem Element zum nächsten“, schreibt die Berliner Werbedesignerin Manuela Hoffmann.

Texte ohne Absätze sind wie Leitern ohne Sprossen. Siehe den Hilferuf, den Christine, eine Administratorin des Blogs aspetos.at losgelassen hat: „Mitunter sind Beiträge deshalb schwer zu lesen, weil keine Absätze gemacht werden, die den Text strukturieren würden. Wenn lange Postings ,in einer Wurst’ heruntergeschrieben werden, dann verliert man leicht die Orientierung beim Lesen, verliest sich und es ist auch sehr schwer sich auf den Inhalt zu konzentrieren.“

Lange Absätze vermitteln den Eindruck „einer kaum zu bewältigenden Textmenge“, schreiben Wolf Schneider und Paul-Josef Raue in „Das neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus“. Lange Absätze „vergraulen die Leser“.

Inhaltlich: Ein neuer Absatz signalisiert: Hier kann etwas Neues kommen. Das Auge springt zu den Anfängen neuer Absätze, wie wir auf Eye-Tracking-Aufzeichnungen sehen können. Deshalb sollten die Redaktionen Absätze so setzen, dass ein neuer Absatz wirklich eine neue Information, einen neuen Aspekt, eine neue Quelle, eine neue Nachricht bedeuten kann. Deshalb sollte ein Absatz auch nicht irgendwie beginnen, sondern eine Nachricht oder ein dramaturgisch wichtiges Textelement enthalten, die den Leser am Text halten.

Einwände und Gegenrede:
In Redaktionen gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, ob und welche Art Texte Absätze benötigen, wie lang Absätze sein sollen, wie wichtig Absätze sind. „Einspalter haben keine Absätze“, sagen die einen und scheuen sich nicht, Einspalter mit 40 Zeilen absatzlos runterzuriemen — handgemachte monolithische Blöcke. Weitere Argumente: „Absätze sind unschön“, „Absätze mag ich nicht“ und dergleichen. Andere eliminieren Hurenkinder, indem sie einfach den Absatz auf der ersten Zeile auflösen, oder längen einen Text, indem sie hinter irgendeinen Satz einen Return setzen — für beides braucht man keine Redakteure, das können Schulkinder.

Woher kommen die unterschiedlichen Auffassungen? Sie resultieren meiner Erfahrung nach im Wesentlichen aus unterschiedlichen Zugängen zum Thema „Absatz“.

Erstens: Viele Redakteure haben sich damit noch nie beschäftigt, sondern bloß eine starke Meinung, gebildet und gefestigt aus Gewohnheiten, die sie von den Redakteuren übernommen haben, denen sie während ihres Volontariats ausgesetzt waren. Gewohnheit anstatt (Er)kenntnis, Gewohnheit anstatt Reflexion — mancher Volontär hat Pech, für ihn bleibt es arbeitslebenslänglich beim „Einspalter haben keine Absätze“ und der Einspalter eine Wurst (siehe oben).

Zweitens: Viele Redakteure sind auf Content fixiert. Wichtig ist ihnen, was sie schreiben und worüber und dass das im Blatt steht. Wie, das ist ihnen egal.

Drittens: Manche Redakteure schreiben einfach nicht so, dass sinnvoll Absätze gesetzt werden könnten. Was soll auch ein Absatz in einem 40-Zeiler, dessen letzter Satz nach atemlosem Inhaltcrescendo sozusagen das Finale der vorangegangenen Sätze bildet? Manchmal läuft das unter „Das ist eben sein/ihr Stil.“: Ich unterstelle: Sie können nicht nachrichtlich schreiben.

Zusammenfassung:
Absätze sind ein vernachlässigtes Element in journalistischen Texten. Nicht, dass keine gesetzt würden. Aber zu wenige. Wenn man Tageszeitungen durchblättert, bemerkt man rasch, dass es von Ressort zu Ressort und Redakteur zu Redakteur andere Auffassungen/Gewohnheiten/Vorlieben gibt und keine durchgängig befolgte Regel. Und das, obgleich Absätze das einfachste Mittel sind, Leserlichkeit zu fördern. 100 Zeilen ohne Absatz kann man auch mit einer Zwischenüberschrift nicht so lesbar machen wie wenn man ihn in zehn Absätze aufteilt.

Absatzarme oder -lose Texte schrecken vom Lesen ab. Und damit von der Informationsaufnahme. Artikel ohne oder mit wenigen und/oder kaum erkennbaren Absätzen sind eine unfreundliche Botschaft an die Leser.

@ Egbert Manns

 

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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