Der Vorspann mit der Nachnachricht (5): Synonymitis – Zeitungssprache 019

Eine nur schwer heilbare Krankheit des Journalismus ist die Synonymitis. Sie kann in allen Textteilen auftreten. In der Nachnachricht findet sie besonders guten Nährboden. Beide bedingen einander sogar häufig, weil der Teufel bekanntlich auf den größten Haufen scheißt. Und weil der Haufen so groß ist, wird dieser Blockbeitrag so lang. Sorry.

Fangen wir mit dem Beispielsatz des Blogbeitrags 018 an. Er lautet:

Nach dem Leck an einer Gasplattform des französischen Total-Konzerns in der Nordsee vor Aberdeen hat sich die Situation verschärft.

Ich hatte dazu geschrieben, dass ich vermute, das Wort „Situation“ sei ein Synonym. Ich vermute das deshalb, weil das Wort so überaus einsam und beziehungslos da steht. Zuvor war keine Situation genannt worden; welche also ist gemeint? Ist das Leck größer geworden? Tritt mehr Gas aus? Ist die Plattform in Seenot geraten? Stürzt die Total-Aktie ab (an dem Tag: Kursverlust von 41 auf 38,6 Euro)? Organisiert Verdi noch mehr Warnstreiks an den Flughäfen? Oder welche Situation hat sich verschärft?

Hätte der Verfasser die Nachricht gesprochen, hätte er vielleicht gesagt: „die Situation rund um die Gasplattform“. Aber schriftlich kann man doch kein Wort zweimal schreiben und „Gasplattform“ war in dem Satz schon verbraten. Er hat einfach das Wort „Situation“ geschrieben und darauf vertraut, dass die Leser das für ein Synonym für „Situation rund um die Gasplattform“ halten und schon wissen, was er meint. Zur Erinnerung: Als Alternative zu der Nachnachricht habe ich vorgeschlagen: „Rund um die lecke Total-Gasplattform in der Nordsee herrscht Explosionsgefahr.

Nachnachrichten und Synonymitis gehen eine Symbiose ein.

Nachnachrichten und Synonymitis gehen eine Symbiose ein.

Anmerkungen
Meine Vermutung, „Situation“ sei ein Synonym für „Situation rund um die Gasplattform“, kann ich mit dem Verweis auf zahlreiche Nachnachrichten stützen. Drei Beispiele sollen hier genügen (weitere finden Sie in Ihrer heutigen Zeitung, deren Online-Ausgaben und allen sonstigen Online-Nachrichten):

1. Nach dem schweren Flugzeugunglück gestern am Kölner Flughafen suchen Spezialisten nach der Ursache für die Bruchlandung der Boeing 747.
und
2. Nach den tödlichen Attentaten in der Moskauer U-Bahn schießen in Russland die Spekulationen nach den Urhebern des Terrors ins Kraut. Das Vertrauen des Volkes in die Führung ist schwach.
und
3. Nach dem Manipulationsskandal beim ADAC wechselt der Autoclub weiteres Führungspersonal aus. Nun will sich der Verband einvernehmlich von Karl Obermair trennen, der derzeit der Geschäftsführung vorsteht.

In allen drei Nachnachrichten sind die Objekte synonymisiert. Das erste bringt zuerst das zusammenfassende und (deshalb) ungenaue Synonym („schweres Flugzeugunglück“). Erst hinten im Satz folgt die präzise Bezeichnung des Objekts („Bruchlandung der Boeing 747“). Diese Reihenfolge ist falsch. Bringen Sie die bildhaften und präzisen Informationen gleich am Anfang, nicht zuerst das Synonym.

Im zweiten Beispiel ist es andersherum: Es beginnt mit der präzisen Bezeichnung („tödliche Attentaten in der U-Bahn“) und benutzt hinten das (wertend) zusammenfassende Synonym („Terror“).
Anmerkung am Rande: „Spekulation nach . . ?“ Oje.

Im dritten Beispiel, erster Satz, steht nach dem „Nach“ die präzise Bezeichnung („ADAC“), dann das Synonym („Autoclub“). Acht Wörter später, im zweiten Satz, folgt das zweite Synonym („Verband“). Drei Wörter für das gleiche Ding auf vier Druckzeilen, das würde das Herz jedes Lehrers einer 3. Schulklasse erfreuen!

In allen drei Beispielen kommt das Objekt im ersten Satz zweimal vor, und das muss es auch, weil die Sätze mit „Nach“ beginnen. Das „Nach“ bezieht sich auf das, was passiert ist, und der Satz fährt mit einem Subjekt fort, das sich ebenfalls auf das Passierte bezieht. Im Sprachschatz der Nachnachrichtenschreiber gibt es keine persönlichen Fürwörter („er“, „sie“, „es“ und deren Deklinationen). Deshalb wird das — in diesem Fall — Passierte wiederholt. Und weil man nicht zweimal dasselbe Wort benutzt, wird ein Synonym gesucht. Diese Krankheit ist, wie erwähnt, als Synonymitis bekannt.

Exkurs
Zum Kapitel „Synonymitis“ kommen wir in diesem Blog noch. Hier nur ein kurzer Hinweis darauf, wie Journalisten der Nachrichtenagenturen (und natürlich auch die anderen Journalisten, die den Agenturstil ähnlich wie die Marotten des Spiegel-Stils aufsaugen) eine Nachricht schreiben: Stellen Sie sich vor, Angela Merkel empfinge den britischen Premierminister. Dann wäre Angela Merkel im ersten Satz „Bundeskanzlerin Angela Merkel“, im zweiten Satz „die Bundeskanzlerin“, im dritten Satz „Merkel“, im vierten Satz „die Kanzlerin“, im fünften Satz „die CDU-Vorsitzende“ und im sechsten Satz „die Gastgeberin“. Nie aber wäre sie „sie“.
Falls Sie das für eine Karikatur der Nachrichtensprache halten: Stimmt. Aber lesen Sie mal die Nachrichten in Ihrer Zeitung . . !

Zum ersten Beispiel.

Nach dem schweren Flugzeugunglück gestern am Kölner Flughafen suchen Spezialisten nach der Ursache für die Bruchlandung der Boeing 747.

Es ist wie so manche Nachnachricht gar keine Nachricht, sondern nur Bläh — bedeutungsschwangere Wörter „schwer“, „Flugzeugunglück“, „Spezialisten“ täuschen Inhalt vor. Dabei ist eigentlich nichts Berichtenswertes passiert. „Nach“ dem Unglück (vorher geht’s ja sowieso nicht) suchen Spezialisten nach dessen Ursache. Klar, das tun sie immer, das ist keine Nachricht. Der Satz ist also eine Nichtnachricht mit Auf-den-Arm-nehmen-Tendenz.

Wie auch immer: Wenn schon eine Nichtnachricht, dann eine, die die Frage „Was ist los?“ ordentlich beantwortet. Zum Beispiel so: „Spezialisten suchen nach der Ursache der Bruchlandung, die eine Boeing 747 gestern am Kölner Flughafen hingelegt hat.“ Das kommt der Antwort, die Sie mündlich geben würden, deutlich näher.

Zum zweiten Beispiel:

Nach den tödlichen Attentaten in der Moskauer U-Bahn schießen in Russland die Spekulationen nach den Urhebern des Terrors ins Kraut. Das Vertrauen des Volkes in die Führung ist schwach.

Wer tut da eigentlich was? Wenn der Text wenigstens mitteilen würde, wer spekuliert! Tut er aber nicht, sondern er flüchtet für das Prädikat in die Sprechblase „Ins Kraut schießen“. Die macht aus den Spekulationen das Subjekt des Satzes, es sind also die Spekulationen, die etwas tun. Das ist sowas von sinnlos!

Ohne Kenntnis davon, wer spekuliert, kann ich den Satz nur spekulativ halbwegs so formulieren, wie man ihn sprechen würde: „Die Moskauer spekulieren darüber, wer die Urheber des Attentats in der U-Bahn sind.“ Oder: „Die Moskauer spekulieren darüber, wer das Attentat in der U-Bahn verübt hat.“ Oder: „In Moskau wird darüber spekuliert, wer …“ (Möglicherweise wäre auch richtig: „Journalisten spekulieren darüber, wer …“).

Besser als dieser Spekulatius wäre Inhalt. Der weitere Text des Artikels enthält immerhin Aussagen über den Inhalt der Spekulationen, so dass man folgenden zweiten Satz schreiben könnte: „Der Geheimdienst schiebt die Schuld auf Attentäter aus Dagestan; andere verdächtigen den Geheimdienst selbst.“ Der real existierende zweite Satz („Das Vertrauen des Volkes in die Führung ist schwach.“) wirkt auf mich an der Stelle eher befremdlich und kryptisch. Was will uns der Verfasser damit sagen?

Zum dritten Beispiel:

Nach dem Manipulationsskandal beim ADAC wechselt der Autoclub weiteres Führungspersonal aus. Nun will sich der Verband einvernehmlich von Karl Obermair trennen, der derzeit der Geschäftsführung vorsteht.

Erster Makel des ersten Satzes: Weil das Wort „ADAC“ in der Einleitung mit dem „Nach“ verbraten worden ist, kann es nicht mehr als Subjekt gebraucht werden, also muss dafür ein Synonym her, in diesem Fall „Autoclub“. Zweiter Makel: Er enthält die ungenaue Bezeichnung „Führungspersonal“, die ich beim ersten Lesen als inhaltlichen Plural verstanden habe. Im zweiten Satz wird scheinbar präzisiert, wer das „Führungspersonal“ ist: Karl Obermair, der Vorsitzende der Geschäftsführung. Dritte und weitere Makel sollen hier nicht erörtert werden, aber der Sinn der Wörter „einvernehmlich“ (wer?) und „derzeit“ (hä?) ist fragwürdig.

Um die Nachnachrichtenkonstruktion mit ADAC in der Einleitung, ADAC als Subjekt des ersten Satzes und ADAC als Subjekt des zweiten Satzes hinzukriegen, ohne den ADAC dreimal zu erwähnen, und in Unkenntnis des persönlichen Fürwortes „er“ benutzt der Verfasser drei Wörter: „ADAC“, „Autoclub“ und „Verband“. Ach, hätte er doch einfach die Frage: „Was gibt’s Neues in Sachen ADAC?“ beantwortet und geschrieben: „Der ADAC will sich vom Vorsitzenden der Geschäftsführung, Karl Obermair, trennen.“ In den zweiten Satz hätte er die Info packen können, die irgendwo hinten in der Meldung steht (und deretwegen ich oben das Wort „scheinbar“ eingefügt habe: „Von einem anderen Mitglied der Geschäftsführung, Stephan Weßling, hat er sich schon getrennt.

Das ist einfach, verständlich und vollständig. Einmal der „ADAC“ als Subjekt, einmal „er“. Aber — oh, oh — zweimal mit den Wörtern „Geschäftsführung“ und „trennen“.

Darf das? — Das darf! Wir machen uns doch nicht die Nachricht sprachlich kaputt, bloß um der Anforderung an die Wortschatzentwicklung von Drittklässlern zu genügen!

Zusammenfassung
Das Unterkapitel „Synonymitis in der Nachnachricht“ und das Kapitel „Die Nachnachricht“ sind hiermit vorläufig beendet. Wie gezeigt und täglich in vielen Nachrichtentexten zu lesen, enthalten Nachnachrichten entweder das Objekt oder das Subjekt im ersten Satz gleich zweimal — einmal (hoffentlich) präzise und einmal als Synonym. Das ist formal umständlich, nimmt Platz weg, auf dem Information stehen könnte, und ist weit entfernt von der gesprochenen Sprache. Deshalb noch einmal mein Plädoyer: Keine Nachricht mit „Nach“ beginnen, wenn Sie auf die Frage, was los war, mündlich nicht mit „Nach …“ antworten würden!* Schreiben Sie, als sprächen Sie!

© Egbert Manns

* Wider die absichtsvollen Missversteher
Natürlich kann man Nachrichten mit „Nach“ beginnen, wenn es sinnvoll ist. Zum Beispiel „Nach Mario Götzes Fortgang ist Borussia Dortmunds Offensivspiel schwächer geworden.”  Das „Nach“ ist zeitlich gemeint und Teil der Aussage, deshalb steht es da wunderbar. Aber wetten, dass der Nachnachrichtenredakteur mit eingeimpfter Synonymits daraus „Nach Mario Götzes Fortgang von Borussia Dortmund ist das Offensivspiel des Ruhrgebietvereins schwächer geworden“ macht . . ?

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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