Die Nachnachricht (4): Weg damit! – Zeitungssprache 018

Die Nachrichtenagenturen pflegen die Masche, Nachrichten mit dem Wort „Nach“ zu beginnen. Wenn Sie Ihren Text so beginnen, schieben Sie das Ereignis, auf das sich die Nachricht bezieht, vor die eigentliche Nachricht. Was für ein Unfug! Stellen Sie sich vor, Sie fragten einen Freund: „Was war los?“, und er antwortete Folgendes:

Vier Nachnachrichten, Beispiele für die Blogbeiträge 015 bis 018.

Vier Nachnachrichten, Beispiele für die Blogbeiträge 015 bis 018.

Nach dem Leck an einer Gasplattform des französischen Total-Konzerns in der Nordsee vor Aberdeen hat sich die Situation verschärft.

Ich bin sicher, Sie würden Ihren Freund mit großen Augen anschauen und fragen, ob er etwas geraucht hat. Falsch! Ihr Freund hat bloß Fernseh-, Radio- und Zeitungsnachrichten konsumiert. Da werden solche Sätze nämlich gesprochen und geschrieben.

Anmerkungen
Wir sehen in dem Beispiel den gleichen sprachlichen Bock wie im Beispiel des Blogbeitrags 016: „Nach dem Leck“ funktioniert sprachlich nicht, weil das Leck hier zur Zeitangabe nicht taugt. Es besteht nämlich in dem Moment, da die Nachricht verbreitet wird, immer noch.

Nur abgeschlossene Geschehnisse können zur Zeitangabe genutzt werden, zum Beispiel: „Nach dem Mord an XY hat niemand die Polizei gerufen“, „Nach der Wahl hat die Partei XY ihre Geschäftsstelle zugemacht“. Zeitangaben sind auch möglich, wenn das Prädikat des Satzes (einschließlich der Präposition) mehrere Subjekte oder Subjekte trägt: „Nach der Bahn hat die Lufthansa gegen die Regierungspläne protestiert“ und „Nach der Bahnfahrt benutzte XY seinen Wagen.

Nebenbei angemerkt: Ich will nicht hoffen, dass der Verfasser der besprochenen Nachnachricht meinte, dass sich zuerst das Leck und dann die Situation verschärft hätten. Grammatisch würde dieser Zusammenhang funktionieren.

Die Nachnachricht enthält folgenden Hauptsatz: „Nach dem Leck hat sich die Situation verschärft.“ Was sagt uns das? Was ist „die Situation verschärft?“ Jedenfalls nichts, was sofort ein Bild ergibt. Das Wort „Situation“ gehört zur Wörterklasse, in der „Maßnahme“ und „Bereich“ stecken. Diese Klasse enthält Variablen, die die Leser selbst mit Vorwissen füllen können müssen, andernfalls liefern sie keine Nachricht.

Im vorliegenden Beispiel ist „Situation“ mit Sicherheit ein Synonym. Der Autor hat in den ersten Wörtern des Satzes nämlich „Leck“ und „Gas“ geschrieben und — Achtung, Ironie! — dann kann er im gleichen Satz doch nicht noch einmal „Gas“ schreiben. Das müsste er aber, wollte er schreiben, was los ist: Rund um die Plattform droht eine Gasexplosion!

Wenn Sie fragen, was an der Plattform los sei, sollten Sie die Antwort erwarten: „Rund um die lecke Total-Gasplattform in der Nordsee herrscht Explosionsgefahr.“ Erstens spräche man so ähnlich und zweitens kann man sich die „Situation“ so halbwegs bildlich vorstellen und drittens ist das das, was los war. „Da ist Explosionsgefahr“ ist einfach informativer als „Situation verschärft“. Wer Gas kennt, hat beim Lesen möglicherweise auch den Geruch in der Nase.

Zusammenfassung
Die Nachnachricht ist, wie wir in den vergangenen vier Blogbeiträgen gesehen haben, immer falsch aufgebaut, häufig auch fehlerhaft und umständlich formuliert. Sie ist immer falsch aufgebaut, weil sie irgendetwas Altes, Bekanntes oder Selbstverständliches nach vorne stellt, anstatt gleich die Antwort auf die Frage „Was ist los?“ zu stellen, anstatt “für die Ohren” zu schreiben, wie Wolf Schneider sagt. Sie ist häufig fehlerhaft, weil das einleitende „Nach“ zwar zeitlich gemeint ist, sich oft genug jedoch auf ein Dativobjekt bezieht, das gar keine zeitliche Funktion hat. Und sie ist häufig umständlich formuliert, weil die Nachnachrichten das Subjekt oder das Objekt immer wieder zweimal enthalten (müssen) und in bester Grundschulaufsatzmanier synonymisieren. Dazu mehr im nächsten Blogbeitrag.

© Egbert Manns

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Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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