Der Vorspann mit der Nachnachricht (3): Weg damit! – Zeitungssprache 017

Nachrichtenagenturen pflegen die Masche, Nachrichten mit dem Wort „Nach“ zu beginnen. Wenn Sie Ihren Text so beginnen, schieben Sie das Ereignis, auf das sich die Nachricht bezieht, vor die eigentliche Nachricht. Ich bezeichne das als „Nachnachrichten“. Stellen Sie sich vor, Sie fragten jemanden „Was war los?“ und bekämen mündlich die folgende Antwort:

Vier Nachnachrichten, Beispiele für die Blogbeiträge 015 bis 018.

Vier Nachnachrichten, Beispiele für die Blogbeiträge 015 bis 018.

Nach dem schweren Zugunglück in Spanien mit 79 Toten hat der Lokführer vor einem Ermittlungsrichter eingeräumt, unvorsichtig gehandelt zu haben. Dennoch wurde Francisco José Garzón nach rund zweistündiger Vernehmung unter Auflagen aus der Untersuchungshaft entlassen.

Anmerkungen zum dritten Beispiel
So richtig ernst nehmen die Nachnachrichtenschreiber ihre Leser nicht. Der erste Satz teilt uns gleich mit dem ersten Wort mit, dass jemand seine Unvorsichtigkeit eingestanden hat, nachdem das Unglück passiert ist. Ja, hätte er die Unvorsichtigkeit vorher eingestehen können? Eben!

Die Nachricht bezieht sich auf einen Sachverhalt, der an den Tagen vorher groß und breit in den Medien dargestellt worden ist, ein Zugunglück in Spanien mit 79 Toten. Genau damit fängt die Nachnachricht an; die ersten neun der 22 Wörter des ersten Satzes schreiben über etwas, was wir schon kennen. Der Journalistenausbilder Wolf Schneider schreibt in „Deutsch!“, die Nachricht erschließe sich in durchschnittlich sechs Wörtern (= 3 Sekunden = 12 Silben): „Was im Satz zusammengehört …, das muss sich (dem Leser) binnen drei Sekunden erschlossen haben.“ Er meint mit den sechs Wörtern nicht die Wörter zehn bis fünfzehn!

Was würden Sie im Gespräch auf die Frage, was los sei, antworten? Sicherlich das Neue. Zum Beispiel: „Der Lokführer des spanischen Unglückszugs war unvorsichtig. Das hat er einem Ermittlungsrichter gesagt.“ Das wäre die einfachste Variante. Sie enthält leider zwei Makel. Erstens, dass wir das, was die Nachrichtenagentur über den Lokführer sagt, ungeprüft weitergeben (mehr dazu im Blogbeitrag 020). Zweitens, dass die Nachricht nichts besagt. Man kann sich davon kein Bild machen.

Hat der Mann Anrufe ignoriert, im Portemonnaie gekramt, privat telefoniert, ein Nickerchen gemacht oder was? Was heißt „unvorsichtig“? Leider gibt der weitere, verhältnismäßig lange Text keinen Hinweis auf die Art der Unvorsichtigkeit. Wir sollten also vorsichtig formulieren: „Der Lokführer des spanischen Unglückszugs war möglicherweise unvorsichtig. Das hat er einem Ermittlungsrichter zufolge gesagt.“

Fazit:
Die Nachnachricht ist sehr unbefriedigend geschrieben. Wir können sie ganz einfach und vorsichtig und mit der Neuigkeit vorne formulieren. Anstatt jedoch meinen Lesern im ersten Satz eine Nichtnachricht zu servieren, hätte ich einen anderen Aspekte des Textes nach vorne gezogen; der Text war ergiebig genug, die Aussage des Lokführers hätte es als Randaspekt getan.

© Egbert Manns

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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