Der Vorspann mit der Nachnachricht (2): Weg damit! – Zeitungssprache 016

Nachrichtenagenturen pflegen die Masche, Nachrichten mit dem Wort „Nach“ zu beginnen. Wenn Sie Ihren Text so beginnen, schieben Sie das Ereignis, auf das sich die Nachricht bezieht, vor die eigentliche Nachricht. Ich bezeichne das als „Nachnachricht“. Stellen Sie sich vor, Sie fragten jemanden „Was war los?“, und bekämen mündlich die folgende Antwort:

Vier Nachnachrichten, Beispiele für die Blogbeiträge 015 bis 018.

Vier Nachnachrichten, Beispiele für die Blogbeiträge 015 bis 018.

Nach einem Pipeline-Leck im Golf von Thailand hat ein Ölteppich die Ferieninsel Ko Samet erreicht. Die Behörden schlossen die Prao-Bucht an der Westküste, wie der Direktor der Tourismusbehörde, Chuchart Oncharoen, am Montag berichtete.

Anmerkungen zum zweiten Beispiel
Dieser Vorspann, einer real existierenden Agenturmeldung entnommen, enthält mehrere Ungenauigkeiten sprachlicher und journalistischer Art. Die sprachliche liegt gleich in den ersten vier Wörtern und ich befürchte, die meisten von uns haben sie nicht bemerkt — die Nachnachricht schießt solch einen Bock allerdings häufiger und auch deshalb will ich Sie dahingehend sensibilisieren, jeden Nachrichtenbeginn mit „Nach“ wenigstens zu prüfen, falls es mir wider Erwarten und Absicht nicht gelingt, Sie davon zu überzeugen, dass die Nachnachrichten Unfug sind und redigiert gehören.

Okay, genug der Vorrede, jetzt haben Sie den Bock sicherlich bemerkt: Ein Pipeline-Leck ist keine Zeitangabe. Die Behauptung „Nach einem Pipeline-Leck“ funktioniert mit dem Prädikat „erreichen“ und dem Subjekt „Ölteppich“ nicht, das ist ein sprachlicher Fehler. Es sei denn, man wolle sagen, dass zuerst das Pipeline-Leck die Insel erreicht habe und anschließend der Ölteppich. Vermutlich nicht. (Mehr dazu im Blogbeitrag 018).

Die zutreffende Antwort auf die Frage „Was ist los?“ gibt der Anfang des „Nach einem Pipeline-Leck …“-Vorspanns nicht. Auf diese Frage würden Sie vielleicht antworten: „Ein Ölteppich treibt vor der thailändischen Ferieninsel Ko Samet.“  oder: „Vor der thailändischen Ferieninsel Ko Samet treibt ein Ölteppich.“ Und Sie hätten völlig Recht damit. Sie könnten auch antworten: „Öl aus einem Pipeline-Leck treibt vor der thailändischen Ferieninsel Ko Samet.“ Mir scheint, dass das sinnvolle Nachrichten sein könnten, auch wenn „vor“ als Ortsangabe vage ist.

Man kann auch die gesperrte Bucht nach vorne nehmen: „Die Prao-Bucht der thailändischen Ferieninsel Ko Samet ist gesperrt worden, weil Öl aus einem Pipelineleck an den Strand treibt.“ Die Westküste (gemeint ist die der Insel) würde ich weglassen, um den Satz nicht zu lang zu machen. Wer die Insel kennt, weiß, wo die Küste liegt. Wer sie nicht kennt, dem sagt das auch nicht viel Wichtiges.

Nur wenn von dem Pipeline-Leck schon berichtet worden ist, kann man der Frage „Was ist los?“ etwas Vorverständnis unterstellen und antworten: „Das Öl aus dem Pipeline-Leck im Golf von Thailand hat die Ferieninsel Ko Samet erreicht.“  Wie immer also: Hardcore-Antworten geben, nicht herumlabern. Schreiben Sie, als sprächen Sie!

© Egbert Manns

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Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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