Die Nachnachricht: Weg damit! – Zeitungssprache 015

Vier Nachnachrichten, Beispiele für die Blogbeiträge 015 bis 018.

Vier Nachnachrichten, Beispiele für die Blogbeiträge 015 bis 018.

Beispiele:
1. Nach einer Panne beim Mathe-Abitur vor drei Jahren muss das hessische Kultusministerium nicht den Namen des Verantwortlichen veröffentlichen.
2. Nach einem Pipeline-Leck im Golf von Thailand hat ein Ölteppich die Ferieninsel Ko Samet erreicht. Die Behörden schlossen die Prao-Bucht an der Westküste, wie der Direktor der Tourismusbehörde, Chuchart Oncharoen, am Montag berichtete.
3. Nach dem schweren Zugunglück in Spanien mit 79 Toten hat der Lokführer vor einem Ermittlungsrichter eingeräumt, unvorsichtig gehandelt zu haben. Dennoch wurde Francisco José Garzón nach rund zweistündiger Vernehmung unter Auflagen aus der Untersuchungshaft entlassen.
4. Nach dem Leck an einer Gasplattform des französischen Total-Konzerns in der Nordsee vor Aberdeen hat sich die Situation verschärft. 

Weil ich an jedem Beispiel das Problem erläutere (und auch ein bisschen Platz für polemische Anmerkungen zur Qualität des Redigierens benötige), teile ich den Blogbeitrag in vier einzelne auf. Wir schauen uns die vier – real verbreiteten – Vorspänne genau an. Wir tun, was unsere Aufgabe ist, wir redigieren sie. Anschließend werden Sie wissen, weshalb ich die Nachnachrichten für groben Unfug halte. Nachrichten sollen dem Leser ja möglichst ein Bild vor Augen führen; das einzige Bild aber, das mir beim Lesen solcher Nachrichtenanfänge hoch kommt, ist das eines Verfassers, der mit zusammengebissenen Zähnen und zusammengekniffenen Backen vor seinem Text sitzt.

Anmerkungen zum ersten Beispiel:
Nach einer Panne …“: Zweifelsfrei kann das Ministerium den Namen eines Verantwortlichen nicht vor seiner Tat, sondern erst nachher veröffentlichen. Insofern ist das „nach“ nicht falsch, es gibt die zeitliche Abfolge wieder. Aber ist es richtig? Ist es sinnvoll? Würde irgendjemand so sprechen? Ist „Nach einer Panne …“ die Antwort auf die Frage, was los war? Würden sich Leser nicht veralbert fühlen, wenn wir schrieben „Nach seinem Tod ist N.N. beerdigt worden“ oder „Nach seiner Geburt ist N.N. getauft worden“ oder „Nach seiner Wahl ist N.N. der neue Bürgermeister von Enstadt“? Das sind Nachnachrichten der gleichen Art wie die mit dem Mathe-Abitur. Sie sind sinnlos. Und häufig auch richtig falsch formuliert; mehr dazu in einem der folgenden Blog-Beiträge.

Wir brauchen die Nachnachricht nicht nur nicht, sie belastet auch den weiteren Satzbau. Der Satz kann nach den ersten fünf Wörtern kaum anders weitergehen als er oben formuliert ist. Man könnte ihn jedoch schön einfach formulieren, wenn man die „Panne beim Mathe-Abitur“ nicht hinter dem „Nach“  verbraten hätte.

Die Aufgabe der Redaktion ist es, aus dieser Vorgabe der Agentur einen einfachen, deutschen Satz zu formulieren. Der soll die Frage „Was ist los?“ ohne Zähnebiss und Backenkniff beantworten. Dummerweise fällt das vielen Redakteuren schwer. „Sag es mit anderen Worten!“, heißt es in der Schule, davon haben zu viele Redakteure nur behalten, dass sie die Feuerwehrleute bei der zweiten Nennung als „Wehrleute“, ab der dritten als „Floriansjünger“, „Blauröcke“ und ähnliches versynonymisieren. Für einen Text wie den des ersten Beispiels, der jetzt gewichtig und irgendwie ja doch verständlich vor dem Redakteur liegt, reicht das „Sag-es-mit-anderen-Worten“-Vermögen nicht mehr. Ich wette, der Satz ist so, wie er gekommen ist, in den Druck gegangen. Online sowieso, sowieso, sowieso.

Wer einen solchen Satz eindeutschen will, muss diszipliniert vorgehen. Erstens  „Nein“ sagen, wenn eine Nachricht mit „Nach“ anfängt. Zweitens sich zunächst an die einfachste Form des Satzes erinnern: Subjekt, Prädikat, Objekt (SPO). „Wer tut was?“ lautet die W-Frage, dem entspricht die Antwort „Subjekt tut Objekt“ (vereinfacht).

Das Subjekt unseres Beispiels ist das Kultusministerium, das ist einfach. Das Prädikat ist „nicht veröffentlichen müssen“. Das Objekt ist „den Namen des Verantwortlichen“. Wir denken die Nachricht mit den vorgegebenen Begriffen also so: „Das Kultusministerium muss den Namen des Verantwortlichen nicht veröffentlichen.“ Dummerweise ergibt das nicht viel Sinn, weil das, wofür der Verantwortliche verantwortlich war, erst noch genannt werden muss, am einfachsten mit dem Relativsatz hinter „Verantwortlichen“: „… der für die Panne beim Mathe-Abitur vor drei Jahren verantwortlich war.

Und schon sind wir in der Bedrouille, denn dass der Verantwortliche verantwortlich war, wollen wir den Lesern besser nicht vorsetzen.

Wir stoßen damit auf ein häufiger auftretendes Phänomen: Jemand, der gar nicht vorkommt, dessen Name nicht genannt wird, wird bezeichnet, hier als „Verantwortlicher“. Der Verfasser hat ihm also eine Rolle gegeben, ihn zum Objekt erhoben, obwohl nur seine Tat, nämlich eine Panne ausgelöst zu haben, bekannt ist.

Diesem Problem begegnen wir, indem wir dem Menschen die Rolle wegnehmen. Dann ist er nur noch jemand, ist er „derjenige, der …“, und wir können den Satz einfacher formulieren: „Das Kultusministerium muss den Namen desjenigen nicht veröffentlichen, der für die Panne beim Mathe-Abitur vor drei Jahren verantwortlich war.

Das ist immer noch umständlich. Weil wir nämlich einem „desjenigen“, also jemandem, dem wir gar keine Rolle mehr zuschreiben, wortwörtlich einen Namen, „den Namen desjenigen“, zusprechen. Dummerweise einen, den wir nicht nennen können. Wenn wir konsequenterweise auch noch „derjenige“ und „Name“ weglassen, bleiben nur noch Subjekt und Prädikat übrig: „Das Kultusministerium darf nicht veröffentlichen, …“ Und damit könnten wir knapp vorm Ziel sein. Wir ersetzen „veröffentlichen“ durch „bekanntgeben“, weil das der übliche Begriff für solche Sachverhalte ist, und schreiben: „Das Kultusministerium darf nicht bekanntgeben, wer für die Panne beim Mathe-Abitur vor drei Jahren verantwortlich war.“

Wir sehen, mit SPO kommen wir von der Nachnachricht weg. Zu fragen ist noch, ob wir die zweite Variante des SPO anwenden sollten, nämlich seine Passivform. Die Aktivform gibt die Antwort auf die Frage „Wer hat was gemacht?“, die Passivform auf die Frage „Wem ist was angetan worden?“

Das Aktiv ist unter Journalisten beliebter, weil angeblich verständlicher, jedoch hat das Passiv  seine Berechtigung jedenfalls dann, wenn es deutlicher ist. Oder wenn die Frage „Was war los?“ schon mit Vorverständnis gestellt wird. Das könnte auf diesen Fall zutreffen – wenn nämlich das Gerichtsurteil dazu, ob das Ministerium den Namen nennen muss, erwartet worden war. Mit der Passivform könnte man unmittelbar die Nachricht bringen: „Der Verantwortliche für die Panne beim Mathe-Abitur vor drei Jahren wird nicht genannt!

In dem Satz steckt noch ein inhaltliches Problem. Ich würde niemanden als „Verantwortlichen“ bezeichnen, der keine Verantwortung übernimmt. Wie es in diesem Fall der Fall ist, weil er oder sie ja nicht einmal mit Namen bekannt ist. Ich schlage  den Begriff „Urheber“ vor. Der Satz lautet dann: „Der Urheber für die Panne beim Mathe-Abitur vor drei Jahren wird nicht genannt!

Wenn ich es richtig einschätze, würden wir Leuten, die uns fragen, was los sei, mündlich eine Antwort dieser Art so geben. Wir würden nicht sagen: „Nicht genannt wird …“, weil man so nicht spricht. Wir sollten nicht sagen: „Der Urheber … bleibt unbekannt“; er ist nämlich nicht unbekannt, sondern bloß (uns) in seiner Funktion als Urheber unbekannt. Wir würden nicht sagen: „Die Panne beim Mathe-Abitur vor drei Jahren bleibt ungeahndet“; um das Ahnden ging es nämlich nicht, sondern nur um die öffentliche Bekanntgabe des Namens. Sondern: „Der Urheber für die Panne beim Mathe-Abitur vor drei Jahren wird nicht genannt!

Alles klar?

© Egbert Manns

Nachtrag am 25. März 2015
Nur zur Illustration des Themas die ersten Sätze einiger Nachrichten zum Flugzeugabsturz, die am 24. März von den Agenturen geschrieben worden sind.

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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