Der Vorspann mit bekannten Sachverhalten (1) – Zeitungssprache 013

Häufig beginnen Nachrichten so, dass man bemerkt: Der Autor vermutet, die Leser seien mit der eigentlichen Nachricht überfordert. Er (oder sie) schiebt ein wenig Stoff voraus, meistens das, was Redaktionen als „Hintergrund“ bezeichnen: bekannte Sachverhalte, aus deren Kenntnis heraus die Nachricht Sinn ergibt, man sie einordnen kann.

Bsp. 1-3, Essen, Tomaten, Freihandel

Hintergrund (oder das, was der Redakteur dafür hält) vor die Nachricht geschoben.

Beispiele für solche Einstiege:
1. Das Bewerten von Speisen und Gerichten im Internet ist populär.
2. Viele Tomaten hat Simone Bachmann aus Otterwisch schon in den Händen gehalten.
3. Die US-Haushaltskrise zieht immer weitere Kreise und erreicht die internationale Politik.

4. Sechs Monate nach der verheerenden Tsunami-Katastrophe hat der über Japan wütende Taifun „Talas“ weitere Verwüstungen in dem Land angerichtet.


Beispiel 2 stammt aus einer Lokalredaktion, Beispiel 1, 3 und 4 von der Nachrichtenagentur dpa.

Anmerkungen: Keiner dieser Sätze beantwortet die Frage: „Was ist los?“ Sie wird erst ein, zwei Sätze später beantwortet.

Hinter den meisten solcher Einstiege steht keine Überlegung. Sie entstammen der Überlieferung. Es gibt genügend Lokalredaktionen, in denen so geschrieben wird, und diese Schreibe wird den Volontären vererbt. Dagegen lässt sich auch mit noch so ausgeklügelten Kursen an Journalistenschulen nicht oder kaum ankommen, denn die Verbindung von Hierarchie, Verweildauer und Schreibtradition ist stärker als der Input, den geschulte Volontäre leisten können.

Falls doch eine Überlegung dahinter steht, lautet sie: Wir versetzen den Leser erst einmal in den Kontext, in dem er die Nachricht überhaupt begreifen kann. Das ist gut gemeint. Aber ist die Überlegung sinnvoll?

Erstens gibt es nicht so viele Neuigkeiten, deren Bedeutung sich den Lesern sich nicht selbst sofort erschlösse. Zweitens ist die Zeit zwischen Hintergrund und Nachricht, also Satz 1 und Satz 2 oder 3, praktisch Null; jedenfalls so kurz, dass sich keine Rechtfertigung für die Reihenfolge Hintergrund–>Nachricht ergibt. Drittens braucht diese Reihenfolge gegenüber der Reihenfolge Nachricht–>Hintergrund mehr Text. Das werden wir im Blogbeitrag 16 sehen, in dem die „Nach“-Nachrichten der Nachrichtenagenturen analysiert werden.

Bsp. 4, Tsunami

Verweis auf Tsunami, damit der Leser die Nachricht “Taifun tötet 26 Menschen”, einordnen kann?

Ein paar Vorschläge, wie man die genannten Texte nachrichtlich beginnen könnte. Auf die Frage: „Was war los?“, könnte man schreiben:
1. Gastwirte dürfen Gästen verbieten, das Essen im Restaurant zu fotografieren.
2. Simone Bachmann (49) aus Otterwisch hat zwei Tomaten geerntet, die zusammen 2 Kilogramm schwer sind. – Ich will nicht lästern, aber erst wenn man die Nachricht so nachrichtlich anfängt, bemerkt man ihren Informationswert.
3. Die US-Regierung hat das nächste Gespräch mit der EU über die geplante Freihandelszone abgesagt.
4. Der Taifun „Talas“ hat in Japan mindestens 26 Menschen das Leben gekostet.

Wenn Sie die Nachrichten so formulieren, wissen die Leser nach dem ersten Satz, was Sache ist. Die Nachrichten sind alle aus sich heraus verständlich, sie brauchen nicht mit Hintergrund eingeleitet werden. Ein Spezialfall der Kategorie „grober Unfug“ ist der Einstieg, der mit dem Hinweis auf die japanische Tsunami-Katastrophe in die Meldung über den Taifun „Talas“ einsteigt. Er wird uns im Blogbeitrag 15 beschäftigen.

Fazit: Einstiege in Nachrichten, die Hintergrundstoff vorausschieben, weisen meistens auf ein Qualitätsproblem hin: Die Verfasser sind mit dem Nachrichtenschreiben überfordert. Es geht fast immer, eine gescheite, verständliche Antwort auf die Fragen „Was ist los? oder „Was war los?“ zu formulieren. Das setzt natürlich voraus, dass Redakteure sich diese Frage stellen wollen und sie beantworten wollen. Das ist letztlich eine Frage der Berufsauffassung und der Ausbildung.

© Egbert Manns

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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