Der Vorspann mit bekannten Leuten (1) – Zeitungssprache 012

Wir können Nachrichten nach ihrem Neuigkeitsgrad unterscheiden. Dazu bieten sich drei Kategorien an. Je nachdem, in welche Kategorie eine Nachricht gehört, finden wir in den Medien unterschiedliche Textanfänge.

Vier Kategorien: Nachrichten, die
a) etwas Neues über bekannte Leute enthalten.
b) Neuigkeiten beinhalten, die sich auf bekannte Sachverhalte beziehen.
c) etwas berichten, das den Lesern neu ist.
d) Neuigkeiten zu Ereignissen beinhalten, die aus Meldungen an den Tagen zuvor bekannt sind.

a) Bekannte Leute sind Angela Merkel, Barack Obama, Heiner Geißler, Helmut Kohl, Willy Brandt, Napoleon, Jesus Christus …
b) Bekannte Sachverhalte sind zum Beispiel das vom Erdbeben und Tsunami zerstörte japanische Kernkraftwerk Fukushima, der Flughafen Berlin Brandenburg „Willy Brandt“, der Rosenmontagszug in Köln, die Euro-Rettung und ähnliches. Darüber ist monatelang und immer wieder berichtet worden.
c) Neu ist für den Leser, worüber er zuletzt nichts oder noch nie etwas erfahren hat. Überregional gibt es weniger neue Nachrichten in der Zeitung, weil sie meistens über das schreibt, über das im Fernsehen, im Radio und im Internet schon berichtet worden ist. Es ist der Lokalteil, in dem das meiste steht, was dem Leser neu ist. Noch …
d) Jüngste Ereignisse sind das Leck in der Ölpipeline, über das gestern erstmals berichtet worden ist. Und der Mord, der vor drei Tagen passiert ist, der Anfang der Woche gemeldete Rücktritt des Bürgermeisters, die Reaktion der Opposition auf den Haushaltsentwurf, über die am Wochenende in der Zeitung berichtet worden ist.

In diesem Blogbeitrag geht es um bekannte Leute. Die anderen Kategorien kommen in den nächsten Beiträgen vor.

Anmerkungen: Bekannte Leute müssen nicht in einer Ausführlichkeit benannt werden, die normal informiert Leser nicht brauchen. Ein Vorspann darf den Namen „Angela Merkel“ enthalten, ohne dass sie als „Bundeskanzlerin“ oder „CDU-Vorsitzende“ oder beides bezeichnet wird. Die Nachrichtenagenturen liefern zwar immer deren volles Ornat mit, wenn sie Politiker erwähnen. Aber niemand zwingt die Redaktionen, das zu übernehmen. Ein Satz wie „Angela Merkel kritisiert die Abhörpraxis der USA“ ist einfach und klar; ein Satz hingegen wie „Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisiert die Abhörpraxis der USA“ ist bloß länger.

Merkel

95 Anschläge für die Nachricht: Jürgen Trittin hat Angela Merkel dafür kritisiert, … (52, aus Ad Hoc News, 11.09.2013). Als ob Zeitungsleser in der Hochphase des Wahlkampfs nicht wüssten, wer Trittin und Merkel sind.

In der Welt des Boulevards wird zwischen A-, B- und C-Prominenz unterschieden. Das lässt sich auf die Politik übertragen. Deutsche Spitzenpolitiker sind A-Prominenz, jedenfalls eine gewissen Zeit nachdem sie ins Amt gekommen sind und wenn jede Woche etwas über sie oder von ihnen in der Zeitung steht. Es reicht, sie im Vorspann namentlich zu erwähnen.

Reflexion ist allerdings wichtig. Nach meiner Erfahrung sollten Redakteure sich dazugesellen, wenn Besuchergruppen in die Redaktion kommen, und mit ihnen reden und den Wissensstand ausloten. Ein Beispiel: Um 2000 herum habe ich mit einer Gruppe 14/15-Jähriger gesprochen; keiner von ihnen wusste, wer Ronald Reagan war.

Beispiele: Kann man Heiner Geißler ohne weitere Benennung im Vorspann erwähnen?. Ich würde es derzeit tun. Stellen Sie sich vor, Sie schrieben „der frühere Bundesinnenminister Heiner Geißler (CDU)“ (51 Anschläge) oder „der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler“ (46) oder gar „der frühere Bundesinnenminister und CDU-Generalsekretär Heiner Geißler“ (70). Der Text ist tot bevor er zu leben begonnen hat. Liefern Sie die Info später im Brottext.

Manche Namen sind unter dem Aspekt „Kurz und informativ“ eine Plage. „Sabine Leutheusser-Schnarrenberger“ (34) passt in keine Überschrift und killt jeden Textanfang. Erst recht „die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP)“ (77). Die Boulevard-Bezeichnung „Schnarri“ verbietet sich. Ich würde im Vorspann einfach „Leutheusser-Schnarrenberger“ (27) schreiben. Wem das zu uninformativ ist: Wie wäre es mit „Ex-Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger“ (46)? Die Bezeichnung ist unscharf, weil nicht „Bundes“ davor steht. Aber denkt jemand an Landesminister, wenn er/sie „Justizminister“ liest? (Sorry, Herr/Frau Landesjustizminister.) Und war die Frau nicht lange genug in dem Amt, dass normale Zeitungsleser das wissen könnten?

Ehemalige Staatschefs sind nicht unbedingt Glücksfälle. Reagan als „ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan“ (39 Anschläge) zu bezeichnen muss vermutlich sein und die Länge ist dann unvermeidlich, auch wenn man den Vornamen wegließe. Bezeichnungen benötigen wir auch für Haile Selassi und Idi Amin und Mao Tse-tung und — halt, Mao auch? Ja, befürchte ich. Er war zuletzt wenig im Gespräch, also heißt er „Chinas Revolutionsführer Mao“ (28 Anschläge), später sollte erwähnt werden, von wann bis wann er gelebt hat.

Für aktuelle Staatschefs geht‘s manchmal kurz: „Queen Elizabeth II.“ (19), da braucht‘s keine „britische Königin“ davor, „US-Präsident Barack Obama“ (25) ebenso und ich würde im Vorspann „Barack Obama“ (12) schreiben. Weiß jemand nicht, wer das ist?

Bildschirmfoto 2013-10-01 um 09.11.13

146 Anschläge für die einfache Nachricht: Die von Berlusconi zum Rücktritt gedrängten fünf Minister ärgern sich (69, Zeit-Online und andere). Zu den weiteren Fehlern in dem kurzen Text siehe https://www.facebook.com/egbert.manns vom
1. Oktober 2013

Weiß jemand nicht, wer Khomeini (8) ist? Müssen wir im Vorspann „der ehemalige iranische Revolutionsführer Khomeini“ (50) schreiben? Weiß jemand nicht, wer François Hollande (17) ist? Müssen wir „Frankreichs Staatspräsident François Hollande“ (45) schreiben? Weiß jemand nicht, wer Berlusconi (10) ist? Müssen wir „der frühere italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi“ (60) schreiben? Müssen wir nicht, jedenfalls nicht im Jahr 2013! Vertrauen wir darauf, dass die Zeitungsleser zeitgeschichtlich auf der Höhe sind.

Zusammenfassung: Wir schätzen den Bekanntheitsgrad der Leute ab, über die wir schreiben. Das verlangt zwar, dass wir mit Zeitungslesern immer wieder im Gespräch über Gott und die Welt sind — für Journalisten ist das aber ja eine Selbstverständlichkeit. Wer bekannt ist, muss im Vorspann nicht im vollen Ornat genannt werden, wir brauchen den begrenzten Vorspannplatz für wichtige Informationen. Noch einmal: Vertrauen wir darauf, dass Zeitungsleser zeitgeschichtlich auf der Höhe sind.

Im Vorspann wird die nötige Information für die eigenen Leser geliefert, meistens die aus einer bestimmten Gegend. In Baden-Württemberg wäre die Meldung „Stefan Mappus will Heiner Geißler im ,Stuttgart-21‘-Streit vermitteln lassen“ (76) klar. In Niedersachsen jedoch wäre „Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus will Heiner Geißler im ,Stuttgart-21‘-Streit vermitteln lassen“ (113) angemessen. Besser (weil im ersten Satz kürzer) wäre, in welchem Bundesland auch immer: „Heiner Geißler soll im ,Stuttgart-21‘-Streit vermitteln. (55) Das schlägt …“

Das Ornat der genannten Leute soll nicht wegfallen. Wir bekommen es viel präziser in den Artikel, wenn wir es nicht in den Vorspann quetschen, sondern in der gebotenen Ausführlichkeit im Brottext bringen. Noch einmal am Beispiel Geißler: Im Vorspann würde es in der sinnlosen Abwägung von Kürze und Ausführlichkeit heißen: „Der frühere Bundesinnenminister und CDU-Generalsekretär Heiner Geißler.“ (70) Um seine ehemaligen Ämter wissen viele. Aber von wann bis wann war er was? Wissen Sie es? Eben. Also schreiben Sie nur „Heiner Geißler“ (14) in den Vorspann und erzählen Sie seine Biographie im Brottext, wo sie sie ja sowieso erwähnen müssen oder wollen Sie Ihre Leser über die Jahreszahlen im Unklaren lassen? Schreiben Sie: „Geißler war von 1982 bis 1985 Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit und von 1977 bis 1989 Generalsekretär der CDU“ (125). Mit diesem Satz beherzigen Sie im Übrigen die Regel „Hauptsachen in Hauptsätze“.

Also: Im Vorspann die Nachricht, so kurz wie möglich. Im Brottext die Erzählung dazu, so ausführlich wie nötig.

© Egbert Manns

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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