Die Nachricht ganz nach vorn (1) – Zeitungssprache 008

Wie man einen nachrichtlichen Artikel anfängt, darüber werden in Redaktionen Glaubenskriege geführt. Ich kenne keine Bibeln und Korane, auf die sich jemand berufen könnte. Bloß Traditionen. Aber was heißt schon Tradition? Alle finden es so richtig, wie es ihnen ein Redakteur beigebracht hat, der es so richtig gefunden hat, weil es ihm einst ein Redakteur beigebracht hat, der …

Das Credo der Tradition lautet: So machen wir es eben, und das schon immer.

Nun denn, hier das Hardcore-Nachrichtencredo:

An den Anfang der Nachricht gehören Fakten, so viele wie möglich und natürlich die, die die Nachricht klar machen. Der Anfang einer Nachricht wird nämlich auch von Leuten gelesen, die sich dafür nicht weiter interessieren und nach den ersten ein, zwei Sätzen zum nächsten Artikel springen. Wenn der Anfang der Nachricht Fakten enthält, wissen diese Leute wenigstens, was Sache ist.

Das Credo noch einmal, jetzt ausführlich:

Was Sie in die ersten Sätze eines Artikels schreiben, hat die größte Chance, gelesen zu werden. Kaum jemand liest mehr als die ersten Sätze (wenn überhaupt, aber ich will Sie nicht entmutigen zu schreiben …). Mit den hinteren 95 Zeilen Ihres 100-Zeilers erreichen Sie nur ein paar Spezialisten – die, die auf Ihre Informationen gewartet haben. Falls Sie die Masse der Leser informieren wollen, müssen sie denen die Informationen in den ersten Sätzen geben. Fallen Sie also mit Fakten ins Haus. Vergeuden Sie keine Wörter damit, eingangs Appetit auf den „eigentlichen“ Artikel zu machen. Die Leute nehmen sich im Schnitt keine halbe Stunde Zeit für die gesamte Zeitung. Legen Sie ihnen deshalb keine Speisekarte vor, sondern gleich die Speise!

Glimmstaengel

Wunderschön servierte Nachricht. Appetitmacher “wirft Fragen auf” und “Wahrscheinlich muss BGH ran”. Bloß nicht gleich sagen, weshalb der E-Zigaretten-Händler von welchem Gericht verurteilt worden ist und wie hoch die Geldstrafe ist.
Text von der dpa

Nachrichtenschreiber organisieren sich in drei Fraktionen, die Hardcore-, die Servier- und die Summenfraktion. Die Hardcorefraktion steigt mit harten Fakten ein, die Servierfraktion mit Appetitmachern, die Summenfraktion mit einer – häufig bewertenden – Zusammenfassung. Die Unterschiede lassen sich an einem idealtypischen Beispiel zeigen. Die Vorspänne habe ich auf gleiche Länge gebracht:

Hardcorefraktion: Im Enstadter Stadtpark werden 20 Bänke aufgestellt. Das hat der Gemeinderat beschlossen. Er entsprach damit der Bitte des Altenheimchefs Kurt Kramer. Die Bänke werden vor allem an Bäumen entlang dem Weiher aufgestellt. (218 Anschläge)

Servierfraktion: Im Enstadter Stadtpark werden 20 Bänke aufgestellt. Das hat der Gemeinderat beschlossen. Altenheimchef Kurt Kramer hatte die Stadt gebeten, die Bänke dort aufzustellen, wo sich die Altenheimbewohner am liebsten aufhalten. (221 Anschläge)

Verschenkter Platz, vorne steht nichts. Wer nicht zu den vorne Angesprochenen gehört, liest den Text nicht bis zum Schluss und bekommt die Info im 2. Teil des 2. Satzes nicht mit.Textmontage: Egbert Manns

Verschenkter Platz, vorne steht nichts. Wer nicht zu den vorne Angesprochenen gehört, liest den Text nicht bis zum Schluss und bekommt die Info im 2. Teil des 2. Satzes nicht mit.
Textmontage: Egbert Manns

Summenfraktion: Gute Nachricht für die Bewohner des Enstadter Altenheims: Die Stadt lässt im Stadtpark 20 Bänke aufstellen, die meisten unter Schatten spendenden Bäumen. Der Gemeinderat folgte damit einer Bitte des Altenheimchefs Kurt Kramer. (226 Anschläge)

Anmerkungen: Der Serviervorspann unterscheidet sich vom Faktenvorspann im zweiten Teil. Er enthält die Andeutung, dass im weiteren Artikel stehen wird, wo sich die Altenheimbewohner am liebsten aufhalten und wo also die Bänke stehen werden. Frei nach Loriot: Ja, wo stehen sie denn? Wer den Artikel nach dem Vorspann verlässt, bekommt nicht mit, wo die Bänke stehen.

Der Summenvorspann bewertet das Geschehen aus der Sicht der im Artikel genannten Begünstigten, der Altenheimbewohner: „Gute Nachricht für …“ Sinnvollerweise folgt ein Gute-Nachricht-Detail: „unter Schatten spendenden Bäumen.“ Da bleibt für die Nachricht, dass die meisten Bänke unter den Bäumen nahe dem Weiher stehen, kein Platz. Der Vorspann weicht Fakten auf. In diesem Fall steht nicht explizit drin, dass der Gemeinderat das beschlossen hat. Sondern der Leser muss das aus der Formulierung „Der Gemeinderat folgte damit …“ schließen. Wollen wir die Leser schließen lassen, was gemeint ist?

Der Hardcorevorspann ist der, der auch den flüchtigen, nicht weiter interessierten Leser mit Informationen versorgt.

Blogtexte sollen nicht so lang sein, deshalb das nächste Beispiel im nächsten Blogbeitrag.

@ Egbert Manns

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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