Erster Satz, zweiter Satz – Zeitungssprache 007

In journalistischen Texten wird die Zeitenfolge manchmal ein wenig anders angewendet als in der sonstigen Kulturliteratur. Normalerweise gilt, vereinfacht gesagt: Das Präsens verlangt das Perfekt (Beispiel: „Ich sage“ und „Ich habe gesagt“). Und das Imperfekt verlangt das Plusquamperfekt („Ich sagte“ und „Ich hatte gesagt“).

Diese Paarbildung wird in journalistischen Texten nicht aufgelockert. Es hängt jedoch von der Textstelle ab, welches Paar verwendet wird und wie der Übergang von Präsens/Perfekt zu Imperfekt/Plusquamperfekt gestaltet wird. Damit wird das Tempus, die grammatische Zeit, in journalistischen Texten, jedenfalls in nachrichtlichen, zur Markierung. Der Autor markiert mit dem Tempus die Zeit, die er gerade beschreibt. Das heißt konkret:

1. Tatsachen/Fakten/Nachrichten über Geschehenes markieren wir mit dem Perfekt. Das entspricht der Vorstellung, dass wir im Gespräch mit dem Leser sind, dass wir antworten. Wir schreiben über das Geschehene, als sprächen wir, und für ein Gespräch über Geschehenes ist das Perfekt gerade richtig.

2. Das gilt, wenn das Prädikat ein Vollverb ist. Ist es ein Hilfsverb, „haben“ oder „sein“, steht der Satz wie im Blogbeitrag 6 beschrieben im Imperfekt.

3. Tatsachen/Fakten/Nachrichten über Zeitloses oder Gegenwärtiges markieren wir mit dem Präsens.

4. Einen Zeitensprung vom Geschehen, über das wir gerade schreiben, zu einem davor liegenden Ereignis, das einen Bezug zu dem Geschehen hat, markieren wir mit dem Pluspquamperfekt.

5. a) Für die weitere Erzählung dessen, was wir als Tatsachen/Fakten/Nachrichten mit dem Perfekt oder Imperfekt oder als Zeitensprung in die Vergangenheit mit dem Plusquamperfekt markiert haben, verwenden wir das Imperfekt. b) Für die weitere Erzählung dessen, was wir als Tatsachen/Fakten/Nachrichten im Präsens markiert haben, verwenden wir zunächst das Perfekt und im weiteren Verlauf das Imperfekt.

Musikkapelle

Würde Ihnen jemand auf die Frage “Was war los?” so antworten? – Nachrichtenstil misslungen.
Textmontage: Egbert Manns

Das ist es im Prinzip schon. Das Tempus des ersten Satzes einer Nachricht bestimmt das Tempus des zweiten Satzes entlang der fünf genannten Merkmale. Ansonsten gilt für die Zeitenfolge die oben genannte übliche Paarbildung. Das ist das Schema F der Nachrichtensprache. Sie läuft in Kombinationen von 1. + 5a. …, oder 2. + 5b. … oder 3. + 5b. … oder 4. + 5a. ab. Variationen sind möglich; möglichst aber in Richtung nachrichtlicher Sprache. Also lieber mit Perfekt anstelle des Imperfekts.

Beispiele:

Nachricht im Perfekt: 1. Satz: Der Bürgermeister von Enstadt ist zurückgetreten. 2. Satz: Das teilte der stellvertretende Bürgermeister mit. 3. Satz: Der Gemeinderat nahm die Nachricht mit Fassung auf. Hier ist das Schema 1. + 5a angewandt worden: Die Nachricht wird im Perfekt angenagelt, weiter geht’s im Imperfekt. Der Klassiker.
Ich selbst hätte auch den zweiten Satz ins Perfekt gesetzt, das wirkt auf mich nachrichtlicher: 1. Satz: Der Bürgermeister von Enstadt ist zurückgetreten. 2. Satz: Das hat der stellvertretende Bürgermeister mitgeteilt. 3. Satz: Der Gemeinderat nahm die Nachricht mit Fassung auf.

Nachricht im Präsens: 1. Satz: Die Enstadter Hauptstraße erhält ein neues Pflaster. 2. Satz: Das hat der Gemeinderat beschlossen. 3. Satz: Er vergab den Auftrag an den billigsten Bieter. Das Schema ist 3. + 5b., ebenfalls ein Klassiker.

Sprung in die Vergangenheit: 1. Satz: Ein Auto ist in Enstadt gegen einen Baum gefahren. 2. Satz: Der Fahrer wurde schwer verletzt. 3. Satz: In der Kurve am Aussiedlerhof war ein Reifen geplatzt. 4. Satz: Das Auto schleuderte quer über die Straße und krachte gegen den Baum. Hier werden angewandt: 1. + 5a. + 4. + 5a.

Hilfsverb als Prädikat der Nachricht: 1. Satz: Bischof N.N. war gestern in Enstadt. 2. Satz: Er feierte einen Gottesdienst und besuchte den Bürgermeister.  Das Schema ist 1. + 5a.
Ich selbst würde auch diese Nachricht gerne nachrichtlich härter, also mit Perfekt schreiben und reichere sie deshalb um einen Aspekt an, der mit einem Vollverb beschrieben wird. Das könnte sein: 1. Satz: Bischof N.N. war gestern in Enstadt und hat einen Gottesdienst gefeiert. Der Satz enthält das eine Prädikat im Imperfekt, weil es von einem Hilfsverb gebildet wird, und das andere im Perfekt, weil es ein Vollverb ist. Das ist geschriebene gesprochene Sprache. 2. Satz: Anschließend besuchte er den Bürgermeister.

Mehr zum Gebrauch der Tempi in späteren Blogbeiträgen.

© Egbert Manns

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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