Die perfekte Nachricht – Zeitungssprache 005

Fragt man Kinder nach den Ferien, was sie gemacht haben, antworten sie: „Meine Eltern und ich sind an die See gefahren.“ Lässt man sie über die Ferien einen Aufsatz schreiben, beginnen sie mit: „Meine Eltern und ich fuhren an die See.“ So wird die Sprache in der Schule verbogen, speziell das Tempus, die Zeitstufe. Weg von der nachrichtlichen Information im Perfekt hin zur Kunstform Aufsatz im Imperfekt (auch „Präteritum“ genannt, aber ich bleibe bei „Imperfekt“).

Deshalb noch einmal: Schreiben Sie als sprächen Sie. Die Frage nach einer Nachricht steht im Perfekt: „Was ist passiert?“. Niemand fragt: „Was passierte?“ Deshalb antworten wir auf der gleichen Ebene – im Perfekt.

Für den Anfang der Nachricht gilt also: Die Sprache, die etwas Geschehenes präsentiert, ist grundsätzlich das Perfekt. Als Faustregel empfehle ich: Die Nachricht wird im Perfekt perfekt. (Die zwei Einschränkungen „… die etwas Geschehenes betrifft …“ und „… grundsätzlich …“ haben Sie bemerkt, darüber mehr im nächsten Blogbeitrag.)

Die Nachricht wird im Perfekt perfekt – das ist eine so einfache Anforderung, dass wir mit dem Thema hier eigentlich abschließen könnten. Leider verstoßen überaus viele Journalisten dagegen, deshalb noch eine Nachricht aus dem Alltag des Lokaljournalismus.

Ein Beispiel aus einer Zeitung: Würden Sie auf die Frage: „Was ist passiert?“ die folgende Antwort erwarten?

Leicht verletzt wurde am späten Donnerstagabend eine 28 Jahre alte Motorradfahrerin.

Wie wäre es mit folgendem Textanfang:

Eine 28-jährige Motorradfahrerin ist …

Anmerkungen: Die Nachricht handelt von etwas bisher Unbekanntem, einem Motorradunfall. Deshalb stellen wir das, um was es geht, nämlich die Motorradfahrerin, an den Anfang. Und auf die Frage: „Was ist passiert?“ antworten wir im Perfekt.

Eine Nachricht dem Objekt zu beginnen, ist eine schlechte journalistische Angewohnheit. Solch ein Anfang kann zwar sinnvoll sein, wenn die ersten zwei, drei Wörter etwas Dramatisches sagen. Zum Beispiel: „Gestorben ist eine …“ und „Lebensgefährlich verletzt worden ist eine …“ Aber doch nicht mit „Leicht verletzt …“ beginnen!

Der Anfang mit dem Objekt kann (!) auch dann sinnvoll sein, wenn er eine bekannte Nachricht fortführt. Im Fall der verunglückten Motorradfahrerin könnte (!) es am nächsten Tag also heißen: „Angetrunken war die 28-jährige Motorradfahrerin, die vorgestern verunglückt ist.“ Aber das ist in der zitierten Meldung nicht der Fall.

Ohnehin: „Leicht verletzt“ ist keine Nachricht. Schon gar nicht mit „am Freitagabend“ gleich dahinter, noch vor dem Subjekt der Meldung und der Schilderung des Geschehens. Schreiben Sie doch einfach hin, was passiert ist, nämlich dass die Motorradfahrerin bei einer Vollbremsung gestürzt ist, nachdem ein Auto ihr die Vorfahrt genommen hatte.

Mein Vorschlag (konkretisiert):

Eine 28-jährige Motorradfahrerin ist bei einer Vollbremsung am Freitagabend gestürzt. Sie erlitt Prellungen. Ein Auto hatte ihr die Vorfahrt genommen.

Zusammenfassung: Für den Beginn einer Nachricht gilt: Über Geschehenes grundsätzlich im Perfekt berichten. Das Perfekt macht die Nachricht perfekt. Die Nachricht ist im Perfekt perfekt.

© Egbert Manns

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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