Die Nachricht sprechen – Zeitungssprache 004

Schreiben Sie nicht, wie Sie sprechen, sondern schreiben Sie, als sprächen Sie. Kein Gestammel, sondern Direktheit. Das gilt nicht nur, aber eben auch für die Nachricht. Der erste Satz zeigt schon, ob Ihr Weg vom Kopf zum Getippten frei ist. Oder ob er voll der Hürden ist, den Ihnen die Schule auf den sprachlichen Weg gestellt hat. Die ganz sicher zu Müll geworden sind, rottend unter dem Einfluss des Deutschen aus  Vereinsmeldungen, Behördenverlautbarungen, der Nachrichtenagenturtexten – und damit eben auch der Medien, denn die bedienen sich dieser Quellen.

Ein Beispiel vom Juni 2013: Erwarten Sie auf die Frage „Was ist los?“ die folgende Antwort?

In den Aufsichtsräten der 30 Dax-Konzerne sind zunehmend Frauen vertreten.

Der weitere Text lautet:

Anfang Juni waren 21,7 Prozent aller Aufsichtsräte weiblich, hat eine gestern in Frankfurt vorgestellte Auswertung der Beratungsgesellschaft PwC ergeben. Anfang 2011 habe der Frauenanteil erst 13,4 Prozent betragen. Vor allem die Zahl der Frauen auf der Eigentümerseite habe zugenommen. Die Aktionäre stellten nun 44 weibliche Aufsichtsräte (17,6 Prozent) nach 20 zu Beginn 2011. Für die Arbeitnehmer sitzen inzwischen 62 Frauen (26,1 Prozent) in den Dax-Aufsichtsräten, zuvor waren es 47. …

Wie wäre es mit folgenden Textanfängen:

Frauen stellen 106 der 488 Aufsichtsräte in den 30 Dax-Konzernen. Somit sind nur 21,7 Prozent der Aufsichtsräte Frauen.

Oder: Frauen stellen 106 der 488 Aufsichtsräte in den 30 Dax-Konzernen. Das sind 49 mehr als Anfang 2011.

"Zunehmend Frauen" – Der Leser kann sich aussuchen, wie groß die "Zunahme" ist. Grafik: Egbert Manns

“Zunehmend Frauen” – Der Leser kann sich aussuchen, wie groß die “Zunahme” ist. Grafik: Egbert Manns

Anmerkungen: Geht es um Frauen oder um Dax-Konzerne? Wie der weitere Text der Meldung zeigt, geht es um die Frauen – Zahlen, Anteile, Zunahme der Zahl. Also machen wir die Frauen zum Subjekt der Nachricht und des Satzes und nicht die Dax-Konzerne.

Worum es nicht geht, ist, dass die Frauen vertreten werden. Sie sitzen selbst in den Aufsichts- räten. Vertreten werden dort Anteilseigner und Arbeitnehmer, aber nicht Frauen. Frauen seien in den Aufsichtsräten vertreten ist Unfug.

„Zunehmend Frauen“ ergibt kein Bild. Nennen Sie die aktuelle Zahl 106, dazu die Bezugszahl 488, dann hat der Leser zwei Bilder: Erstens, wie viele Frauen in den wichtigsten deutschen Konzernen Aufsichtsratsposten innehaben. Zweitens, wie viele Aufsichtsräte es dort insgesamt gibt. Nebenbemerkung: Lassen Sie die Leser nicht rechnen. Dass es 488 Aufsichtsräte sind, verschweigt die Originalmeldung. Ich habe die Zahl ausgerechnet: 44 plus 62 sind 106 Frauen geteilt durch 21,7 Prozent sind 488 Aufsichtsräte.

Man kann argumentieren, es gehe in der Meldung darum, dass jetzt mehr Frauen in den Aufsichtsräten sitzen als vorher. Dann schlage ich meinen zweiten Textanfang vor.

Man kann argumentieren, und das ist mein Argument, ein Zuwachs von 8,3 Prozentpunkten (21,7 minus 13,4) binnen zwei Jahren sei nichts, was verlässlich einen Trend angibt. Der Fakt, dass gerade mal jeder fünfte Aufsichtsratssitz von einer Frau belegt sei, sei das Wichtigste. Dann schlage ich meinen ersten Textanfang vor.

Beide Textanfänge, dazu der zweite Satz:

Frauen stellen 106 der 488 Aufsichtsräte in den 30 Dax-Konzenen. Somit sind nur 21,7 Prozent der Aufsichtsräte Frauen. Anfang 2011 hatten sogar nur 67 Frauen in den Aufsichtsräten gesessen (13,4 Prozent). Das geht aus einer Mitteilung der Unternehmens- beratungsgesellschaft PwC hervor.

Oder: Frauen stellen 106 der 488 Aufsichtsräte in den 30 Dax-Konzernen. Das sind 49 mehr als Anfang 2011. Ihr Anteil stieg in den gut zwei Jahren von 13,4 auf 21,7 Prozent, teilt die Unterneh- mensberatungsgesellschaft PwC mit.

Im ersten Textanfang setzen die Wörter „sogar nur“ den Trend fort, der im ersten Satz mit „nur“ markiert wird. Im zweiten Textanfang ergänzt der zweite Satz die Zahlen des ersten Satzes um die Quoten. In beiden zweiten Sätzen habe ich aus der Beratungsfirma eine Unternehmensberatungsfirma gemacht. Ich hatte, als ich in der Orginalversion „Beratungsfirma“ gelesen hatten, gestutzt und mich gefragt, weshalb da nicht „Unternehmensberatung“ steht – ob die Firma vielleicht eine andere Art Beratung anbietet? Wenn ich stutze, dann stutzen vielleicht auch andere. Also recherchiere ich und schaffe Klarheit. Auch wenn das Wort ein Ungetüm mit 26 Buchstaben ist.

Den Rest des Textes schenken wir uns. Es sind zwei Sätze, in denen die Zahlen und Quoten der Frauensitze der Anteilseigner und der Arbeitnehmen stehen.

Zusammenfassung: Klären Sie, um wen oder was es in dem Artikel geht. Wenn möglich, machen Sie den oder das zum Subjekt des ersten Satzes. Am besten liefern Sie Zahlen! Jedenfalls dann, wenn der Trend (z. B. „immer mehr“) oder die Quote („20 Prozent“) nicht bewegend und/oder die Grundgesamtheit (488 Aufsichtsräte) eher nicht bekannt sind.

Selbstverständlich schreiben Sie im ersten Satz „Jeder zweite Aufsichtsrat ist jetzt eine Frau“, wenn das eintritt. „Jeder zweite“ hat eben eine höhere Qualität als „21,7 Prozent“, weil „Jeder zweite“ (oder „Die Hälfte“ etc.) mit Mehrheit und Minderheit, mit Macht und Übermacht zu tun hat. Und natürlich schreiben Sie „Jeder dritte Deutsche“, weil das ein klares Bild ergibt.

Direkt schreiben, nicht stammeln. Ich habe häufig erlebt, dass Mitarbeiter mir in klaren Wörten gesagt haben, um was es ging: „Immer mehr sind …“ Als sie den Text schrieben, mutierte das zu „waren zunehmend vertreten …“ Schreiben Sie doch, als sprächen Sie!

© Egbert Manns

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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