Nachrichtlicher Aufbau – Zeitungssprache 003

In den ersten Satz einer Nachricht gehört das Wichtigste, das Neue, eben das, was die Frage „Was war los?“ beantwortet. Der erste Satz muss der Beginn einer sinnvollen Reihenfolge an Informationen sein. Auch sein eigener Inhalt muss in der richtigen Reihenfolge aufgebaut sein. Am besten in der, in der man die Nachricht auch sprechen würde.

Ich habe hier den ersten Absatz des Blogbeitrags 002 wiederholt. Er trifft ja auch auf Nachrichten zu, in deren Mittelpunkt kein Mensch, sondern Sachen stehen.

Ein Beispiel mit einer real existierenden Agenturmeldung:

Erwarten Sie auf die Frage „Was ist los?“ die folgende Antwort?

Bei der Größe des Niedriglohn-Sektors liegt Deutschland in der Europäischen Union im oberen Drittel auf Platz 7. In der Bundesrepublik beziehen demnach 22,2 Prozent der Arbeitnehmer einen geringeren Stundenlohn als 9,15 Euro, wie die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung am Montag mitteilte.

Anmerkungen: Der erste Satz sagt nichts Konkretes. Die „Größe des Niedriglohn-Sektors“ wird nicht genannt. Erst der zweite Satz liefert eine Zahl, 22,2 Prozent. Sagt das jemanden, wie viele Leute das sind?

Der erste Satz nennt den Platz in der Tabelle der Europäischen Union: Platz 7 und dieser Platz liegt im „oberen Drittel“. Das ist erstens begrifflich ein Ärgernis und zweitens drittklassig informativ:
Erstens ist „oberes Drittel“ ein positiv besetzter Begriff. Wer in der Tabelle oben steht, hat mehr gesiegt als verloren. Niedriglohn ist ein negatives Ereignis; die Wortwahl „oberes Drittel“ ist dem nicht angemessen.
Zweitens verlangt die Tabellenangabe vom Leser, zu rechnen – für den Fall, dass er mit der Angabe etwas anfangen will. Die Rechnung: 7 liegt im oberen Drittel, also hat das wenigstens 7 Länder mal 3 macht 21. Der EU gehören also wenigstens 21 Länder an. – In Wirklichkeit sind es 27. Wer Nachrichten schreibt, muss Fakten nennen, die man einordnen kann, und nicht die Leser Fakten errechnen lassen.

Der erste Satz ist sprachlich und inhaltlich falsch. „Bei der Größe … liegt Deutschland“ ist kein Deutsch. Und der Bezug ist verwechselt: Eine Größe besteht aus absoluten Zahlen (in Millionen), nicht aus Anteilen (in Prozent), aber in der Tabelle geht es um Anteile, also ist das Wort „Größe“ falsch. „Im oberen Drittel“ ist übrigens entbehrlich. Deutlicher wäre: „ Platz 7 von 27“.

Vorschlag Nr. 1:
Deutschland hat den siebtgrößten Anteil an Niedriglohnempfängern in der EU.

Das ist im ersten Satz gemeint, das würde inhaltlich stimmen. Ich halte den Satz für verständlicher als das Original.

Vorschlag Nr. 2, damit sofort klar ist, mit welchen Größenordnungen wir es hier zu tun haben. Im Text geht es ohnehin nur in einem Absatz um den EU-weiten Vergleich:
Acht Millionen Menschen in Deutschland arbeiten für weniger als 9,15 Euro pro Stunde. Das sind 22,2 Prozent der Arbeitnehmer. Nur in 6 der 27 EU-Länder ist der Anteil der Niedriglohnarbeiter höher.

Vorschlag Nr. 3 für den Fall, dass man den folgenden Text auf die Rangfolge konzentriert:
Nur in 6 der 27 EU-Länder ist der Anteil der Niedriglohnarbeiter an den Arbeitnehmern höher als in Deutschland.  Acht Millionen Menschen arbeiten hier für weniger als 9,15 Euro pro Stunde. Das sind 22,2 Prozent der Arbeitnehmer.

Zusammenfassung: Schreiben, wie man es hören möchte. An den Anfang gehören Fakten, die man sich vorstellen kann. Besser Größen als Anteile. SPO, wenn das Subjekt einfach zu benennen ist wie in Vorschlag Nr. 1 und Nr. 2, und davon abweichen, wenn das Subjekt aus mehreren Worten besteht wie in Vorschlag Nr. 3 (Anteil der Niedriglohnarbeiter an den Arbeitnehmern). Angemessene Begriffe verwenden, Bezugsgrößen nicht verwechseln.

© Egbert Manns

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About egbertmanns

Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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