Nachrichtlicher Aufbau – Zeitungssprache 002

In den ersten Satz einer Nachricht gehört das Wichtigste, das Neue, eben das, was die Frage „Was war los?“ beantwortet. Der erste Satz muss der Beginn einer sinnvollen Reihenfolge an Informationen sein. Auch sein eigener Inhalt muss in der richtigen Reihenfolge aufgebaut sein. Am besten in der, in der man die Nachricht auch sprechen würde.

Drei Beispiele, das erste aus einer realen Meldung einer Nachrichtenagentur, das zweite idealtypisch, das dritte aus einer Zeitungsmeldung:

1. Würden Sie auf die Frage: „Was war los?“ folgende Antwort erwarten?

Nach der Enthüllung großangelegter Internet-Spionage der US-Regierung hofft der nach Hongkong geflohene Informant Edward Snowden auf Asyl. Auf diese Weise will sich der 29-jährige Techniker einer Auslieferung in die USA entziehen.

1080 Treffer, wenn man den Text "Nach der Enthüllung großangelegter" einschließlich des Fehlers in die Google-Suche eingibt.  Foto: Egbert Manns

1080 Treffer, wenn man den Text “Nach der Enthüllung großangelegter” einschließlich des Fehlers im vierten Wort in die Google-Suche eingibt.
Foto: Egbert Manns

Vermutlich nicht. Machen Sie die Augen zu und wiederholen Sie die Nachricht. Aha …

Wie wäre es mit folgendem Textanfang:

Der 29-jährige Edward Snowden, der die Internetspionage des US-Geheimdienstes aufgedeckt hat, sucht ein Land, das ihm Asyl gewährt. Er hält sich derzeit in Hongkong auf und will in ein Land einreisen, das ihn nicht den USA ausliefert.

Anmerkungen:
Wir werden in späteren Blogbeiträgen sehen, weshalb Nachrichten in die Hose gehen, wenn sie mit dem Wort „nach“ beginnen. Oder mit „nachdem“ und „neben“. Hier nur zwei Anmerkungen zum Originaltext, den eine Nachrichtenagentur so geliefert hat.

Erstens: Er braucht 14 Wörter, bis er den Menschen erwähnt, um den es geht, den Informanten Edward Snowden. Ein Kardinalfehler. Stellen Sie die Hauptperson der Nachricht nach vorne. Scheuen Sie sich nicht vor der einfachen Reihenfolge Subjekt, Prädikat, Objekt. SPO ist gut verständlich.

Zweitens: Er liefert dem Leser in den ersten 14 Wörtern lauter bekannte Sachen. Wo bleibt die Nachricht? Mein Alternativvorschlag hat in den ersten 14 Wörtern den Menschen genannt, um den es geht. Er hat mit der Altersangabe (kommt im Agenturtext erst nach 25 Wörtern) einen Hauch von Bild dazu geliefert. Er hat das Bekannte geliefert, das rechtfertigt, weshalb wir über den Menschen schreiben (Internetspionage aufgedeckt). Und er hat die Nachricht von Wort 15 bis 19 präzise beschrieben: „Land, das ihm Asyl gewährt.“ Im Orginaltext steht nur „hofft … auf Asyl“, was nahelegt, dass er das in Hongkong sucht, aber das ist nicht gemeint.

2. Würden Sie auf die Frage „Was war los?“ folgende Antwort erwarten:

Ein Unbekannter hat in Enstadt eine 15-jährige Schülerin sexuell missbraucht, getötet und in den Stadtkanal geworfen.

Hmm? Klingt irgendwie bekannt, geläufig …

Ich schlage folgenden Satz vor:

Ein 15-jähriges Mächen ist in Enstadt sexuell missbraucht und erstochen worden. Passanten fanden seine Leiche im Stadtkanal.

Anmerkungen:
In der Originalversion steht ein Unbekannter im Mittelpunkt des Satzes. Von ihm wissen wir aber nichts. Vielleicht waren es auch zwei oder mehr? Sicherheitshalber fangen Polizei- und Agenturmeldungen deshalb häufig mit dem Plural an: „Unbekannte haben …“ Mein Appell: Fort mit den Unbekannten!

Wir wissen wegen der polizeilichen und ärztlichen Untersuchung nur Folgendes sicher: Das Mädchen ist sexuell missbraucht worden und es wurde erstochen. Weshalb „getötet“ schreiben, wenn es erstochen worden ist? Nicht die Einzelheiten, die ein Geschehen klarmachen, erst hinten liefern!

Ob das Mädchen in den Kanal geworfen wurde oder ans Ufer gelegt und (später) reingerutscht ist, wissen wir nicht. Wir wissen, dass Passanten die Leiche im Kanal entdeckt haben.

Ob die 15-Jährige eine Schülerin war oder nicht, spielt für die Tat keine Rolle. Sie wurde vergewaltigt, weil sie weiblich war, nicht weil sie eine Schülerin war. Nur wenn das Schülerinsein für die Tat wichtig war, muss „Schülerin“ geschrieben werden, zum Beispiel, wenn Mitschüler oder Lehrer sie getötet haben. Aber das wissen wir nicht.

3. Würden Sie auf die Frage „Was war los?“ folgende Antwort erwarten:

In der Debatte um hohe Sitzenbleiber-Quoten vor allem an Realschulen im Südwesten hat Kultusminister Andreas Stoch (SPD) an die Eltern appelliert, die Empfehlung der Lehrer vor dem Übertritt an weiterführende Schulen ernster zu nehmen.

14 Substantive, die Nachricht im Nebensatz, Beginn mit einer sinnlosen Floskel. Quelle: SWP

14 Substantive, 35 Wörter insgesamt, die Nachricht im Nebensatz, Beginn mit einer Floskel: misslungener Anfang eines Artikels. Quelle: SWP

Debatte, Sitzenbleiber, Quoten, Realschulen, Südwesten, Kultusminister Andreas Stoch, SPD, Eltern, Empfehlung, Lehrer, Übertritt, Schulen. Das ist eine Ansammlung wichtiger und wichtigster und ganz wichtiger Substantive. 14 Substantive in einem Satz mit 35 Wörtern.

Welche der Substantive sind für die Nachricht wichtig? Fünf, wenn wir Folgendes als Nachricht annehmen:

Eltern sollen der Empfehlung der Lehrer ernster nehmen, bevor sie ihr Kind an einer weiterführenden Schule anmelden.

Anmerkungen:
Das ist eine komplette Nachricht in einem Hauptsatz mit acht Wörtern, an dem ein Nebensatz mit neun Wörtern hängt, und das ist die Nachricht, die Antwort auf die Frage gibt, was los sei. Unter den fünf Substantiven ist eines, das in der ursprünglichen Nachricht gar nicht drin stand: „Kind“. Obwohl es um die Kinder doch geht! Von den 14 Substantiven der Originalsatzes waren für die Nachricht also nur vier nötig.

Die Nachricht steht in SPO, das macht sie einfach verständlich. Der Kern des Appells, nämlich auf die Lehrer zu hören, steht im Hauptsatz anstatt wie im Originaltext im Nebensatz. Das Wort „Übertritt“, das sich im Originaltext auf die Eltern bezieht, obwohl die nirgendwohin übertreten, wird jetzt dem Kind zugeordnet und verbalisiert zu „bevor sie ihr Kind an einer weiterführenden Schule anmelden“.

Dass der Kultusminister diesen Appell wegen der vielen Sitzenbleiber losgelassen hat, gehört in den zweiten Satz. Damit kann man sich auch die sinnlose Floskel „In der Debatte um …“ ersparen, denn die sagt dem Leser bloß, dass jetzt etwas zu einem Thema kommt, das er schon kennt, und wenn er das Thema schon kennt, bemerkt er selbst, dass es darum geht, man braucht es also nicht zu erwähnen. Wie gesagt: „In der Debatte um …“ („Im Streit um …“, „In der Aufregung über …“) ist eine sinnlose Floskel. Den Artikel damit anzufangen macht die Nachricht genauso kaputt wie es die Nachnachricht tut (siehe die Blogbeiträge 015 bis 019).

Zusammenfassung: Wenn es in der Nachricht um einen Menschen geht, stellt der erste Satz ihn an den Anfang: Snowden, das Mädchen, die Eltern. Dazu Informationen, die den knapp (!) skizzieren, wenn nötig (im Fall Snowden „Internetspionage aufgedeckt“). Dazu das Alter. Wenn es für den Zusammenhang wichtig ist, auch Nationalität, Hautfarbe, Beruf, Rolle und ähnliches. Solch ein erster Satz ist in der Reihenfolge SPO meistens am verständlichsten, dann steht die Nachricht auch im Hauptsatz, wohin sie gehört. So späche man die Nachricht ja auch. SPO ermöglicht knappe Qualifizierungen, also wie im Fall Snowden den Verweis auf Bekanntes, der rechtfertigt, dass wir über den Menschen schreiben. Der erste Satz enthält nur verlässliche Informationen – Informationen, nach denen man sich richten kann.

© Egbert Manns

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Redakteur Lehrbeauftragter (Journalistik)
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