Sätze (11): SPO in Aufzählungen, primitiv oder angemessen — Zeitungssprache 206 Nachtrag

Ein typisches Beispiel für lexikalische Varianz: Bloß kein Vollverb zweimal schreiben.

Ein typisches Beispiel für lexikalische Varianz: Bloß kein Vollverb zweimal schreiben. http://www.augsburger-allgemeine.de/illertissen/Nach-Jugend-soll-Seniorenarbeit-in-Vordergrund-ruecken-id35941697.html

Ein echt irres Beispiel für lexikalische Varianz bietet der nebenstehende Text. Darin geht es um eine Vorstandswahl. Fünf Leute gehören fortan dem Vorstand an, aber nur einer von denen ist gewählt worden. Anstatt eine klare, übersichtliche Aufzählung zu schreiben, die von einem Prädikat getragen wird, hat der Verfasser sich um Literatur bemüht.

Lexikalische Varianz
In den Vereinsvorstand sind fünf Leute gewählt worden.
a) startet in Amtsperiode,
b) wurde gewählt,
c) ist,
d) verwaltet,
e) organisiert.
In den Jugendausschuss sind fünf Leute gewählt worden. Gewählt? Nein,
f) ist,
g) fungiert,
h und i) sind,
j) 
füllt aus.
Hammerhart!

Eine milde Form der grammatikalischen Varianz ergänz die lexikalische. “Milde” deshalb, weil Subjekt (S), Prädikat (P) und Objekt (O) zwar in drei Reihenfolgen vorkommen und mal aktiv, mal passiv. Aber neun von zehn Funktionsbeschreibungen fangen mit dem Objekt (Amt) an; dieser gleiche Anfang zeigt immerhin das Bemühen um Verständlichkeit.

Im Einzelnen:
a) PSO (aktiv)
b) OSP (passiv)
c) OPS (aktiv)
d) OPS (aktiv)
e) OPS (aktiv)
f) OPS (aktiv)
g) OPS (aktiv)
h) OPS (aktiv)
i) OPS (aktiv)
j) OSP (passiv)
Was fehlt? Die Mutter aller Satzstellungen, SPO!

Es ist doch so leicht, eine verständliche Aufzählung zu schreiben. Wie im folgenden Beispiel, das ich in den Westfälischen Nachrichten gesehen habe:

„Die Mitglieder wählten Winfried Raddatz zum stellvertretenden Vorsitzenden, Dieter Mittelberg zum Kassierer, Peter Wortmann zum Schriftführer, Michael Puke zum Vorstandsmitglied für besondere Aufgaben sowie Dietmar Beimdiek, Heike Hemmer und Jonas Möllenkamp zu Beisitzern.“

© Egbert Manns

 

Posted in Sätze, Textdesign, Zeitungssprache | Tagged , , , , , , | Leave a comment

Sätze (10): Der relationslose Relativsatz / Hauptsachen in Hauptsätzen — Zeitungssprache 209

Zu den Merkwürdigkeiten journalistischer Texte gehört der Relativsatz, der eine Information liefert, die nichts in Bezug zu etwas setzt, und der auch keine Zusatzinformation zu dem Nomen liefert, auf das er sich bezieht. Die Information, die solch ein relationsloser Relativsatz* enthält, wird in eine Nebenrolle gedrängt und somit unter Wert verkauft. Sie gehörte in den Hauptsatz, zum Beispiel mit dem Mittel der Aufzählung, oder in einen eigenen Hauptsatz.

Das hier sind Relativsätze:
„N.N. ist ein Manager, der vor allem am Nachmittag und Abend arbeitet.“ Der Relativsatz macht klar, dass N.N.s Arbeitszeit sich von der anderer Manager unterscheidet. Er gibt eine Information, die zu dem Nomen „Manager“ gehört
„Die Mannschaft ,hat einen ziemlichen Mist zusammengespielt’, sagte Torwart N.N., dem als einzigem kein Fehler anzukreiden war.“ Das „als einzigem“ im Relativsatz macht klar: Hier unterscheidet N.N. sich von seinen Mitspielern.
„Die Autorin sagte dem Verlag zu, der ihr die meisten Lesungen zugesagt hatte.“ Der Relativsatz macht klar, dass die Autorin auch mit anderen Verlagen gesprochen hatte. Er gibt eine Information zu dem Nomen, ohne die der Satz keinen Sinn ergeben würde.

Das ist ein enges Verständnis von Relativsätzen. Aber weil der Blog vom Nachrichtenschreiben handelt und weil Nachrichtenschreiben mit Klarheit und Unmissverständlichkeit zu tun hat, brauchen wir diese Enge.

Wir werden in den folgenden Beispielen typische, leider real existierende Relativsätze sehen. Sie enthalten Wichtiges, widersprechen aber dem Grundsatz, Hauptsachen in Hauptsätzen zu beschreiben. Mit dem engeren Verständnis von Relativsätzen, für das ich plädiere, wäre das nicht passiert.

Beispiele:
1. „Deshalb sei jede Eintrittskarte eine Spende, betonte Bohmfalk, der schon von einer großen Voranfrage berichten konnte.“ Ostfriesen-Zeitung 

2. „Manfred Mayer, der den Wildberger Fliegern seit 60 Jahren angehört und immer noch als Schlepppilot aktiv ist, war eigens aus Remscheid angereist, um seine Auszeichnung entgegen zu nehmen.“ Schwarzwälder Bote 

3. „,Der Bio-Milch-Express tankt nur Bio-Milch von Betrieben in der Region’, bemerkt der 29-jährige Jungbauer Matthias Müller, der sich selbst als Idealist in der modernen Agrarszene bezeichnet.“ Südkurier  

4. „,Wir hatten das Spiel in Durchgang eins absolut im Griff und führten vollauf verdient’, sagte Müller, der sich über den Schwalmstadter Anschluss ärgerte.“ Osthessen-News  

5. „Nach ihrem Vorstellungsgespräch bei Fassmer hoffte sie auf eine Zusage, die zu ihrer Freude schnell kam.“ Oldenburger Onlinezeitung 

6. „In kleinen Wasserpfützen in den Reifen legen die Mücken ihre Eier ab, die dann mit auf die Reise gehen.“ Süddeutsche Zeitung 

Anmerkungen:
Noch einmal: In Relativsätzen wird etwas genauer bezeichnet. Relativsätze beschreiben eine Eigenschaft von etwas, setzen mehrere Dinge in Bezug zueinander, letztlich, um sie unterscheiden zu können. Zwei Definitionen dazu: „Relativsätze sind … Nebensätze, die sich auf ein Nomen (…) im Hauptsatz beziehen und dieses näher bestimmen“, schreibt canoo.net.  Sie dienen „in der Regel dazu, eine Eigenschaft eines Individuums anzugeben“, heißt es in Wikipedia.

Für das Nachrichtenschreiben halten wir uns an die Regel: Hauptsachen in Hauptsätze. Das heißt: Wir holen keine Nachricht aus dem Hauptsatz heraus und stecken sie in einen Relativsatz. Wir führen in Relativsätzen nichts an, was keine „Eigenschaft des Individuums“ ist. Genau das aber ist in den sechs Beispielen passiert.

Relationslose Relativsätze, Beispiele 1 und 2

Beispiele 1 und 2

Zu 1. „Deshalb sei jede Eintrittskarte eine Spende, betonte Bohmfalk, der schon von einer großen Voranfrage berichten konnte.“ Es ist keine Eigenschaft von Bohmfalk, vor einer großen Voranfrage berichten zu können. Er sagt einfach zwei Dinge: Jede Eintrittskarte sei eine Spende und es gebe eine große Nachfrage nach Eintrittskarten. Das sind zwei gleichwertige Informationen, Bohmfalk berichtet das eine und das andere. Der Relativsatz hat hier nichts verloren. Richtig und kurz wäre, unter Verzicht auf den Unfug „Voranfrage“: „Deshalb sei jede Eintrittskarte eine Spende, sagte Bohmfalk. Es gebe schon viele Anfragen.“

Zu 2. „Manfred Mayer, der den Wildberger Fliegern seit 60 Jahren angehört und immer noch als Schlepppilot aktiv ist, war eigens aus Remscheid angereist, um seine Auszeichnung entgegen zu nehmen.“ Den Manfred Mayer bedauere ich. Seit 60 Jahren gehört er den Wildberger Fliegern an, fliegt immer noch, kommt extra zur Auszeichnung aus Remscheid – und der Berichterstatter steckt 60 Jahre Vereinsarbeit und die Auszeichnung in einen Nebensatz. Das ist eine Degradierung, die nicht hätte sein müssen. Mayer gehört den Fliegern seit 60 Jahren an und er fliegt immer noch als Schlepppilot. Dafür erhält er die Auszeichnung. Kann man das nicht so schreiben? Zum Beispiel, indem man anfängt mit: „Manfred Mayer gehört …“ oder mit „Manfred Mayer war eigens … Er gehört den …“

Beispiele 3 und 4

Beispiele 3 und 4

Zu 3. „,Der Bio-Milch-Express tankt nur Bio-Milch von Betrieben in der Region’, bemerkt der 29-jährige Jungbauer Matthias Müller, der sich selbst als Idealist in der modernen Agrarszene bezeichnet.“ Der Relativsatz macht den ganzen Satz nur lang. Es ist auch keine Eigenschaft von Müller, sich als Idealist … zu bezeichnen, sondern eine Information, die gleichwertig mit der im Zitat ist. Also hätte sie einen eigenen Hauptsatz verdient gehabt: „Er bezeichnet sich als …“

Zu 4. „,Wir hatten das Spiel in Durchgang eins absolut im Griff und führten vollauf verdient’, sagte Müller, der sich über den Schwalmstadter Anschluss ärgerte.“ Auch dass Müller sich ärgert, gehört nicht zu seinen Eigenschaften. (Es sei denn, er wäre der einzige gewesen, der sich geärgert hat; das hätte des Hinweises „als einziger“ beduft). Der Ärger ist ein Ereignis, deshalb schreiben wir es als Nachricht hin, entweder im eigenen Hauptsatz oder mit einem Semikolon an den „Durchgang eins“-Satz angehängt. Ich würde den Ärgersatz vor dem Zitat bringen.

Beispiele 5 und 6

Beispiele 5 und 6

Zu 5. „Nach ihrem Vorstellungsgespräch bei Fassmer hoffte sie auf eine Zusage, die zu ihrer Freude schnell kam.“ Der Klassiker. Zwei Dinge passieren hintereinander und sind vom Nachrichtenwert her gleichwertig und aufeinander bezogen. Sie gehören in einen Hauptsatz. Zum Beispiel so: „Sie hoffte auf eine Zusage und die kam zu ihrer Freude rasch.“ Der Nachrichtenwert, dass jemand auf eine Zusage hofft, ist natürlich so minimal, dass die Hoffnung aus dem Satz gestrichen gehört. Gereicht hätte sinngemäß die Information, dass die Zusage kurz nach dem Vorstellungsgespräch kam.

Zu 6. „In kleinen Wasserpfützen in den Reifen legen die Mücken ihre Eier ab, die dann mit auf die Reise gehen.“ Und wohin legten die Mücken ihre Eier, die nicht mit auf die Reise gehen? Das ist die Frage, die sich stellt, wenn Eiern die Eigenschaft zugeschrieben wird, auf die Reise zu gehen. „Die Mücken legen ihre Eier in kleinen Wasserpfützen in den Reifen ab. So gelangen die Eier nach Europa.“ Das ist die Nachricht und so sollten wir sie auch schreiben.

Fazit:
Stecken Sie keine Nachrichten in Nebensätze. Verwenden Sie Relativsätze, um Eigenschaften zu schreiben, mit denen Sie etwas von anderem abgrenzen wollen/können. Das ist ein enges Verständnis von Relativsätzen. Andernfalls aber können Ihre Leser irgendwann nicht mehr unterscheiden, was Nachricht und was Relation ist.

Zum Abschluss der Ausführungen zu Relativsätzen noch dieses Beispiel: „Die Schüler legten die Zeugnisse, die nicht gut ausgefallen waren, ihren Eltern nicht vor.“ Der Satz kann dreierlei Inhalt haben:
– Erstens, dass alle Zeugnisse nicht gut ausgefallen waren. Das wäre ein Beispiel für den relationslosen Relativsatz.
– Zweitens, dass nur die Schüler, die schlechte Zeugnisse haben, sie ihren Eltern nicht vorlegen. Das wäre die logische Interpretation, aber grammatisch gesehen steht das nicht da.
– Drittens, dass die Schüler nur ihre schlechten Zeugnisse nicht den Eltern zeigten, die guten aber durchaus. Das ist das, was da steht, aber was leider auch impliziert, dass die Schüler offensichtlich aus mehreren Zeugnissen auswählen konnten. Das ist eher unüblich.

Ersparen Sie den Lesern Missverständnisse. Ersparen Sie es den Lesern, darüber nachdenken zu müssen, was Sie meinen.

@ Egbert Manns

* Ein Beispiel dieser relationslosen Relativsätze ist schon im Blogbeitrag 207 erwähnt worden.

Posted in Sätze, Textdesign, Zeitungssprache | Tagged , , , , , , | Leave a comment

Sätze (9): Der verspätete Relativsatz (2) — Zeitungssprache 208

Kurze Sätze zu schreiben ist einfach. Es gelingt oft schon, wenn man Einschübe vermeidet. Relativsätze sind solche Einschübe. Sie einfach hinten dranzuhängen, um den Hauptsatz vom Subjekt bis zum Objekt oder Verb kurz zu halten, ist in Ordnung, wenn es richtig gemacht wird. Die Faustregeln dafür habe ich im Blogbeitrag 207 erwähnt.

Häufig passt das Relativpronomen nicht zum Nomen, auf das es sich beziehen müsste. Andererseits muss man in manchen Sätzen erst forschen, auf welches Nomen sich das Relativpronomen bezieht, auch wenn es grammatikalisch richtig eingesetzt wird.

Beispiele:
1. „Außerdem beschreiben Planetenforscher in „Science“ die überraschende Entdeckung von ausgedehnten Polarlichtern auf dem Mars, die von der Nasa bereits früher im Jahr bekanntgegeben worden war.“ dpa Die Welt

2. „Bei einem Sonnensturm schleudert die Sonne elektrisch geladenes Gas ins All, das starke Magnetfelder mit sich trägt.“ dpa  Die Zeit 

Anmerkungen:
Zu 1. Das Relativpronomen „die“ bezieht sich weder auf das letzte Substantiv vor ihm, „Mars“, noch auf das vorletzte, „Polarlichtern“, sondern auf das vorvorletzte, auf „Entdeckung“. Ein Missverständnis kann eigentlich nicht aufkommen, denn „Mars“ steht maskulin im Singular und„Polarlichter“ feminin im Plural. Das „die“ kann sich nur auf ein feminines Wort im Singular beziehen, wie uns das „war“ aus dem Prädikat  des Nebensatzes verrät, und dieses feminine Wort im Singular ist „Entdeckung“.

Wie gesagt: Eigentlich kann kein Missverständnis aufkommen. Aber können Sie den Satz jetzt noch aus dem Kopf wiedergeben? Falls nicht, geben Sie der Kombination von Länge und Satzstellung die Schuld. Zahlen offenbaren die Schuld: Der Satz enthält 25 Wörter. Erst das letzte davon, das „war“, stellt klar: Das 15. Wort, das Relativpronomen „die“, bezieht sich auf das 8. Wort „Entdeckung“. Der Satz kann also erst vom letzten Wort her verstanden werden.

Ich muss aus dem hohlen Bauch argumentieren, wenn ich den Satz interpretiere, weil ich den Science-Artikel nicht kenne. Das heißt: Nach meiner Erfahrung ist der Satz deshalb misslungen, weil der Autor zwei Informationen in einen Satz fassen wollte (kam es ihm zu primitiv vor, zwei Hauptsätze hintereinander zu schreiben?). Die erste Information ist: Forscher schreiben über Polarlichter. Die zweite ist: Deren Entdeckung hat die Nasa schon vor einiger Zeit bekanntgegeben.

Sie sehen: Ich vermute, dass die Planetenforscher über die Polarlichter schreiben, nicht über deren Entdeckung. Dass in dem Satz etwas über die Entdeckung steht, war nicht nötig. Der Autor hat die Entdeckung hineingezwängt, damit er die Bemerkung „von der Nasa schon früher im Jahr bekanntgeben“ im Hauptsatz verankern kann. Er hat in der Schule aufgepasst und verinnerlicht: Haupt- und Nebensatz sind eleganter als zwei Hauptsätze.

Ich behalte die Wortwahl der Einfachheit halber bei und formuliere die Passage, wie sie lauten müsste. Das funktioniert in zwei Hauptsätzen: Außerdem beschreiben Planetenforscher in „Science“ die ausgedehnten Polarlichter auf dem Mars. Deren Entdeckung hat die Nasa bereits früher im Jahr bekanntgegeben.“

Jetzt sieht man auch deutlich, dass beide Informationen voneinander unabhängig sind. Und man sieht auch, dass der Relativsatz des Beispielsatzes gar keine Relation darstellt. Es gab keine Entdeckung, die eine Eigenschaft gehabt hätte, die sie von einer anderen Entdeckung unterscheidet. Der Relativsatz ersetzt im Originalsatz einfach eine Aneinanderreihung von Informationen, die viel deutlicher gewesen wäre.

Daneben gezielt: Die Relativpronomen treffen ihre Nomen nicht.

Mal eine Sünde wider die Verständlichkeit, mal eine wider die Grammatik: angehängte Relativsätze.

Zu 2. Die Astronomie ist ein Feld, in dem viele Leute Laien sind. Dass mit dem Wort „All“ das Weltall gemeint ist, ist meines Erachtens klar. Aber kann man von einem Laien verlangen, dass er/sie weiß, wer „starke Magnetfelder mit sich trägt“? Laut dem Text ist es das All.

Durch Nachdenken kommt möglicherweise auch der Laie zum Schluss, dass das leere (!) Weltall keine Magnetfelder trägt und der Relativsatz sich vermutlich auf das Gas bezieht. Aber sollen wir die Leser überlegen lassen, was wir meinen?

Überdies ist der Relativsatz dieses Satzes relationslos. Es geht gar nicht darum, Gase voneinander zu unterscheiden: Gas, das Magnetfelder trägt von Gas, das keine Magnetfelder trägt. Auch in diesem Fall sind Informationen in Relation zueinander gesetzt worden, obwohl sie selbstständige Nachrichten sind. Richtig wäre, sie als solche zu formulieren: „Bei einem Sonnensturm schleudert die Sonne elektrisch geladenes Gas von sich. Es trägt starke Magnetfelder mit sich.“ 

Nebenbei: Ich habe „von sich“ statt „ins All“ (wohin sonst?) geschrieben. Damit wäre schon der Originalsatz grammatisch richtig geworden. Denn das Relativpronomen „das“ hätte sich nur auf das Gas beziehen können.

Fazit:
Sätze sollen Informationen deutlich liefern. Es trägt zur Verständlichkeit bei, wenn diese Nachrichten nicht mit Nebennachrichten vermischt werden. Wenn doch, dürfen diese Nebennachrichten nicht in Form eines Einschubs in den Satz gebracht werden und ihn lang und länger machen, denn dann ist die Verständlichkeit weg. Den Hauptsatz zu Ende zu bringen und die Nebennachricht als Nebensatz dranzuhängen, ist ein gutes Ziel. Es wird häufig nicht erreicht, wenn der angehängte Nebensatz ein Relativsatz ist.

Die Nebennachricht als Relativsatz an den Hauptsatz zu hängen, ist unter zwei Bedingungen in Ordnung: Das Relativpronomen muss das letzte in Geschlecht und Numerus dazu passende Nomen treffen. Und das Nomen muss mit Hilfe des Relativsatzes in Beziehung zu etwas gesetzt werden. Ist beides nicht der Fall, gehört die Nebennachricht als selbstständige Nachricht formuliert. Wer sich die oben genannten Beispiele laut vorliest, bemerkt ihre Atemlosigkeit. Sprechen würde man die Sätze so nicht. Also schreiben Sie sie auch nicht so.

Die relationslosen Relativsätze kommen häufig vor. Deshalb werden sie uns im nächsten Blogbeitrag noch einmal beschäftigen.

@ Egbert Manns

Posted in Sätze, Textdesign, Zeitungssprache | Tagged , , , , , , | Leave a comment

Sätze (8): Der verspätete Relativsatz (1) — Zeitungssprache 207

Kurze Sätze zu schreiben, gilt als eine Art Credo (für Nichtlateiner: Glaubensbekenntnis) unter Redakteuren, siehe den Blogbeitrag 203. Wie es mit Glaubensbekenntnissen so ist: Viele halten sich nicht dran. Und wenn doch, dann erzeugen sie manchmal Unfug. So ein Unfug ist der verspätete Relativsatz. Er ist in Mode gekommen wie Arschgeweih, während Gesprächen zu whatsappen (oder whatszuappen?), Entlassung als „Freistellung“ zu bezeichnen und Ähnliches.

Beispiele:
1. „Von Start weg trat ein kämpferischer VfB um den neuen Kapitän Christian Gentner auf, der zum ersten Mal in dieser Saison in Führung ging“. (SWP)
2. 
„Zuvor hatte Reeva Steenkamp ihre Familie unterstützt, die als Model gut verdient hatte.“ (Die Welt)
3. „Das berichtet ein Forscherteam im Fachjournal ,Science Advances’, das die Bissraten im zentralamerikanischen Costa Rica unter die Lupe genommen hat.“ (Die Zeit)

Anmerkungen:
„Ein Relativsatz sollte möglichst unmittelbar nach dem Bezugswort stehen“, heißt es in canoo.net. Zwischen dem Bezugswort und dem Relativpronomen können dummerweise weitere Substantive stehen. Beispiel A: „Der Vater der Frau, der schon mehrfach im Gefängnis gesessen hat …“ Der Satz ist klar, weil das Relativpronomen „der“ sich nur auf den Vater beziehen kann. Ebenso klar ist Beispiel B: „Der Vater des Mannes, der schon mehrfach im Gefängnis gesessen hat …“, Das Relativpronomen “der” bezieht sich nicht auf den Vater, sondern auf „des Mannes“.

An den eingangs angeführten drei Beispielen 1 bis 3 sehen wir, dass es leider nicht jedem klar ist, wie das Relativpronomen eingesetzt werden darf. Obwohl es eigentlich ganz einfach ist. Entweder muss das Bezugswort das einzige sein, auf das das Relativpronomen von Geschlecht und/oder Numerus* her passt. Oder – im Falle mehrerer Substantive gleichen Geschlechts oder Numerus – das Relativpronomen bezieht sich auf das Substantiv, das am nächsten an ihm steht. Diese letztere Erfordernis ist in den drei Beispielen nicht richtig angewandt worden.

Typische Beispiele für den fälschlich angehängten Relativsatz.

Typische Beispiele für den fälschlich angehängten Relativsatz.

Zu 1.: „Von Start weg trat ein kämpferischer VfB um den neuen Kapitän Christian Gentner auf, der zum ersten Mal in dieser Saison in Führung ging.“ Gängiger Erzählstil, grammatisch misslungen. Zum erstenmal in Führung gegangen ist natürlich nicht Christian Gentner, sondern der VfB. Weil sich das Relativpronomen „der“ auf das am nächsten bei ihm stehende Substantiv gleichen Geschlechts bezieht, gehört es zum (der) Christian Gentner, der ebenso wie (der) VfB und (der) Start ein Maskulin ist.

Der Relativsatz ist an dieser Stelle ohnehin deplatziert. Wenn wir den Gentner weglassen, lautet der Satz: „Von Start weg trat ein kämpferischer VfB auf, der zum ersten Mal in dieser Saison in Führung ging“. Damit wird dem VfB die Eigenschaft unterstellt – und dafür sind Relativsätze ja in erster Linie da –, erstmals in dieser Saison in Führung zu gehen. Das ist aber keine Eigenschaft des VfB, sondern war ein einzelnes Ereignis, die neue Information, um die es geht. Die Regel: Hauptsachen in Hauptsätzen schreiben!

Richtig wäre deshalb gewesen, das als Nachricht zu schildern: „… und ging erstmals in dieser Saison in Führung“. Wenn Nachrichten aneinandergereiht werden, sind Aufzählungen ein angemessenes Mittel und erste Wahl. Relativsätze dienen dazu, Eigenschaften hervorzuheben, nicht als Mittel, einfache Aufzählungen zu vermeiden.

Zu 2. „Zuvor hatte Reeva Steenkamp ihre Familie unterstützt, die als Model gut verdient hatte.“ Nun mag man einwenden, die Familie habe an Reeva sicherlich gut verdient, und der Verfasser des Satzes liege mit seiner Information möglicherweise richtig. Aber das war im Text nicht gemeint. Auch in diesem Fall geht der Satz in die Hose, weil das Relativpronomen sich grammatisch auf (die) Familie bezieht, denn die steht näher an ihm als (die) Reeva Steenkamp. Richtig ist jedoch, dass Reeva als Model gearbeitet hat und nicht die Familie.

Zu 3.: „Das berichtet ein Forscherteam im Fachjournal ,Science Advances’, das die Bissraten im zentralamerikanischen Costa Rica unter die Lupe genommen hat.“ Fachjournale nehmen (hoffentlich) die Manuskripte unter die Lupe, die ihnen zugeschickt werden. Dass die Journale Bissraten unter die Lupe nehmen, ist unüblich. Leider steht das hier aber, weil das Relativpronomen „das“ sich grammatisch auf (das) Fachjournal bezieht, denn das steht näher an ihm als (das) Forscherteam. In Wirklichkeit hat sich aber das Forscherteam mit den Bissraten beschäftigt.

Fazit:
Alle drei Schreiber erfüllen die Anforderung, einen Satz möglichst kurz zu halten. Sie vermeiden Schachteln. Leider packen sie, um das zu erreichen, wichtige Nachrichtenelemente in Relativsätze und hängen die einfach hinten an den Satz dran, obwohl dort ein Wort steht, das den Relativsatze fälschlicherweise auf sich zieht.

Im Deutschen stehen das Wort oder der Begriff, die dem Satz einen Sinn geben, häufig am Ende des Satzes. Wenn ein Satz lang ist und erst zum Schluss aufgelöst wird, ist er weniger leicht verständlich, als wenn die Auflösung früher kommt. Unter Journalisten zirkuliert deshalb die Auffassung, man müsse Sätze frühestmöglich zum Ende bringen. Das ist zur Masche geworden, die sich liest, wie wenn ich den ersten Satz dieses Absatzes so formuliert hätte: „Im Deutschen stehen das Wort oder der Begriff meistens ganz am Ende des Satzes, die dem Satz einen Sinn geben.“

Mit Verlaub, das ist Käse. Das ist ein Holpersatz. So spricht kein normaler Mensch. Da wird Verständlichkeit gegen Flüssigkeit ausgespielt – und auf der Strecke bleibt beides. Oder haben Sie den Holpersatz besser verstanden als den ursprünglichen Satz?

Aus einem Grund, der ich in der frühen schulischen Aufsatzerziehung vermute, scheuen Journalisten vor der einfachen, klaren Aufzählung zurück, mit der man die Aussagen klar bringen könnte, die in solchen Sätzen stecken. Das sehen wir am Reeva-Steenkamp-Beispiel sehr deutlich. „Zuvor hatte Reeva Steenkamp ihre Familie unterstützt, die als Model gut verdient hatte“, das ist die verquaste Variante eines Satzes, der Informationen einfach aufzählen könnte: „Reeva Steenkamp hatte als Model gearbeitet, gut verdient und ihre Familie unterstützt.“

Auch der VfB-Satz brächte die Nachricht in Form einer Aufzählung klar rüber: „Von Start weg trat der VfB um den neuen Kapitän Christian Gentner kämpferisch auf und ging in Führung – zum ersten Mal in dieser Saison.“
Ich habe erstens das „kämpferisch“ von Adjektiv zum Adverb gemacht, also den Inhalt von „ein kämpferischer VfB trat auf“ zu „der VfB trat kämpferisch auf“ modifiziert – und damit den Sachverhalt vermutlich so be- und geschrieben wie er gemeint war.

Der Satz ließ sich mit „und ging in Führung“ verlängern. Dass das „zum ersten Mal in dieser Saison“ war, scheint wichtig zu sein. Deshalb habe ich zweitens diese Information ausgegliedert und mit einem Gedankenstrich vom Hauptsatz abgesetzt. Nun müsste nur noch das „um den neuen Kapitän Christian Gentner“ raus, dann wäre der Satz akzeptabel auch von der Länge her, der gegliedert wurde und geschrumpft ist von 24 auf 18 Wörter.

Entschuldigung! Ich wollte natürlich schreiben: „Dann wäre der Satz gegliedert, von 24 auf 18 Wörter geschrumpft und auch von der Länge her akzeptabel.“

@ Egbert Manns

*Numerus = Einzahl (Singular) oder Mehrzahl (Plural)

Posted in Sätze, Textdesign, Zeitungssprache | Tagged , , , , , , | Leave a comment

Sätze (7): SPO in Aufzählungen, primitiv oder angemessen — Zeitungssprache 206

Am einfachsten zu verstehen ist die Satzstellung Subjekt, Prädikat, Objekt (SPO). Deshalb sind SPO-Sätze für Nachrichten erste Wahl, auch wenn die deutsche Sprache es erlaubt und häufig auch verlangt, Sätze anders zu bilden. SPO ist übersichtlicher – auch für den Autor. Oder ist es primitiv, vor allem in SPO zu schreiben?

In jedem Fall ist SPO angemessen, wenn wir eine Aufzählung schreiben. Sie beginnt sowieso meistens mit SPO, und es gibt keinen Grund, bis zum Ende der Aufzählung davon abzuweichen. Von der Satzstellung in Aufzählungen handelt dieser Blogbeitrag, und zwar speziell von der Aufzählung derer, die in Hauptversammlungen gewählt werden.

Es mag sein, dass ein Redakteur das SPO langweilig findet, weil er am Tag ein Dutzend Aufzählungen schreibt. Aber es geht nicht darum, dass der Redakteur sich nicht langweilt, sondern darum, dass der Leser, der eine Aufzählung liest, ein Stück klarer Literatur erhält anstelle verquaster Desinformation.

Beispiele:
1. „Udo Koerdt arbeitet als Stellvertreter weiter, Kassierer bleibt Siegfried Ehling, Reinhard Hoffmann fungiert weiter als Schriftführer. Albert Weber (Wiederwahl) und Arnold Bittner sind Beisitzer.“ (der Westen)

2. „Das Amt des Vorsitzenden wird zukünftig Martin Lienhard übernehmen, der bislang schon als stellvertretender Vorsitzender tätig war. … Drei Stellvertreter werden Martin Lienhard zukünftig bei seiner Arbeit unterstützen: Gewählt wurden Marcus Greiner, Andreas Willmann und Thomas Kopp. Das Amt der Schatzmeisterin hat weiterhin Irmtraud Wesle inne und als Schriftführer fungiert Marcus Greiner. Franz Gruler, der bislang stellvertretender Vorsitzender war, wird zukünftig als Beisitzer tätig sein.“ (Badische Zeitung)

3. „Neben den Vorwürfen der Körperverletzung im Amt und des unerlaubten Waffenbesitzes ermittelt die Staatsanwaltschaft nun auch wegen des Verdachts des Besitzes von Kinderpornografie.“ (SpOn)

Anmerkungen:

Solche verquasten Aufzählungen gehören zum Standard der Vereinsberichterstattung in Zeitungen. Für mich sind sie ein Hinweis darauf, dass die Redaktion auch mit Schülern arbeiten könnte anstelle bezahlter Redakteure.

Wortwahl und Satzstellung werden in Grundschulaufsatzmanier variiert. „Lexikalische Varianz“ (Wolf Schneider) und grammatikalische Varianz gehen eine Verbindung ein, die in einer handwerklich korrekt formulierten Zeitungsmeldung nicht vorkommen.  Nur für das erste Beispiel hier ein paar Anmerkungen zur lexikalischen Varianz. Das Thema wird in späteren Blogbeiträgen unter dem Titel „Synonymitis“ vertieft.

Beispiel 1.

Beispiel 1.

Zu 1. Die lexikalische Varianz macht aus dem einzigen Ereignis, der Wahl, eine Fülle von Tätigkeiten. Alle fünf Männer werden nämlich gewählt; dem Text zufolge jedoch üben sie viererlei aus: Koerdt arbeitet weiter, Ehling bleibt, Hoffmann fungiert und Weber und Bittner sind. Bloß gewählt worden ist keiner.
Die grammatikalische Varianz ist gemäßigt. Es gibt die Reihenfolgen SPO, OPS, SPO, SPO. Andere Satzstellungen als SPO müssen begründet werden. Wiederholung: Andere Satzstellungen als SPO müssen begründet werden. Es gibt oft genug einen dramaturgischen Grund, das Objekt nach vorne zu ziehen oder gar das Prädikat. Hier nicht! Der zweite Satz hätte deshalb in SPO geschrieben werden müssen. Hier die Satzstellungen zu wechseln ist sinnlos, täuscht Dramaturgie nur vor und hält deshalb beim Lesen vielleicht sogar auf.
Gegenvorschlag: „Udo Koerdt wurde zum Stellvertreter gewählt, Siegfried Ehling zum Kassierer, Reinhard Hoffmann zum Schriftführer und Albert Weber und Arnold Bittner zu Beisitzern.“  Das ist klar.

Beispiel 2.

Beispiel 2.

Zu 2. Die grammatikalische Varianz der Sätze*, in denen die Gewählten genannt werden, ist ausgeprägt. OPS, SPO, PS, OPS, OPS, SPO. Vier Wechsel dreier Satzstellungen. Die paar Informationen verbrauchen 64 Wörter.
Gegenvorschläge: „Martin Lienhard wurde zum Vorsitzenden gewählt, Marcus Greiner, Andreas Willmann und Thomas Kopp zu seinen Stellvertretern, Irmtraud Wesle zur Schatzmeisterin, Marcus Greiner zum Schriftführer und Franz Gruler zum Beisitzer.“  Ein Prädikat, danach immer SO. 29 Wörter.
Oder „Zum Vorsitzenden wurde Martin Lienhard gewählt, zu seinen Stellvertretern Marcus Greiner, Andreas Willmann und Thomas Kopp, zur Schatzmeisterin Irmtraud Wesle, zum Schriftführer Marcus Greiner und zum Beisitzer Franz Gruler.“  Ein Prädikat, danach immer OS. 29 Wörter. Der zweite Vorschlag ist zwar nicht SPO, aber er wechselt jedenfalls die Satzstellungen nicht.

Beispiel 3.

Beispiel 3.

Zu 3. SPO sei übersichtlicher, auch für den Autor, habe ich in der Einleitung dieses Beitrags geschrieben. An diesem Satz sehen wir das deutlich. Er hat die Form OSPO. Es gibt ein Objekt (Vorwürfe) vor dem Prädikat (ermittelt wegen), dem Subjekt (Staatsanwaltschaft) und einem weiteren Objekt (Verdacht). 
Was herauskommt, ist die Aussage: die Vorwürfe und die Staatsanwaltschaft ermitteln. Das ist zwar Unfug, aber das ist das, was da steht: Neben den Vorwürfen ermittelt die Staatsanwaltschaft. Die Vorwürfe, inhaltlich ein Objekt, sind zum Co-Subjekt des Satzes mutiert.
Was ist passiert? Der Autor ist in zwei Fallen gelaufen. Erstens die Falle, dass die Objekte (in diesem Falle eines) vor dem Subjekt stehen. Die Gefahr, dass der Satz dann grammatisch in die Hose geht, ist groß. Zweitens in die Falle, mit dem Wort „Neben“ anzufangen. Wer damit den Satz beginnt, muss höllisch aufpassen, dass der Satz richtig weitergeht. Meistens produziert das „Neben“ am Satzanfang Schrott.

Sätze, die in die Hose gehen, weil sie mit "Neben" anfangen.

Sätze, die in die Hose gehen, weil sie mit “Neben” anfangen.

Ein paar geschrottete „Neben“-Sätze:
Neben dem unerlaubten Handel muss sich auch der 54-Jährige verantworten.“ Die Grammatik macht den Inhalt zum Kuriosum.
 Eine einfache Aufzählung in SPO hätte das vermieden.
Neben Privathäusern hatten sie es … abgesehen.“ Oha, der Satz ist sinnlos. Mit SPO wäre das nicht passiert.
Neben Klemke wird Wohlleben … vertreten.“ Also werden Klemke und Wohlleben vertreten. Kann aber nicht sein, denn Klemke ist  einer der beiden Rechtsanwälte, die Wohlleben vertreten. Mit SPO wäre der Unfug vermieden worden.
Neben den Ermittlungen sitzt sie am Bett des Säuglings.“ Den Satz kann man nur retten, indem man ihn verbalisiert und SPO anwendet.
Neben dem Hamburg?“ Gemeint ist wohl „Neben dem Engagement in Hamburg“ oder „Neben Hamburg“. Wie auch immer: „Neben Hamburg kickte Jaro für Bayern München“ eröffnet die Frage: In welchem Ort „neben Hamburg“? Bremen? Ratzeburg? Ludwigslust? Auch diesen Satz hätte SPO gerettet.

Fazit:

Wer Nachrichten schreibt, kann mit SPO sicher sein, vernünftige Sätze abzuliefern. Aufzählungen in SPO sind nicht unbedingt kürzer als mit anderen Satzstellungen. Weil aber Aufzählungen, in denen Satzstellungen gewechselt werden, auch den Schamott lexikalischer Varianz mit sich schleppen, sind sie es in der Praxis meistens doch.

Ist es primitiv, vor allem in SPO zu schreiben? Schade, dass das Wort „primitiv“ einen negativen Anklang hat. Denn was ist gegen einfaches Schreiben zu sagen?

„Das ist doch langweilig“ ist kein Argument, die Satzstellung zu wechseln. Wer wechselt, reagiert damit auf die Dramatik/Dynamik des Geschehens. In einer Anhäufung gleichartiger Fakten (wie Wahlen) besteht aber keine Dramatik, also wird die Satzstellung nicht gewechselt.

Höchste Gefahr besteht, wenn Sätze mit bestimmten Wörtern eingeleitet werden, zu denen auch „Neben“ gehört. Wenn es nicht räumlich gemeint ist, enden solche nach meiner Erfahrung fast immer im Nirwana der Grammatik oder im großen Reich des Unfugs. Gleiches gilt für Sätze, in denen es zwei Objekte gibt, von denen eines vor dem Prädikat steht. Gerade in solchen Fällen wäre SPO die sicherere und, was uns allen am Herzen liegt, auch die leichter verständliche Variante.

© Egbert Manns

* Weil alle Sätze (inhaltlich fälschlicherweise!) im Futur geschrieben sind, schlängelt sich das Prädikat ums Objekt herum, ich habe jeweils das erste zum Prädikat gehörende Wort benutzt, um seine Position im Satz zu bestimmen.

Posted in Sätze, Textdesign, Zeitungssprache | Tagged , , , , , , , , | Leave a comment

Sätze (6): Sätze zum Weiterlesen (2) — Zeitungssprache 205

Sätze dürfen die Leser nicht verprellen. Sie dürfen keine Stolperfallen enthalten. Ungebräuchliche Fachwörter und Schachteln sind solche Stolperfallen.

Beispiel
Die vor Jahren ins Leben gerufene Kommunale Verkehrsüberwachung versteht sich allerdings nach den Worten von Nina Name nicht als „Gewinnerzielungsmaschine“, sondern als eine Behörde, die sich im Auftrag der Städte um die Einhaltung der Verkehrsvorschriften und damit um die Verkehrssicherheit kümmert.

Anmerkungen

Vier Schachteln in 41 Wörtern, darin geht die Fehlinformation unter.

Vier Schachteln in 41 Wörtern, darin geht die Fehlinformation unter.

Das ist so ein Satz mit Stolperfallen. Er enthält
– vier Schachteln: „ vor Jahren ins Leben gerufene“, „ nach den Worten von Nina Name“, „nicht als ,Gewinnerzielungsmaschine’, sondern“ und „im Auftrag der Städte“,
– ein ungebräuchliches Wort: „Gewinnerzielungsmaschine“,
– 41 Wörter,
– eine unnötige Umständlichkeit, nämlich dass die Kommunale Verkehrsüberwachung „sich als Behörde versteht“. Heißt das, dass sie keine Behörde ist? Dann wäre es richtig, zu schreiben, dass sie sich als solche versteht. Wenn sie eine Behörde ist, muss sie sich nicht als eine verstehen.

Ohne die Stolperfallen hieße der Satz: Die Kommunale Verkehrsüberwachung ist eine Behörde, die sich um … – und jetzt ist die Frage, wie wir die Information fortsetzen. Lassen wir es bei: „… die Einhaltung der Verkehrsvorschriften und damit um die Verkehrssicherheit kümmert?“ Oder verbalisieren wir? Dann hieße der Satz: „Die Kommunale Verkehrsüberwachung ist eine Behörde, die sich darum kümmert, dass Verkehrsvorschriften eingehalten werden und der Verkehr sicher ist.“

So formuliert zeigt der Satz, dass der Text eine Fehlinformation verbreitet – was im Originalsatz untergeht. Die Kommunale Verkehrsüberwachung kümmert sich mitnichten darum, dass Verkehrsvorschriften eingehalten werden und der Verkehr sicher ist. Wer sich kümmert, muss eingreifen, Anweisungen geben, helfen und Ähnliches. Das aber ist nicht die Aufgabe dieser Organisation. Sie registriert nur Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung, denen folgen die Knöllchen.

Zusammenfassung
Wer einen Satz von Stolperfallen befreit und verbalisiert, tut dem Leser Gutes. Erstens lässt der Satz leichter lesen. Zweitens kommt die Nachricht zum Vorschein. Drittens lässt sich der Wahrheitsgehalt der Nachricht erst dann erkennen, wenn sie klar formuliert ist.

Nun könnte man einwenden, nicht die Zeitung, die den Text veröffentlicht hat, sei für die Unrichtigkeit verantwortlich, sondern diejenige, die mit dieser Aussage zitiert wird. Ich bin anderer Ansicht. Die Zeitung muss die Nachricht so deutlich formulieren, dass die Leser sofort darauf stoßen können, wie es um deren Wahrheitsgehalt bestellt ist.

© Egbert Manns

Posted in Sätze, Textdesign, Zeitungssprache | Tagged , , , , , , , , , | Leave a comment

Sätze (5): Nicht vom Weiterlesen abhalten (1) — Zeitungssprache 204

Sätze sollten die Leser nicht verprellen; die hören dann vielleicht mit Lesen auf, bevor sie zur Information gelangen. Das ist so selbstverständlich, wie es häufig missachtet wird.

Sätze zum Weiterlesen sind meistens die, die nicht zu viele Informationen enthalten. Anders ausgedrückt: Je mehr Informationen ein Autor in einem Satz unterbringen will, desto schwieriger wird der Satz zu verstehen.

Beispiel
Die Berichtssaison der Unternehmen und gestiegene Ölpreise haben am Mittwoch bei den Anlegern am US-Aktienmarkt für gute Stimmung gesorgt.

Gemeint war: Die amerikanischen Aktien haben an Wert gewonnen. Das hatte vor allem zwei Gründe: Der Chiphersteller Intel hatte für das erste Quartal des Jahres bessere Geschäftszahlen vorgelegt als erwartet und die Ölpreise waren gestiegen.

Anmerkungen
Die Wirtschaftsredaktionen würden selbstverständlich den Agentursatz nehmen. Der klingt, wie Wirtschaft klingen muss: nach blauem Anzug, Krawatte, lederner Aktentasche, großem Schreibtisch. Jargon für Profis.

Was ich als Alternative geschrieben habe, klingt vielleicht nach Jeans und Leinenbeutel. Aber ist „sorgt für gute Stimmung unter den Anlegern“ wirklich eine Nachricht?

Sprachlich ist der Satz zweifach misslungen: Erstens ist der Inhalt nicht eindeutig, wenn man den Jargon nicht schon gewohnt ist. „Gute Stimmung“: Haben die Anleger  sich mit Sekt zugeschüttet und getanzt?  Oder sie haben Aktien gekauft und damit die Kurse erhöht? Ich habe auf Kurserhöhung getippt. Kann es sein, dass das nicht gemeint war?

Zweitens ist „sorgt für“ ein unüberlegt verwendetes Klischee. Ist die gute Stimmung krank, so dass man für sie sorgen müsste? Wenn die Stimmung gut ist, muss man doch nicht für sie sorgen? Und wie sorgt eine Berichtssaison?

Die Frage ist: Was wollen wir als Redakteure? Die Leser informieren? Das gelingt mit dem erwähnten Agenturtext nicht. Dass eine „Berichtssaison“ für gute Stimmung sorgt, verlangt vom Leser einiges an Wissen:

Für Jargonversteher geschrieben: Anfang einer Wirtschaftsnachricht der dpa

Für Jargonversteher geschrieben: Anfang einer Wirtschaftsnachricht der dpa

– Erstens, was eine Berichtssaison ist.
– Zweitens, dass die Formulierung „Die Berichtssaison … sorgt“ in dem Zusammenhang Stuss ist. Denn a) gibt es mehrere Berichtssaisone, hier ist die für das erste Quartal des Jahres gemeint. Und b) hat die Berichtssaison gerade erst begonnen, deshalb müsste es sinngemäß heißen: „Die ersten Geschäftsberichte über das erste Quartal des Jahres …“ Dass das gemeint ist, geht aus dem weiteren Agenturtext hervor. Womit wir c) bemerken: Es ist gar nicht die Berichtssaison, die die Stimmung hebt, sondern es sind Geschäftsberichte.
– Drittens, dass Berichte gut sein müssen, damit eine Berichtssaison für „gute Stimmung sorgen“ kann.
– Viertens: „der Unternehmen“? Die Formulierung ist eine Frechheit angesichts der paar Unternehmen, die der Agenturbericht nennt.
– Fünftens (noch einmal): „Sorgen für“ wird von Journalisten zur inhaltsleeren Stereotype degradiert, weil sowohl für Kriege als auch für Stimmungen gesorgt wird. Mehr dazu in einem späteren Blogbeitrag.

Zusammenfassung
Was ich als Alternative geschrieben habe, basiert auf dem weiteren Text der Agenturmeldung. Ich fand es nicht so schwer, im Text die Informationen zu finden, die mit „Berichtssaison“ gemeint sind.

Beim Weiterlesen habe ich entdeckt, dass es ja gar nicht nur der Intel-Bericht und die Ölpreise sind, die die Kurse steigen ließen. Vielmehr sind es die Erwartung, dass die Zentralbank die Zinsen nicht erhöht, die „aufgehellte Stimmung“ am Immobilienmarkt und die guten Berichte der Delta Air Lines. Der Satz der Agentur ist also nicht nur außerhalb des Kreises der Jargonversteher unverständlich, sondern auch falsch.

Ach, und streichen Sie „sorgen für“ aus Ihrem Wortschatz, wenn Sie damit sowieso keine Fürsorge meinen.

© Egbert Manns

Posted in Sätze, Textdesign, Zeitungssprache | Tagged , , , , , , , , , | Leave a comment