Sätze (13): Quellenangabe zur „wörtlichen Rede“ frühestmöglich — Zeitungssprache 212

Die wörtliche Rede verlangt eine Quellenangabe. Dazu drei Empfehlungen: Bringen Sie die Quellenangabe möglichst früh. Wenn Sie ein langes Zitat haben, unterbrechen Sie das Zitat so früh wie grammatisch möglich für die Quellenangabe. Und – aber das wird ein eigener Beitrag – vermeiden Sie Quellenangaben am Absatzende und am Textende!

Zuerst die Aussage, dann die Quelle, das ist die klassische Reihenfolge einer Nachricht. Beispiel: Die Polizei in Köln hat drei seit Jahren gesuchte Einbrecher festgenommen. Das hat das Polizeipräsidium mitgeteilt. Diese Reihenfolge gilt am Anfang einer Nachricht und auch für (neue) nachrichtliche Aspekte mitten im Text.

Auch wenn eine Nachricht mitten im Text in einer wörtlichen Rede, einem Zitat, steckt, gilt diese Reihenfolge als elegant. Der Haken ist bloß: Der Leser mus gleichzeitig die Quelle erfahren – was schriftlich schwierig ist. Also muss sie wenigstens frühestmöglich genannt werden. 

Zu 1 – Quelle frühestmöglich
In einem Artikel von dpa heißt es: „Wir wollten, dass die Seele des Silos erhalten bleibt“, sagt Heatherwick. … „Wir wollen den zeitgenössischen Dialog mitgestalten – sozial, politisch, kulturell und umweltbezogen. Die Kunstwerke sollen eine klare, wichtige Aussage haben, die die Leute bewegt, jung oder alt“, erklärt Zeitz. 

Plötzlich redet jemand, und man bemerkt erst nach 26 Wörtern, dass es ein anderer ist, als der, die vorher ein paarmal zitiert worden ist.

Das zweite Zitat stammt nicht von der gleichen Quelle wie das erste. Das erfährt der Leser aber erst nach zwei Sätzen wörtlicher Rede mit zusammen 26 Wörtern. Das ist zu spät, weil man eine wörtliche Rede in Zeitungstexten derjenigen Quelle zuordnet, die zuletzt genannt worden ist. Der Leser wird in die Irre geführt.

Für jedes Zitat, nicht nur das zweite, gilt: Die Quelle wird frühestmöglich genannt. Vielleicht sogar vor dem Zitat? Selten. Im deutschen Journalismus gilt es, wie gesagt, als unelegant, erst die Quelle zu nennen und dann das Zitat, jedenfalls liest man es selten. 

Manche Autoren ziehen die Quelle zwar nach vorne, aber auf Kosten des Argumentationsflusses. Sie führen die Quelle ein und qualifizieren sie (Beruf, Position etc). Dann erst kommt das Zitat zur Sache. Das liest beispielsweise so: Maria Meyer ist Sozialarbeiterin in Enstadt und hat Erfahrung im Umgang mit verwahrlosten Kindern. Sie sagt: „Viele Kinder gelten in der Schule als Versager, aber in Wirklichkeit sind es die Eltern, die Abend für Abend versagen und das Kind nicht zu Bett bringen.“ Der Textanfang wirkt bemüht bis unbeholfen.

Wer die Quelle vor das Zitat stellt, soll sich kurz fassen. Um im Beispiel zu bleiben: Die Sozialarbeiterin Maria Meyer sagt: „Viele Kinder …“ Die weitere Qualifikation kann man bringen, wenn sie passt. 

Oder man schreibt in die Quellenangabe gleich etwas zur Sache. Zum Beispiel: Die Sozialarbeiterin Maria Meyer gibt Eltern die Schuld an nicht ausgeschlafenen Schulkindern. „Viele Kinder gelten in der Schule als Versager, aber in Wirklichkeit sind es die Eltern, die Abend für Abend versagen und das Kind nicht zu Bett bringen.“ Anschließen könnte man die Qualifikation bringen.

Zu 2 – Quelle mittendrin:
Zuerst die Nachricht, dann die Quelle, das lässt sich häufig auch mit Quellenangaben bewerkstelligen, die das Zitat teilen. Nur sollten sie dann extrem kurz sein. Im genannten Beispiel von dpa könne das so funktionieren: „Wir wollen den zeitgenössischen Dialog mitgestalten“, erklärt Zeitz, „sozial, politisch, kulturell und umweltbezogen. Die Kunstwerke sollen eine klare, wichtige Aussage haben, die die Leute bewegt, jung oder alt.“

Eine Unart dieses Vorgehens ist, ein Zitat einfach nach ein, zwei Wörtern zu beenden, dann die Quelle zu nennen und dahinter das Zitat fortzusetzen. So wie: „Das“, sagt Meyer, „kommt in den besten Familien vor.“ Weder die deutsche Grammatik noch die Hochliteratur bieten eine Rechtfertigung dafür, Sätze derart zu verschandeln. 

Die Quelle war noch nicht vorgekommen, der Leser liest also ins Blaue, weiß nicht, wessen Weisheit er vorgesetzt bekommt.

Die Möglichkeit, ein langes Zitat für die Quellenangabe zu trennen, bietet sich häufig. Das nebenstehende Zitat zum Beispiel enthält 37 Wörter, bis die (dann zum ersten Mal genannte) Quelle erwähnt wird. Richtig wäre gewesen, die Quelle nach dem ersten Satz, nach neun Wörtern, einzufügen. Mit acht Wörter einschließlich des Namens ist die gesamte Quellenangabe auch recht kurz, also keinesfalls ein Fremdkörper, der das gesamte Zitat übermäßig auseinanderrisse.

Fazit: Stellen Sie Ihre Leser, wenn Sie jemanden zitieren, nicht ein Dutzend oder mehr Wörter lang vor die Frage, wer das wohl sagt. Nennen Sie die Quelle, vielleicht sogar mit einer Aussage, vorab. Oder teilen Sie das Zitat. Sie können sich Ihre eigene Regel bilden, nach wie vielen zitierten Wörtern Sie spätestens die Quelle einfügen.

Wenn Sie ein Zitat nicht nach spätestens einem Dutzend Wörtern unterbrechen können, ist der Satz ohnehin vielleicht zu lang und schwer verständlich. Dann formulieren Sie seinen Inhalt mit Ihren eigenen Worten – ohne An- und Abführung natürlich. 

© Egbert Manns

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Sätze (13): Die „wörtliche Pumpe“ — Zeitungssprache 211

Wörtliche Rede in Nachrichtentexten dient dazu, wichtige Aussagen zum Leser zu transportieren. Im vorangegangenen Blogbeitrag sind dafür schon die Merkmale Meinung, Absicht, Wortwahl, Dokumentation und Prägnantes genannt worden.

Gelegentlich finden wir Texte, in denen das Merkmal Länge eine Rolle zu spielen scheint. Das sind Texte, in denen die wörtliche Rede eine vorhergehende Aussage wiederholt, entweder mit anderen Wörtern oder überflüssigen Zusatzinformationen. Diese wörtliche Rede pumpt den Text auf.

Es gibt eine Grauzone zwischen Zitaten, die dem Pumpen dienen, und denen, die der Prägnanz dienen. Sie sind nicht immer voneinander abzugrenzen. Vielleicht hilft folgende Faustregel: Von Prägnantem kann man sprechen, wenn das Zitat das vorher Gesagte inhaltlich schärft, nicht bloß mit (etwas) anderen Worten wiederholt. Dann funktioniert der Inhalt der wörtlichen Rede auch ohne den vorangegangenen Satz. 

Drei Beispiele mögen das illustrieren:

Sawatzki1. Sawatzki
Die Schauspielerin Andrea Sawatzki („Klimawechsel“) …
Ich halte das Zitat für eine Ergänzung der Aussage „dass es einem während des Drehs nicht gut gehen darf“, denn „nicht gut gehen“ ist etwas anderes als „in mieser Stimmung“. Der Text ist so arm an Inhalt, dass er beide Sätze braucht.

 

 

Sauerland2. Sauerland
Auch wenn Sauerland vorerst von staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen … 
Die drei wörtlichen Reden im Beispiel wirken auf mich ausgesprochen pumpend. Ich bin nicht sicher, dass die wörtlichen Reden wichtig oder prägnant sind, was Wortwahl oder Inhalt angeht. Sie geben das vorher Geschriebene mit anderen Wörtern wieder.

Ausbildung3. Ausbildung
Sie hat das Abitur gemacht …
In diesem Text bringt die wörtliche Rede den gleichen Inhalt wie das zuvor Geschriebene, nur mit anderen Wörtern. Der Text ist an dieser Stelle gepumpt.

Fazit
Man pumpt, wenn man auf mehr Zeilen kommen will, aber keine weiteren Informationen hat. Das kann ein Notbehelf sein, aber mehr nicht. Man pumpt mit wörtlichen Reden auch, wenn man annimmt, so viel wie möglich davon lockere einen Text auf oder mache ihn interessanter oder authentischer. Interessant ist jedoch nicht Masse, sondern Klasse. Die ist eher selten zu finden. Der Wert der wörtlichen Rede wird überschätzt, und zum Auflockern eines Text gibt es ein besseres Mittel: Absätze. 

© Egbert Manns

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Sätze (12): Die „wörtliche Rede“ — Zeitungssprache 210

Ob ein nachrichtlicher Artikel wörtliche Rede enthält oder nicht, hängt von den Quellen ab. Nennt der Autor eine Quelle, darf er sie zitieren, sei es ein Mensch, eine Institution oder ein Dokument. Er muss es aber nicht, denn manchmal ist der Zwang zur Kürze stärker als die Notwendigkeit der wörtlichen Rede, die meistens mehr Wörter in Anspruch nimmt, als für den gleichen Inhalt nachrichtlich gebraucht werden.  

Eine Rede wörtlich wiederzugeben ist sinnvoll, wenn sie wichtige Aussagen enthält. Wichtig sind
– Persönliches. Das sind Meinungen, Absichten und Wortwahl. Wichtig ist auch Dokumentation. Das sind  Aussagen, für die der Sprecher sich (vielleicht später) verantworten muss, und Aussagen in schriftlichen und Audiodokumenten, also in allem, was man lesen und/oder hören kann.
– Prägnantes. Das sind Formulierungen, die stilistisch, sprachlich und/oder inhaltlich so eindeutig und charakteristisch für den Inhalt und/oder die Quelle sind, dass sie in indirekter Rede nur ungenügend transportiert werden könnten. hriebenes zu betonen oder zu erläutern.

Nicht (rpt. nicht!) in wörtlicher Rede werden Texte wiedergegeben, die der Verfasser des Artikels nicht kapiert hat und/oder die zu redigieren er zu faul war. 

Drei Beispiele für falsch und sinnvoll eingesetzte wörtliche Rede.

Mannheim1. PM Stadt Mannheim
Das verdeutlichte auch der Vortrag von Miriam Aakerlund vom staatlichen Schulamt Mannheim. … (Stadt Mannheim). Die Pressemitteilung der Stadt zitiert einen Absatz lang aus einem Vortrag einer Schulrätin aus dem Frühjahr 2014. 

Anmerkungen
Dem Zitat mangelt es an den genannten Merkmalen Meinung, Absicht, Wortwahl, Dokumentation. Was da in wörtlicher Rede wiedergegeben wird, ist deshalb ein Musterbeispiel dafür, was nicht in wörtliche Rede gehört: auf Kompression geschriebene Information, die in ihrer Dichte zur Desinformation mutiert. Denn allein das Gebilde „… unter Zugrundelegung des aktuellen prozentualen Anteils an Werkrealschülern voraussichtlich …“ versteht man nur, wenn man in dieser Sprache zuhause ist oder sich die Zeit nehmen  kann, es aufzuschlüsseln. Dann bemerkt man vielleicht auch, dass „prozentualer Anteil“ Unfug ist, denn Anteil ist Anteil, egal ob in Prozent oder als Bruch ausgedrückt, und „prozentual“ hätte nur dann Sinn ergeben, wenn gesagt worden wäre, um wie viele Prozent es geht.

Der Text ist ohnehin eine Aufforderung und Herausforderung für jeden Redakteur. So ließe sich der erste Satz der wörtlichen Rede gut entnominalisieren, denn „Anmeldezahlen liegen bei 274 Schülern“ heißt auf Deutsch: „274 Schüler haben sich angemeldet.“ 

Badische2. Badische Zeitung
Dieser Aspekt führt Manfred Wiezel zu der Frage … (Badische Zeitung). 

Anmerkungen:
Das ist ein Beispiel dafür, was an wörtlicher Rede in eine Nachricht gehört, nämlich eine Meinungsäußerung. In diesem Fall sind es gleich zwei, nämlich der Vorwurf an die Belchenbahn und die Aussage „… hat mit Naturschutz nichts zu tun“. 

Nicht gelungen ist das Sprechverb. „Sich über jemanden ärgern“ ist kein Sprechverb. In dem Fall wäre es besser gewesen, die einfache Aussage „Wiezel ärgert sich über Seger“ zu bringen und dann die wörtliche Rede. Diese Reihenfolge hätte das Merkmal Prägnanz erfüllt.

OK3. Ostfriesischer Kurier
Charlie Martin bezeichnet seine Form der Magie als „Zaubertainment“ … (Ostfriesischer Kurier).  

Anmerkungen:
Das Wort „Zaubertainment“ gehört aus zwei Gründen in Anführungsstriche. Erstens, weil eine Aussage („bezeichnet …“) über das Wort getroffen wird, und zweitens, weil das Wort ungewöhnlich ist und deshalb das Merkmal „Wortwahl“ erfüllt.

Das folgende Zitat „Er vereint …“ ist in Ordnung, weil es unter Angabe der Quelle Aussagen bringt. Die könnte man zwar redigieren, man müsste aber mangels eigener Anschauung auf die Wortwahl der Quelle zurückgreifen. In dem Fall ist es ehrlich, die Quelle wörtlich zu zitieren.

Fazit
Das Beispiel 1 stammt nicht aus einer Zeitung, sondern ist eine der Nachrichten, die eine Stadtverwaltung auf ihrer Homepage veröffentlicht hat. Der Text (ich empfehle die vollständige Lektüre) ist nicht nicht vom Leser her gedacht, sondern von den Absendern von Informationen. Das sind die, die im Text zitiert werden. 

Redakteursarbeit bedeutet, solche Informationen auf ihren Gehalt zu prüfen und in normale, möglichst leicht lesbare Information zu übersetzen. Das ist oft Interpretation.

Interpretation können die Verfasser eines städtischen Nachrichtentextes eher nicht leisten. Sie schreiben keine eigenverantwortlichen Artikel, sondern zitieren viel aus Reden, Pressemitteilungen etc. derer, deren Aussagen sie weitergeben (sollen oder wollen), wörtlich. Dann haben sie a) ihre Quelle zufriedengestellt und b) wegen des Verzichts auf Interpretation selbst keinen Fehler gemacht. 

Die beiden anderen Beispiele sind typisch für den vernünftigen Gebrauch wörtlicher Reden in der Zeitung. 

© Egbert Manns

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Der Vorspann mit der Nachnachricht (6): „Nach“ nach „nach“ – Zeitungssprache 022

Wie wenig starken Sinn die Nachnachrichterei transportiert, zeigt vielleicht auch ein Beispiel aus dem September 2017. Am 25. September waren drei Männer aus der Zwiefaltener Klinik für Forensische Psychiatrie ausgebrochen. Die Nachrichtenagentur dpa brachte bis 27. September mehrere Nachrichten dazu (danach habe ich das nicht mehr verfolgt). Die vier jeweils längeren (Zusammenfassungen) am Nachmittag oder Abend fingen mit „Nach“, an allen vier Tagen.

1. 2017 09 25 – 14:02 Uhr: Nach der Flucht von drei drogenabhängigen Straftätern aus einer Psychiatrie fürchten Experten Straftaten von den Männern.
2. 2017 09 26 – 18:50 Uhr: Nach dem Ausbruch von drei Straftätern aus der Psychiatrie in Zwiefalten im Landkreis Reutlingen hat die Polizei zwei der Männer in Esslingen festgenommen.
3. 2017 09 27 – 14:12 Uhr:  Nach der Festnahme von zwei aus der Psychiatrie ausgebrochenen Straftätern sucht die Polizei weiter nach dem dritten Geflüchteten.
4. 2017 09 27 – 19:16 UhrNach der Flucht von drei Straftätern aus der geschlossenen Abteilung der Zwiefaltener Klinik für Forensische Psychiatrie soll nach Zeitungsberichten das Sicherheitskonzept der ehemaligen Klosteranlage überprüft werden.

Anmerkungen
Die ersten drei Nachnachrichten sind auf die typische Weise zweifach umständlich gestrickt: Erstens: Niemand würde so sprechen. Zweitens: Jeder der Sätze enthält Subjekt oder Objekt zweimal, natürlich synonymisiert. Keiner dieser Sätze gibt die Antwort auf die Frage: „Was war los?“ in einer normalen Sprache. Die Sätze sind steif, der Inhalt zum Teil belanglos. Die vierte Nachricht enthält gleich zwei „Nach“ mit zwei Bedeutungen und ist viel zu lang, bevor sie zur Sache kommt.

Zu 1.: Es gibt mehrere Möglichkeiten, diese Nachricht im normalen Sprachgebrauch zu bringen. Das ist selbst dann möglich, wenn man die Wortwahl beibehält, was ich allerdings nicht tun würde, denn dass Straftäter Straftaten begehen könnten – nun ja. Zum Beispiel ist möglich: „Die drei aus einer Psychiatrie geflüchteten drogenabhängigen Straftäter könnten Straftaten begehen, vermuten Experten.“ Das sind 13 Wörter. Möglich wäre auch: „Die drei aus der Psychiatrie Zwiefalten geflüchteten Drogenabhängigen könnten Straftaten begehen, befürchten Experten.“ Oder „Experten warnen vor den drei aus der Psychiatrie Zwiefalten ausgebrochenen drogenabhängigen Straftätern“ (12 Wörter).

Der „Nach“-Anfang im Originalsatz zwingt den Autor, die „drei Straftäter“ noch einmal zu erwähnen, sie mutieren am Ende des Satzes zu „Männern“. Das bläht den Satz auf und ist der Hauptgrund dafür, dass er umständlich klingt und unnötig lang ist (16 Wörter). Ohne „Nach“ geht’s eleganter und kürzer.

Anstelle der „Experten“ würde ich gerne einen Namen nennen, aber aus dem weiteren Text wird nicht klar, wer die Befürchtung ausgesprochen hat. Genannt wird als Erste die Chefärztin, aber die spricht die Befürchtung nicht aus, sondern sagt etwas über die Nichttherapierbarkeit der Männer. Als Zweiter wird der Ärztliche Direktor genannt, aber der sagt was über die Haftaussichten. Als Dritter wird der pflegerische Leiter genannt, aber der schildert die Ausbruchmethode. Wer, bitte, sind die „Experten“ und/oder welcher hat die Befürchtung geäußert? Wenn man im Vorspann eine Nachricht gibt, sollte sie im Weiteren mit wenigstens zwei Sätzen vertieft werden, nämlich wenigstens mit der Quelle und der Begründung der Befürchtung.

Zu 2.: Auch für diesen Satz gibt es einfache Alternativen. Eine lautet: „Zwei der drei Männer, die aus der Psychiatrie in Zwiefalten ausgebrochen waren, sind festgenommen worden.“ Das sind 15 Wörter anstelle der 23 im Agentursatz. Ein Manko meines Vorschlags: Das Prädikat steht an letzter Stelle. Wer es weiter vorne haben möchte, muss mit der Polizei anfangen: „Die Polizei hat zwei der drei Männer festgenommen, die aus der Psychiatrie in Zwiefalten ausgebrochen waren.“ Noch kürzer: „Zwei der drei Ausbrecher aus der Psychiatrie in Zwiefalten sind festgenommen worden.“ (12 Wörter)

Auch in diesem Originalsatz bewirkt der „Nach“-Anfang, dass die „Straftäter“ am Satzende zu „Männern“ synonymisiert werden. Ohnehin ist die Information vom Ausbruch schon einen Tag alt, das „Nach“ deshalb die Einleitung zur Vorgeschichte der Nachricht. Die aber gehört nach hinten und nicht an den Anfang, das bekommen Journalisten in Kursen zum Nachrichtenschreiben eigentlich beigebracht.

Weggelassen habe ich aus dem ersten Satz den Ort, in dem die Männer festgenommen worden sind. Der tut’s für diese Nachricht auch im zweiten Satz.

Zu 3.: Das ist doch klar, dass die Polizei den dritten Mann noch sucht, wenn sie die ersten zwei festgenommen hat. Das ist nicht einmal eine Nachricht. Und natürlich muss der Satz, weil er mit „Nach“ anfängt, das Objekt synonymisieren. Die „Straftäter“ mutieren zum „Geflüchteten“.

Die Botschaft des Satzes ist simpel: „Die Polizei sucht auch den dritten Geflüchteten.“ Das war zu erwarten, das ist der Job der Polizei, also ist das nun wirklich keine Nachricht.
Weiter hinten im Text steht, dass der Geflüchtete ein Türke sei und „auch im Ausland gesucht“ wird. Das wäre eine Nachricht, allerdings wird sie nicht weiter ausgeführt. Gibt es einen Haftbefehl über Interpol? Ist mit „Ausland“ die Türkei oder ein anderer Staat gemeint? Nichts dazu.

Hoffentlich hat keine Zeitung die Nullnachricht abgedruckt. Den informationslosen und krummen Satz – sprechen Sie ihn doch mal auswendig nach! – einzudeutschen schenke ich mir.

Zu 4.: Die Nachricht ist: „Das Sicherheitskonzept der Zwiefaltener Klinik für Forensische Psychiatrie soll überprüft werden.“ (11 Wörter). Im Originalsatz beginnt diese Nachricht erst mit dem 20. Wort. Schon daran kann man sehen, mit wie wenig handwerklichem Können der Satz zusammengeschustert worden ist.

Das Wort „nach“ kommt in zwei Bedeutungen vor, zuerst zeitlich und dann im Sinne von „zufolge“. Hier liegt der typische Fall vor, dass das „Nach“ am Satzanfang eine Kausalität verkleistert. Denn das Konzept soll geprüft werden, weil jemand ausgebrochen ist. Und natürlich passiert das erst nach dem Ausbruch, wann sonst? Der „Nach“-Anfang ist wie fast immer sinnlos.

Ach ja, das Synonym: Aus der „Zwiefaltener Klinik für Forensische Psychiatrie“ wird eine „ehemalige Klosteranlage“, weil die Klinik wegen des „Nach“-Anfangs zweimal genannt werden muss. Nicht, dass die „ehemalige Klosteranlage“ keiner Erwähnung wert sein könnte. Aber das gehört in die weiteren Ausführungen. Hier dient sie nur als Synonym für die zweite Erwähnung der Psychiatrie, was eine Folge davon ist, dass der Satz sinnloserweise mit „Nach“ beginnt.

Fazit
Wegen dieses Anfangs* sind alle vier Sätze hilflos formuliert: Die Sätze sind länger als sie sein müssten und einige zu lang, die Nachricht steht am Satzende, Synonyme blähen den Satz, die Sprache ist weit weg von der gesprochenen Sprache. Das ist ein Aneinanderreihen von irgendwie passenden Wörtern. Eine typische Nachnachricht eben. Richtige Antworten auf die Frage: „Was war los?“ hätten sich anders gelesen.

Binnen drei Tagen vier längere Berichte zum Thema „Ausbruch aus der Psychiatrie“, alle fangen mit „Nach“ an. Das zeigt, wie gestanzt viele Agenturberichte sind: Schema F auf Teufel komm raus. Das können Computer bald genausogut. Eine Sprache, die der jeweiligen Nachricht angemessen ist, geht anders.

© Egbert Manns

  • Die Agentur würde schreiben: Nach diesem Anfang …
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Sätze (11): SPO in Aufzählungen, primitiv oder angemessen — Zeitungssprache 206 Nachtrag

Ein typisches Beispiel für lexikalische Varianz: Bloß kein Vollverb zweimal schreiben.

Ein typisches Beispiel für lexikalische Varianz: Bloß kein Vollverb zweimal schreiben. http://www.augsburger-allgemeine.de/illertissen/Nach-Jugend-soll-Seniorenarbeit-in-Vordergrund-ruecken-id35941697.html

Ein echt irres Beispiel für lexikalische Varianz bietet der nebenstehende Text. Darin geht es um eine Vorstandswahl. Fünf Leute gehören fortan dem Vorstand an, aber nur einer von denen ist gewählt worden. Anstatt eine klare, übersichtliche Aufzählung zu schreiben, die von einem Prädikat getragen wird, hat der Verfasser sich um Literatur bemüht.

Lexikalische Varianz
In den Vereinsvorstand sind fünf Leute gewählt worden.
a) startet in Amtsperiode,
b) wurde gewählt,
c) ist,
d) verwaltet,
e) organisiert.
In den Jugendausschuss sind fünf Leute gewählt worden. Gewählt? Nein,
f) ist,
g) fungiert,
h und i) sind,
j) 
füllt aus.
Hammerhart!

Eine milde Form der grammatikalischen Varianz ergänz die lexikalische. „Milde“ deshalb, weil Subjekt (S), Prädikat (P) und Objekt (O) zwar in drei Reihenfolgen vorkommen und mal aktiv, mal passiv. Aber neun von zehn Funktionsbeschreibungen fangen mit dem Objekt (Amt) an; dieser gleiche Anfang zeigt immerhin das Bemühen um Verständlichkeit.

Im Einzelnen:
a) PSO (aktiv)
b) OSP (passiv)
c) OPS (aktiv)
d) OPS (aktiv)
e) OPS (aktiv)
f) OPS (aktiv)
g) OPS (aktiv)
h) OPS (aktiv)
i) OPS (aktiv)
j) OSP (passiv)
Was fehlt? Die Mutter aller Satzstellungen, SPO!

Es ist doch so leicht, eine verständliche Aufzählung zu schreiben. Wie im folgenden Beispiel, das ich in den Westfälischen Nachrichten gesehen habe:

„Die Mitglieder wählten Winfried Raddatz zum stellvertretenden Vorsitzenden, Dieter Mittelberg zum Kassierer, Peter Wortmann zum Schriftführer, Michael Puke zum Vorstandsmitglied für besondere Aufgaben sowie Dietmar Beimdiek, Heike Hemmer und Jonas Möllenkamp zu Beisitzern.“

© Egbert Manns

 

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